Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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26.8.2008 | Von:
Birgit Müller

Erinnerungskultur in der DDR

Verharmlost, verklärt, vergessen? Die DDR verstand sich als das "neue bessere Deutschland" und lehnte eine Auseinandersetzung um die Schuldfrage ab. Aber wie erinnerte die DDR an den Nationalsozialismus?
Die Figurengruppe von Fritz Cremer steht vor der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Eine offizielle Feier findet am FREITAG, 9 September, 2005 statt, um die Rückkehr der Skulptur nach ihrer Restauration zu feiern.Erinnerungskultur in der DDR. Dieses Denkmal wurde 1958 von Fritz Cremer erschaffen. Die berühmte Figurengruppe stellt den Widerstand der Häftlinge im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald dar. (© AP)

Die Erinnerungskultur in der DDR war hauptsächlich gekennzeichnet durch den Antifaschismus, der als Staatsdoktrin galt und den Staat politisch legitimierten sollte. Ausgehend von der Faschismusthese nach Georgi Dimitroff, nach der der "Faschismus die offen terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals sei"[1] verstand sich die DDR als Nachfolgerin des antifaschistischen Widerstandskampfes der KPD, als neues besseres Deutschland und als Gegenentwurf zur Bundesrepublik, welche nach Auffassung der DDR direkt an das Dritte Reich anknüpfte und dem Selbstverständnis nach als Gegenpol anzusehen war. Diese Herangehensweise ermöglichte es auf der Suche nach Selbstlegitimation, sich nicht mit der Rolle der nationalsozialistischen Ideologie und der Schuldfrage auseinandersetzen zu müssen.

Im Zuge der Entnazifizierung in den ersten Nachkriegsjahren in der sowjetischen Besatzungszone wurden tausende Richter, Lehrer, Verwaltungsangestellte und Verantwortungsträger entlassen und "Nazis und Kriegsverbrecher [...] enteignet."[2] Aber auch die Bodenreform und die Kollektivierung der Wirtschaft, die nicht nur ehemalige Nationalsozialisten betrafen, sollten zum Aufbau des neuen sozialistischen Staates beitragen. In den verschiedenen politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen wurden zunächst die Fragen nach einer Mitschuld, nach Wiedergutmachungsansprüchen und nach der Aufarbeitung der Vergangenheit diskutiert. Doch durch die Manifestierung des Antifaschismus und einem Austausch der politischen Elite schien es möglich, einerseits einen Schlussstrich zu ziehen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich einer intensiven Aufarbeitung zu entziehen. Andererseits bot sich die Chance, den politisch-moralischen Anspruch des "besseren Deutschlands" auch propagandistisch umzusetzen.


Erinnerung an die NS-Opfer

Unmittelbar nach Beendigung des Krieges galt die Erinnerung in der sowjetischen Besatzungszone allen Opfergruppen. Es war unerheblich, ob es sich um Widerstandskämpfer kommunistischer, bürgerlicher oder christlicher Couleur handelte oder ob die Verfolgung aus rassistischen Gründen erfolgte. Kurz nach Kriegsende 1945 wurden als "Opfer des Faschismus" diejenigen bezeichnet, die "'unter der Hitlerdiktatur heldenmütig für die Freiheit des deutschen Volkes' gekämpft hatten, sowie die 'Hinterbliebenen der von den Faschisten ermordeten Helden des deutschen Freiheitskampfes'".[3] Die Weiterführung des Zitats verdeutlicht jedoch, dass eine Hierarchisierung der Opfergruppen im Interesse der kommunistischen Erinnerungskultur und des Geschichtsbewusstseins vorgenommen wurde. Denn es heißt weiter: "'Opfer des Faschismus' sind die Juden, die als Opfer des faschistischen Rassenwahns verfolgt und ermordet wurden, sind die Bibelforscher und Arbeitsvertragssünder. Aber so weit können wir den Begriff 'Opfer des Faschismus' nicht ziehen. Sie haben alles geduldet und Schweres erlitten, aber sie haben nicht gekämpft."[4]

Vor allem die Spitze der SED sah in den kommunistischen Widerstandskämpfern die bedeutendste Gruppe, die stets hervorgehoben wurde. So wurde zwischen "Opfern des Faschismus" und den "Kämpfern gegen den Faschismus" unterschieden. Die Erinnerung an die anderen Opfer wurde somit sekundär und verschwand größtenteils aus dem öffentlichen Gedächtnis.[5] Jürgen Danyel weist darauf hin, dass "in der DDR [...] die Euthanasie-Opfer, die Sinti und Roma, die 'Asozialen', die Homosexuellen und andere Minderheiten zu den lange vergessenen Opfergruppen"[6] gehörten.

Damit verbunden war auch die Frage nach individueller Entschädigung, Rückerstattung und Wiedergutmachung. Die DDR lehnte diese Forderungen bis in die 70er Jahre hinein ab, da sie sich nicht als Rechtsnachfolger des "Dritten Reiches" verstand. Allerdings musste sie Reparationsleistungen an die Sowjetunion abführen, die nicht nur aus der Demontage von Fabriken und finanziellen Abgaben bestanden, sondern auch der laufenden Produktion entnommen wurden. Als ausreichend für die "Opfer des Faschismus" wurden Fürsorgemaßnahmen angesehen, die nach bestim­mten Kriterien wie Inhaftierung, Berufsverbot oder aktiver kom­munistischer Widerstandskampf abgestuft waren.

Entnazifizierung und die NS-Opfer

1952 wurde schließlich - auch auf Drängen der Sowjetischen Militäradministration - die Entnazifizierung beendet. Die Gesetze von 1949 und 1952 über den "Erlass von Sühnemaßnahmen und Gewährung staatsbürgerlicher Rechte" für ehemalige Mitglieder der Wehrmacht und der NSDAP sollten die Integration in die sozialistische Gesellschaft ermöglichen, wenn diese bereit waren, sich aktiv am Aufbau des sozialistischen Staates zu beteiligen. Auf Widerspruch und Entsetzen stieß dieses Vorgehen bei den Opfern des Naziregimes und deren Angehörigen.

Sie engagierten sich ab Februar 1947 in der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN) und bildeten bis zu ihrer Auflösung im Februar 1953 ein bedeutendes Forum für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Sie waren nicht gewillt mit ehemaligen Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Auf Beschluss des Politbüros der SED wurde der VVN jedoch aufgelöst und vom Komitee der Antifaschistischen Widerstandkämpfer abgelöst, welches hauptsächlich aus Parteimitgliedern bestand.

"Antifaschistischer Kampf" wurde das Stichwort für das kollektive Geschichtsbewusstsein und als ununterbrochene Tradition des kommunistischen Widerstandes dargestellt. Insbesondere das Verhältnis zu den jüdischen Opfern war stets gespannt. Vor dem Hintergrund des Slansky-Prozesses gegen vermeintlich "zionistische Spione" 1952 in der Tschechoslowakei und des starken Antisemitismus in der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern erstarkte auch in der DDR ein antisemitisches Klima. Insbesondere der Prozess gegen Paul Merker, der sich für die Entschädigung von jüdischen Opfern einsetzte und als "Agent und Förderer des Zionismus"[7] verurteilt wurde sowie die ablehnende politische Haltung gegenüber Israel verdeutlichen diese Entwicklung.

Im Januar 1953 schloss auch die VVN mehrere jüdische Mitglieder wegen vermeintlicher "zionistischer Agententätigkeit aus", einige führende Mitglieder waren aus Angst vor Verfolgung aus der DDR geflohen und das ZK der SED kündigte die Überprüfung ehemaliger Emigranten auf zionistische Agententätigkeit an. Der kommunistischen Zensur folgend wurde der jüdische Widerstand weitestgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt.

Der verordnete Antifaschismus etablierte sich in den 1950er und 1960er Jahren im Geschichtsbild der DDR und wurde auch zur Begründung der nationalen Identität herangezogen. Die Erinnerung und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gingen immer stärker einher mit einer politischen Inszenierung, Instrumentalisierung und Ritualisierung.


[1] Dimitroff, Georgi: Ausgewählte Schriften, Band 2, Berlin 1958, S. 525.
[2] Leo, Annette: Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der DDR in: Geeinte Nation – Geteilte Geschichte. Die deutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung hrsg. von Wolfgang Benz und Jörg Leuschner, Salzgitter 1993, S 46.
[3] Zit. nach: Nieden, Susanne zur: "L. ist ein vollkommen asoziales Element...". Säuberungen in den Reihen der "Opfer des Faschismus" in Berlin in: Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus hrsg. Von Annette Leo und Peter Reif-Spirek, Berlin 2001, S. 88.
[4] Zit. nach: Ebenda, S. 88.
[5] Die Erinnerung an die Angehörigen des 20. Julis 1944 und an den christlichen Widerstand wurde erst in den 80er Jahren wieder aufgenommen.
[6] Danyel, Jürgen: Der vergangenheitspolitische Diskurs in der SBZ/DDR 1945-1989. In: Krieg – Diktatur - Vertreibung. Erinnerungskulturen in Tschechien, der Slowakei und Deutschland seit 1945 hrsg. von Christoph Cornelißen, Essen 2005, S. 191.
[7] Staritz, Dietrich: Judenverfolgung und Antisemitismus in der Wahrnehmung der KPD in: Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland hrsg. von Werner Bergmann, Rainer Erb und Albert Lichtblau, Frankfurt am Main / New York 1995, S. 224.

Gedenkstätten in der DDR

Die Politisierung der Erinnerungskultur wird auch in der Denkmalarchitektur deutlich, die vordergründig der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstandskampf gewidmet ist und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus nachordnete. Bereits in den 1950er Jahren gab es Initiativen zur Errichtung von Gedenkstätten. Zunächst pflegten Angehörige der Opfer und Überlebende der Konzentrationslager die authentischen Orte und errichteten provisorische Gedenkstätten.

Im Juni 1951 erging der Beschluss der Regierung zur Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar. Vier Jahre später wurde ein Kuratorium unter Vorsitz von Otto Grotewohl zur Errichtung nationaler Gedenkstätten in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen gegründet.[8] 1958 wurde zunächst die Gedenkstätte Buchenwald, 1959 Ravensbrück und 1961 Sachsenhausen eröffnet. Die doppelte Vergangenheit als Konzentrationslager und sowjetische Speziallager blieb unbeachtet.

Die Ziele der Schaffung der Gedenkstätten wurden in einer Broschüre zum 20-jährigen Bestehen der Gedenkstätte Buchenwald wie folgt formuliert: "Der Aufbau der Mahn- und Gedenkstätte war Ausdruck der wachsenden politischen Reife der Bevölkerung, des Prozesses der demokratischen und antifaschistischen Bewusstseinsbildung und der Bereitschaft der Bevölkerung die Politik der Regierung aktiv zu unterstützen."[9] Hier wird deutlich, dass es primär nicht um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ging, sondern um eine politische Instrumentalisierung.

Der Historiker Olaf Groehler resümiert: "Höchst zielstrebig wurde in den zu Nationalen Gedenk- und Mahnstätten erklärten Objekten die Absicht verfolgt, sie von Orten des Leidens und der Verfolgung zu Gedenkstätten der antifaschistischen Kämpfer und Helden umzufunktionieren, letztere damit letztlich auch zu Siegern der Geschichte zu verklären, wobei die wirklichen Toten vergessen wurden."[10] Die Hierarchisierung der Opfergruppen wurde auch in der Denkmalsarchitektur deutlich, so war das Symbol des "Roten Winkel" für die politischen Häftlinge überall präsent. Zudem erinnerten zahlreiche Gedenktafeln, Straßenschilder und Mahnmale vornehmlich an kommunistische Widerstandskämpfer oder generalisierend an die "Opfer des Faschismus".

Ritualisierte kollektive Gedenktage und –veranstaltungen wurden vor allem am 8. Mai (Tag der Befreiung), dem 1. September (Weltfriedenstag), aber auch zur Erinnerung an den Novemberpogrom durchgeführt. Im Vordergrund stand jedoch nicht die Erinnerung, sondern die politische Botschaft, die Aufforderung, sich aktiv am Antifaschismus und am Aufbau des "besseren Deutschlands" zu beteiligen. Ein besonderer Schwerpunkt lag im Bereich der Bildung. Die antifaschistische Erziehung war in den Lehrplänen aller Schulformen als Bildungsziel fest verankert. Auch fanden Aufnahmen von Schülern zu Thälmannpionieren und Vereidigungen von Rekruten z.B. in den Gedenkstätten oder am sowjetischen Ehrenmal in Treptow statt; zudem wurden dorthin Jugendweihefahrten unternommen.

Eine wichtige Form der Vergangenheitsbewältigung bildeten außerdem Kunst, Film und Literatur. Bekannt sind die Werke von Anna Seghers "Das siebte Kreuz", Bruno Apitz "Nackt unter Wölfen", Dieter Noll "Die Abenteuer des Werner Holt", die Filme "Jakob der Lügner", "Die Mörder sind unter uns" oder "Professor Mamlock". Nicht alle Schriftsteller und Autoren folgten der am Antifaschismus ausgerichteten Erinnerungskultur. Kunst und Literatur waren ein Forum, um sich kritisch mit der Vergangenheitsbewältigung und auch mit der eigenen Position im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Das Streben der DDR nach internationaler Anerkennung sowie ökonomische Zwänge bewirkten in den 1980er Jahren eine Änderung der Außenpolitik, die auch eine Verbesserung des Verhältnisses zu den USA und zu Israel beinhaltete. Damit einher ging auch eine Veränderung der Erinnerungskultur hin zu einer Wiedereinbeziehung der anderen Opfergruppen, die Bereitschaft Entschädigungen zu zahlen und erste Versuche einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerungspolitik. Grundsätzlich blieb die Vergangenheitsbewältigung in der DDR jedoch bis zuletzt gekennzeichnet von einer Politisierung und Ritualisierung der Erinnerung.

Der staatlich verordnete Antifaschismus spielte eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der DDR als das "bessere Deutschland", war identitätsstiftendes Moment und diente so auch der Abgrenzung zum "Klassenfeind" und zur Bundesrepublik Deutschland. Christa Wolf resümierte in einem Interview in der Zeitung "Wochenpost" vom 27. Oktober 1989: "Eine kleine Gruppe von Antifaschisten, die das Land regierte, hat ihr Siegesbewusstsein zu irgendeinem nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt aus pragmatischen Gründen auf die ganze Bevölkerung übertragen."[11]


[8] Vgl. 20 Jahre Mahnmal Buchenwald. Eine Dokumentation hrsg. von der Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, Erfurt 1978, S. 12.
[9] Ebenda, S. 17.
[10] Groehler, Olaf: Umgang mit der "Reichskristallnacht" in der SBZ und DDR in: Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland hrsg. von Werner Bergmann, Rainer Erb und Albert Lichtblau, Frankfurt am Main / New York 1995, S. 289.
[11] Zit. nach: Mertens, Lothar: Die SED und die NS-Vergangenheit in: Ebenda, S. 195.
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