Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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"Unser Papa war in Stalingrad."

Wie die Deutschen sich an das "Dritte Reich" und den Krieg erinnern


26.8.2008
Viele Menschen glauben, dass eigene Familienangehörige keine Nazionalsozialisten gewesen sein können. Wie wird der Nationalsozialismus in den Familien erinnert?

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Ein 16-jähriger deutscher Soldat in Cherbourg, Frankreich hat seine Hände über den Kopf. Er gerät mit Tausenden von anderen Wehrmacht-Soldaten während der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 in Kriegsgefangenschaft. Die alliierte Invasion begann am 6. Juni 1944 mit der Landung in der Normandie.Ein 16-jähriger Wehrmachtssoldat gerät während der alliierten Invasion in der Normandie in Kriegsgefangenschaft. (© AP)

Elli Schwaiger: Unser Papa war ja in Stalingrad.

Waltraud Wallner: Ja. Dem Hans sein Vater.

Elli Schwaiger: Dem Hans sein Papa auch?

Waltraud Wallner: Jaja. Unser Vater war nicht in Stalingrad.

Elli Schwaiger: Dein Vater war in Stalingrad.

Hans Höfer: Meiner war in Stalingrad.

Waltraud Wallner: In Stalingrad.

Elli Schwaiger: Ich dachte, meiner war in Stalingrad.

Waltraud Wallner: Deiner war in Berlin, wie der Krieg ausgebrochen ist.

Elli Schwaiger: Ach so. Siehst Du, so kann man sich täuschen.

Diese Gesprächspassage ist ein Auszug aus einem Familiengespräch, das im Rahmen einer Mehrgenerationen-studie zur "Tradierung von Geschichtsbewusstsein" in deutschen Familien stattgefunden hat.[1] So absurd sich dieser Dialog anhört, so typisch ist er für das Familiengedächtnis: nicht nur, dass die Familienmitglieder oft eigene Versionen aus den eher nebulösen Geschichten und episodischen Fragmenten aus der Familienvergangenheit komponieren, die dann ihrerseits den Ausgangspunkt für jahre- und jahrzehntelange Weitererzählungen bilden - auch der Umstand, dass man eigentlich nichts Genaues über die historischen Funktionen und Rollen der Großeltern weiß, stört die Kinder und Enkel in der Regel nicht bei der Verfertigung ihrer jeweils eigenen Lesarten der Vergangenheit.

Im Gegenteil: oft sind es gerade die widersprüchlichen, lückenhaften und überhaupt nebulösen Erzählungen, die es den Zuhörern erlauben, sich die Geschichten zu eigen zu machen, indem sie sie mit eigenen Vorstellungen und Geschichten auffüllen und illustrieren - mit dem, was sie aus dem Unterricht und aus Geschichtsfeatures im Fernsehen wissen, was sie in Filmen gesehen und in Romanen oder Comics gelesen haben. Die Weitergabe der Vergangenheit im Gespräch ist - im Unterschied zum Lernen von Geschichte im Schulunterricht - ein emotionaler Vorgang, der viel mit Empathie, Mitleiden und dem Aneignen von Familiengeschichte zu tun hat. Geschichten aus der NS-Vergangenheit werden nicht in fixierter Form von einer Generation an die nächste weitergegeben, sondern im intergenerationellen Gespräch gemeinsam verfertigt, weshalb vor allem an die Geschichten angeknüpft wird, die offen, emotional und situativ fesselnd sind. Solche Erzählungen ermöglichen eine aktive Aneignung des Berichteten - kurz gesagt: Geschichten werden tradiert, wenn sie von fremden zu eigenen geworden sind.

Familiengedächtnis



Wenn in Familien über den Krieg gesprochen wird, bekommt dieser ein anderes Gesicht als etwa im Geschichtsunterricht oder in den Medien. Wenn eines der Familienmitglieder als Soldat im Krieg gewesen ist oder die alliierte Bombardierung miterlebt hat, wird er dies nicht als abstraktes historisches Ereignis kommunizieren, sondern als persönliches Erleiden, das geeignet ist, den Zusammenhang des Familiengedächtnisses zu stiften und zu stabilisieren. Darüber hinaus sind Erzählungen vom Krieg in besonderer Weise dazu angetan, positive Bilder vom Handeln des Großvaters oder der Großmutter in schwerer Zeit zu zeichnen und diese Personen als Opfer auftreten zu lassen. Elemente solcher Opferschaftsdiskurse sind in den Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vielfältig präsent, und sie hinterlassen, wie die folgenden Beispiele zeigen, deutliche Spuren auch in den Einzelinterviews mit den Kindern und Enkel:

Paula Trapp (Jg. 1980): "Ja, das einzigste, was ich weiß, das ist halt, dass er, als er gefangengenommen wurde, diesen Weg nach Moskau machen mußte. Und dass er halt morgens, also, die haben halt auf freiem Feld übernachtet und jeden Morgen sind halt immer weniger aufgestanden."

Erich Grubitsch (Jg. 1962): "Sie (die Großmutter) hat da erzählt, was sie im ersten, zweiten, dritten Lehrjahr verdient hat, fast nichts. Also fast für'n Hungerlohn ist sie da also, hat sie sich da ernährt. Sie hatte zwei Brüder, die im Krieg beide gefallen sind, und ihre Eltern waren auch nicht so glücklich miteinander – nee, das war Opa. Ist ja auch wurscht."

Sylvia Hoffmann (Jg. 1972): "Vielleicht sollte die Diskussion eher so dahin gehen, ja, wirklich auseinanderzudröseln, mit welchen Repressionsmitteln da vorgegangen wurde, mit welchen wie halt die Angst da erzeugt wurde."

Diese Beispiele sind Resultate der Tradierung von Opferkonstruktionen: In der Vorstellung der Kinder und Enkel erscheinen die Eltern und Großeltern im Zusammenhang der nationalsozialistischen Zeit in erster Linie als Leidende - der sozialen Umstände, der Kriegsgefangenschaft, der Besatzung, des Militärdienstes, der allgegenwärtigen Überwachung.

Reaktionen auf die Kriegserzählungen



In den 182 Interviews und Familiengesprächen finden sich insgesamt 1130 Opfergeschichten; sie bilden nahezu 50 % aller erzählten Geschichten. Aber natürlich finden sich auch, wenn auch in geringerem Ausmaß, Abenteuer- und Heldengeschichten im Material, die durchaus geeignet sind, bei den jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörern Faszination und gelegentlich auch etwas wie Neid darüber zu erwecken, dass man selbst nicht in so aufregenden Zeiten aufgewachsen ist.

Faszination können Kriegserzählungen dann entfalten, die nicht direkt mit Kampf- und Gewalthandlungen zu tun haben, sondern sich um Technik drehen oder von der touristischen Seite des Krieges bzw. vom schönen Leben der Besatzer handeln. Alle Episoden, die vom Krieg als Reise und komfortable Fremdheitserfahrung erzählen, lassen den Kontext des Eroberungskrieges außen vor. Die Zeitzeugen und ihre Kinder und Enkel amüsieren sich dann gemeinsam über die spaßigen Geschichten, die im Kontext des Vernichtungskrieges im Osten dann - zum Teil durch dieselben Erzähler - durch Geschichten von Gewalt, Sterben und Tod abgelöst werden. In den Gesprächen werden höchst selten Fragen danach aufgeworfen, warum die Erzähler sich mit ihren Einheiten an den entsprechenden Orten befunden haben, was ihre Aufgaben waren oder warum sie etwa, wie in mehreren Fällen geschildert, Zeuge von Erschießungen oder des Verhaltens von Lagerinsassen werden konnten (vgl. Welzer 2001b).

In unserer Stichprobe findet sich nur ein einziger Fall, in dem über einen ernsthaften Familienkonflikt im Zusammenhang von Kriegserzählungen berichtet wird - allerdings geht es hier um eine Person, die nicht zur Herkunftsfamilie des Erzählers gehört und die auch im Familiengespräch nicht anwesend ist. Es geht dabei um den Onkel eines Erzählers aus der Kindergeneration, der berichtet habe:

"was sie alles gemacht haben. Wie sie auf Russland zugegangen sind und wie sie die armen Leute da erschossen haben so am Boden. [...] Und dann hab' ich mich den ganzen Abend so geärgert, ich war noch ganz jung, ich schätze, so 15 rum. Sag' ich: 'Ist Dir denn überhaupt nie mal in den Kopf gekommen, dass das auch Familienväter sind, die Kinder zuhause haben, die Du da umgelegt hast?"

Die Rolle der Interviewer



Die Geschichten hingegen, die von den anwesenden Familienmitgliedern vom Krieg erzählt werden, führen im Rahmen unserer Interviews und Familiengespräche nie zu Konflikten und auch nur höchst selten zu kritischen Nachfragen. Die Vermutung, dass dies der Anwesenheit fremder Interviewerinnen oder Interviewer geschuldet ist, ist zwar naheliegend, trifft aber nicht den Kern der Sache, wenn man berücksichtigt, dass es oft gerade auch die Interviewer sind, die sich an der Verfertigung "guter Geschichten" beteiligen - durch ihre Fragestellungen, durch unterstützende Kommentare und Nachfragen oder durch atemloses Zuhören. Offensichtlich sind aber schon die situativen Rahmenbedingungen - dass man es hier mit Menschen zu tun hat, die sich freundlicherweise für ein Gespräch zur Verfügung stellen, die Kaffee und Kuchen servieren, die Interessantes zu erzählen haben usw. - geeignet, Loyalitätsbeziehungen zu etablieren, die zur Folge haben, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer viel eher der präsentierten Erzählgestalt und der immanenten Logik der Geschichten folgen, als dass sie Fragen stellen würden, die auf ihr Geschichtswissen zurückgreifen.

Ganz im Gegenteil: das, was die Zuhörer, und zwar sowohl die jüngeren Familienmitglieder wie die Interviewerinnen und Interviewer, über die Geschichte wissen, scheint in der unmittelbaren Gesprächssituation oft vollständig vergessen. Diese situative Überzeugungskraft des unmittelbaren Gesprächs geht übrigens so weit, dass auch kontraevidente Geschichten, also solche, die ihre eigene Widerlegung gleich miterzählen, in Interviews und Familiengesprächen keineswegs zu Irritationen führen. Dazu zwei Beispiele:

Otto Rust (Jg. 1924) erzählt, dass er von Konzentrationslagern erst nach 1945 gehört habe ("Kann ich ehrlich sagen, ich hab' da nie was gewusst davon"), um unmittelbar anschließend das folgende mitzuteilen:

"Das erste Mal hab' ich's gesehen in Peenemünde, wo die Raketenversuchsanstalt war. Da war ein Lager, da stand auch noch drüber: 'Arbeit macht frei', ne. Und da kamen die jeden Morgen raus zum arbeiten... Wenn ich das nicht selbst gesehen hätte, würde ich es nicht' sagen. Aber es ist so gewesen."

Beinahe noch verblüffender ist die Geschichte, die Doris Daum (Jg. 1934) erzählt:

"Naja, und den einen Tag, da wollten die Russen, die kamen ja einfach rein und haben die Frauen vergewaltigt. Und da hatten wir grad so viel Kinder zum Spielen gehabt, da ist er abgehauen. Die haben ja kein Pardon genommen, ob da Kinder drum rum waren, die haben die Frauen genommen und... Da isser abgedampft, weil soviel Kinder da waren."

Es wäre völlig verfehlt, zu glauben, einem selbst würden solche kontraevidenten Geschichten weder in der Rolle des Zuhörers noch in der des Erzählers jemals durchgehen: es ist die wahrheitsverbürgende Situation des Familiengesprächs selbst, die logische Widersprüche und sogar hanebüchenen Unsinn wie selbstverständlich plausibel erscheinen lässt. Diese wahrheitsverbürgende Kraft des unmittelbaren Zeugnisses geht, wie man an den Reaktionen der Interviewerinnen und Interviewer sehen kann, auch über den Rahmen von Familiengesprächen hinaus. Sobald ein Zeitzeuge von seinen Erlebnissen berichtet, scheint er mit einem Authentizitätsvorteil ausgestattet zu sein, die diejenigen, die so etwas nicht erlebt haben, tendenziell in ein defensives und affirmatives Mitdenken und Mitfühlen zwingt, das kritische Nachfragen oft als unpassend erscheinen lässt.


[1]Das Projekt wurde von der Volkswagenstiftung gefördert. Die Ergebnisse sind 2002 publiziert worden in Welzer, Harald, Moller, Sabine & Tschuggnall, Karoline: "Opa war kein Nazi." Nationalsozialismus und Holocaust im Deutschen Familiengedächtnis. Frankfurt/M.: Fischer 2002. Sämtliche Namen sind pseudonymisiert.



 

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