Dossierbild Geschichte und Erinnerung

22.4.2008 | Von:
Gunter Hofmann

Regieren nach Auschwitz

Lange genug zeigten sich in der Bundesrepublik die politischen Eliten unsicher, oft auch unanständig in Sachen Vergangenheit. Nicht nur Franz Josef Strauß (CSU) predigte, wir sollten unser Haupt nicht dauernd mit Asche bestreuen. Zum Glück löste das viel produktiven Widerspruch aus. Die Republik wurde konfliktträchtiger, aufgeweckter auch wegen der Vergangenheit. Konrad Adenauer, der "Vater" der deutsch-israelischen Wiederanknüpfung nach der Geburt des israelischen Staates, war gezwungen, Farbe zu bekennen, er musste fragen, wie "Wiedergutmachung" zumal gegenüber Israel überhaupt möglich sei. Zugleich aber sicherte er sich Mehrheiten: Schlussstrich, aber sofort! Daran hat Angela Merkel verständlicherweise nicht erinnert. Dass der Patriarch gegen Hitler stand, machte ihn unbefangener. So wurden die Volksgenossen umgewidmet in Bürger. Schon in seiner zweiten Antrittsrede, 1953, gab es keine "Ermordeten" mehr. Vom "gesunden nationalen Selbstbewusstsein" schwärmte bereits der Nachfolger Ludwig Erhard, 1963, die Zigarre qualmte, und die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt begannen. Der Kanzler vernebelte, die Richter leisteten den größten Beitrag zur Aufklärung überhaupt. Zweifel an der "Einmaligkeit" konnte es fortan nicht mehr geben.

Es kam zur Kanzlerschaft Kiesingers (1966) und dann Brandts (1969), die auf ihre Weise herausragen: Negativ die eine, positiv die andere. Mit Kiesinger kehrten die Deutschen zu einem Normalisierungsverständnis zurück, als hätte es Auschwitz nie gegeben. Als Beamter im Auswärtigen Amt hatte er Berichte über massenhafte Judenmorde "Gräuelpropaganda" genannt. Unfassbar. Kein Wort der Scham fiel. Ihn traf die Ohrfeige Beate Klarsfelds, der Deutschen aus Paris, der Vater ihres Mannes ermordet in Auschwitz.

Brandt verkörperte die andere Unmöglichkeit. Sollten die Deutschen ihren Normalitätsbegriff so weit revidiert haben, dass ein Exilant, Soldat gegen Hitler, Kanzler werden konnte? Aus israelischer Warte blieben bis zu Angela Merkel wohl alle Kanzler, auch Brandt, ambivalente Figuren, gemessen am "Lackmustest", dem Verhältnis zu Israel in kritischen Lagen. Aus deutscher Sicht freilich erschien Brandt als der Antinazi par excellence! Still hatte er sich über die Deutschen gewundert, die nach dem Krieg wortlos in die Gräber blickten, für die sie verantwortlich waren. Den "überlebenden deutschen Demokraten" fehlte die Kraft zum Neuanfang, das war ihm klar. Er wollte nicht bitter darüber werden, war es auch nicht - nur oft melancholisch. Er schuf Fakten. "Meine Regierung nimmt die Ergebnisse der Geschichte an", kommentierte er den Warschauer Vertrag. Wortlos kniete er vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau.

Brandts Freunde, voran Günter Grass, hielten auch nach 1989 daran fest: "Der Ort des Schreckens, als Beispiel genannt für das bleibende Trauma, schließt einen zukünftigen Einheitsstaat aus." Die Teilung als Normalität, als Strafe für Auschwitz! Noch so große Schuld einer Nation könne nicht "durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden", erwiderte Brandt. Die Teilung wegen Auschwitz für "Normalität" zu halten galt ihm nicht als Sünde, so wenig wie ihm Pazifismus ehrenrührig erschien. Er aber blieb bei seinem "nationalen" Lebenstraum, der ihn gegen Hitler aufgebracht hatte. Für sich hatte Brandt einen unschuldigen, "linken Patriotismus" gefunden, den Joschka Fischer gerade sucht.

Brandt wollte nicht anklagen. Helmut Schmidt, Leutnant im Krieg, taugte nicht zum Ankläger. Konsequent hat er beteuert, von dem Ausmaß der Verbrechen nichts gewusst zu haben. Dennoch: Geschichtsvergessen war dieser Kanzler gewiss nicht. Auschwitz ist für ihn unvergänglich. Das werde noch in zweitausend Jahren so sein, pflegt er zu sagen. Und das ist keine Floskel, nicht bei ihm. Wie man in der Biografie Hartmut Soells lernen kann, ist eine Wunde aus dieser Erfahrung des großen Falschen in seinem Leben geblieben. Rigoros zog er politische Konsequenzen und fand seine Maßstäbe. Es bleibt aber ein unaufgelöster Rest, scheinbar eine Randfrage, die nichts von Schmidts Autorität nimmt: Die Sache mit dem jüdischen Großvater. Erst 1984 machte er das bekannt, damals war er nicht mehr Kanzler.

Sein Biograf begründet das lange Schweigen einfühlsam damit, Schmidt, mit dem Jüdischen unvertraut, sei diese Herkunft 1933 offenbart worden, also zu einer Zeit, "in der das Judesein zum Inbegriff des Negativen geworden war." Hartmut Soell fragt: "Musste er es nicht schon vor der Soldatenzeit überspielen, in die Tiefen seiner Psyche abdrängen?" Zweifel allerdings meldet der Autor an, wenn Schmidt in seinen Kindheitserinnerungen (1992) schreibt, seit dem Gespräch mit seiner Mutter über den jüdischen Großvater "war für mich entschieden, dass ich innerlich kein Nazi mehr werden konnte". "Äußerlich begeisterter Hitler-Junge, innerlich im Abseits?", fragt Soell. Schmidts ausdrücklicher Verzicht auf Geschichtspolitik, sein Vorbehalt gegenüber allem Utopischen - vermutlich ist das auch eine Antwort auf Idiosynkrasien in dem sehr deutschen Lebenslauf, der mindestens an einer Stelle nicht typisch war.

Schlichte Vergangenheitspolitik hingegen blieb dem Kanzler der Ungenauigkeit, Helmut Kohl (1982), vorbehalten. Die Debatte über das deutsche Selbstverständnis beherrschte die Köpfe in den achtziger Jahren, als wäre da vor der Einheit, die keiner vorausahnte, noch rasch etwas zu klären gewesen. Kohl ließ kaum einen Fehler aus. Ohne den Pazifismus hätte es Auschwitz nicht gegeben, funkte Heiner Geißler 1983 dazwischen. Kohl winkte das durch, wichtiger war ihm: Die Deutschen sollten bestätigt bekommen, dass sie gelernt hatten. François Mitterrand durfte es in Verdun, Ronald Reagan musste es per Handschlag über den SS-Gräbern in Bitburg attestieren. Kohl ließ den ratlosen Reagan um keinen Preis aus der Pflicht. Die zwölf Hitler-Jahre relativierten sich im diffusen Vaterlandsleuchten wie von allein. Wieder eine neue Unbefangenheit, "Wir sind wieder wer" à la Kohl. Mit keinem Wort nahm Kohl Stellung zum ideenpolitischen Skandal, den Ernst Nolte ausgelöst hatte mit seinem Versuch, die Deutschen von der Wahrheit Auschwitz zu befreien. Auch Weizsäckers Rede begriff er nicht als Chance – und als Rettung vor den Missverständnissen, denen er sich selber ausgesetzt hatte. Erst als ihm "die Geschichte" 1989 die Definitionsarbeit abnahm, gab Kohl Ruhe. Das Ende der Nachkriegszeit, das Adenauer als Ausweis der Normalisierung beschwor, nun war es da. Der Sinnstifter nahm den Hut, der Kanzler blieb und musste amerikanische Kommentatoren lesen, die "Auschwitz im Wüstensand!" schrieben, als eine deutsche Giftgasfabrik in Libyen entdeckt wurde. Die Paulskirche applaudierte Walser, Bubis nicht. Deutschland war respektiert, nichts war im Zweifel vergangen.

Könnte es sein, dass die Ära des "Beschweigens" wie auch die des "Sinnstiftens" zu Ende ist? Gelernt hat die Republik in 60 Jahren, dass Auschwitz konstitutiv bleibt, aber auf andere Weise: weil die Republik im Streit um den Zivilisationsbruch ihre eigene Geschichte gewann. Zu vermelden ist also, ohne Beschönigung, durchaus ein Erfolg. Auschwitz wird zwar "objektiv" historisiert, allein schon der Zeitläufte wegen. Im "kulturellen Gedächtnis" jedoch bleibt es gespeichert. Dafür steht nun Eisenmans Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins. Der Grundgedanke ist auch hier: Erinnern macht frei. "Historisieren" wird auch das Feld mit den Stelen, was nicht zwangsläufig relativieren heißt. Verknüpft mit dem "Ort der Erinnerung", wird Erinnern konkret. Für alle, die es wollen. Auch ein Grundmuster als Beleg könnte bleiben: Das Postnationale, weil es ein Zurück in die purgierte, vom Vergangenheitsballast befreite Nation nicht gibt.

Bleiben damit die eigenen Kinder ewig schuldbeladen im Schatten? Immer schon war diese Metapher falsch, sie wird noch falscher. Auschwitz rückt zeitlich weg, aber die Jungen können es auch näher an sich herankommen lassen, weil sie unbefangener sind. Sie können hören und lesen: Amos Oz beispielsweise, der in seinen Lebenserinnerungen schreibt, die Juden seien einmal das Herz Europas gewesen. Als "Europäer" verstanden zuallererst sie sich. Sie waren es auch. Das ist vergangen und bleibt.

Irgendwann vielleicht kann auch einmal ein deutscher Präsident zu einem Erinnerungstag x reden, wenn er unbedingt will und das für "Normalisierung" hält; und wenn die "Stunde der Bewährung", von der Angela Merkel sprach, Israel und seinen Freunden erspart bleibt. Bloß, was könnten verantwortliche Repräsentanten aus Berlin jemals anderes sagen an diesem deutschen Tatort in Polen, außer, dass Auschwitz einfach da ist. Geschehen. Einmalig, letztlich unverstehbar.


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