Dossierbild Geschichte und Erinnerung

22.4.2008 | Von:
Gunter Hofmann

Regieren nach Auschwitz

Die Unwahrhaftigkeit des DDR-Antifaschismus ist eine Sache, den Staat Israel habe die DDR bis kurz vor ihrem Ende nicht einmal anerkannt, rief Angela Merkel in Tel Aviv in Erinnerung, aber um "Wahrheit" ging es auch dem Patriarchen Adenauer nicht, als dessen "Erbe" die Kanzlerin wiederum mit dem Kibbuz-Besuch hatte anknüpfen wollen. Man erinnere sich: Schon 1955 drängte Adenauer auf "Normalisierung", was quer stand zur "Einmaligkeit". Normalität hieß: Souveränität und Freiheit und Ende der Besatzung! Gerhard Schröder, Vorgänger Merkels und siebter Kanzler bis zum Herbst 2005, benutzte das Wort seltener als der Alte, aber ja, irgendwie praktizierte er diese "Normalisierung". Das "Wir sind wieder wer!" der frühen fünfziger Jahre kehrte während seiner Amtszeit in anderer Variante wieder: Schröder sprach davon, "deutsche Interessen" wahrzunehmen wie andere auch. Aber das Lamento Ludwig Erhards, der Adenauer als Kanzler nachgefolgt war, die Deutschen dürften nicht ewig mit der "Erbsünde" leben, das hörte man von ihm nicht.

Fehlerfrei wandelte auch Schröder keineswegs über dieses verminte Feld. Der "deutsche Weg"! Was mag ihn geritten haben, als er auf die Idee kam, mit Martin Walser am 8. Mai 2002 zu disputieren? Das lud zu Missverständissen förmlich ein, als definiere er "Normalität" wie dieser - als obsessiven Traum einer geschichtsträchtigen, schicksalhaften Nation, die nur zu sich kommt, wenn ihre Schuld endlich getilgt wird. Man beschönigt nichts, wenn man sagt: Schröder war kein Geschichtslehrer. Wohl aber stand er im Schatten des Weizsäcker-Konsenses. Er wollte mit Walser reden, so wie er auch das Schloss in Berlin wieder aufbauen wollte. Aber er ließ eben auch das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins realisieren. Dieser andere Schröder kam erleichtert um Mitternacht am 1. August 2004 in sein Warschauer Hotel. Einen langen Jahrestag der Erinnerung an den Aufstand vor 60 Jahren gegen die deutschen Besatzer hatte er hinter sich. Blass war er, abgekämpft und unendlich froh, "nichts Falsches gesagt" zu haben. Die Leute auf der Straße - freundlich. "Es hätte ja auch ganz anders kommen können, und ich hätte es auch verstanden." Und dann hat ihm auch noch einer der greisen Veteranen des Aufstands seine Ehrenmedaille geschenkt! Weshalb die Vergangenheit nicht vergeht, was einzigartig an den Beziehungen, was einmalig an dem Zivilisationsbruch ist, das hat auch er in erst im Amt mit dem verborgenen Normalitätswunsch verknüpfen müssen.

Ähnlich galt das für seinen grünen "Vize". Aus "Auschwitz" hatte Schröders Außenminister Joschka Fischer lange abgeleitet, nie wieder dürften hierzulande Massenvernichtungswaffen stationiert werden und nie wieder dürfe "Krieg von deutschem Boden" ausgehen. Fast könnte man das den deutschen Nachkriegskonsens nennen. Als Minister, der die Intervention im Kosovo mitverantwortete, deutete Fischer den historischen Auftrag vollmundig um: Auschwitz heiße, nie wieder dürften wir Deutsche stumm zusehen!

Das Kosovo war nicht Auschwitz, Fischer hat die Analogie in seinem Erinnerungs-Buch längst kassiert. Aber richtig bleibt gleichwohl, dass sich keine bequeme Handlungsanleitung mehr aus der Vergangenheit ableiten lässt. Verpflichtet die "Verantwortung" für die Vergangenheit, die Haltung der israelischen Regierung zum Iran bedingungslos zu übernehmen? Das wird auch Angela Merkel kaum so sagen wollen. Fischer seinerzeit suchte weiter, was das praktisch bedeutet, die Verantwortung für die Vergangenheit nahm er ja nicht weniger ernst. So war es zu dem kleinen falschen Zungenschlag, der Auschwitz-Analogie, überhaupt erst gekommen. Wir Deutsche, zumal die Linke, predigte er, müssten begreifen, um was wir uns mit dem Mord an den Juden selbst gebracht hätten. Wenn das verstanden sei, könne es einen unverdächtigen "Patriotismus" geben.

Kam die Sehnsucht nach Normalität damals von links? Gerade seine Generation hatte sich lange gerühmt, die Jahrzehnte des "kommunikativen Beschweigens" beendet zu haben. Was unterschied Fischers Befund von dem des ersten Protests, 1968, mit dem die junge Generation seinerzeit bei den Eltern Auskunft über ihren Anteil am Geschehenen einforderte? Vielleicht nichts, aber die Welt spiegelte den Deutschen, gerade auch ihrem Außenminister, gerade zu Zeiten der rot/grünen Koalition zurück: In vielerlei Hinsicht seid ihr eine Republik "wie jede andere" auch. Normal! Mit eurer Politik der Zurückhaltung, nie wieder!, könnt ihr euch nicht daran vorbeimogeln, dass ihr praktisch Verantwortung übernehmen müsst! Ja, im Zweifel auch mit deutschen Soldaten, die nicht mehr nur defensiv eingesetzt werden, sondern sich auch "out of area", außerhalb jeder Nato-Zone, einmischen, wenn es geboten erscheint! Suchte Fischer nun deshalb nach der "Nation"? Predigte er der "Linken" deshalb, wie sie "Patriotismus" erlernen und "normal" werden könne? Gab es ein Verhältnis zur Vergangenheit, das eint, ohne einzulullen?

Die Kriege am Balkan, das Morden in Srebrenica, dann der 11. September in New York, die Intervention in Afghanistan und im Irak – in dieser neuen Welt musste die Generation sich bewegen, die geglaubt hatte, ihr waches Verhältnis zur Vergangenheit Ende der 60er Jahre könne ihr vielleicht erlauben, ein bisschen entspannter damit umzugehen. Ein schlechtes Gewissen wegen zu viel Verdrängung musste man ja nicht haben, im Gegenteil. Auch Fischer jedenfalls musste seinerzeit seine Definition dafür finden, was sich ableite aus der Vergangenheit, was sich gebiete und was sich verbiete. Schwierig genug – denn eine Militärintervention am Kosovo war nicht gleichzusetzen mit neuem deutschem Militarismus, und das deutsche "Nein" zum Irak-Krieg war nicht ein Ausdruck von "Pazifismus". Viel schwieriger war es geworden als in den Jahren der Übersichtlichkeit bis 1989, die Vergangenheit als Maßstab zur Orientierung und Handlungsanleitung heranzuholen.


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