Dossierbild Geschichte und Erinnerung

25.10.2005 | Von:
Peter Reichel

"Onkel Hitler und Familie Speer" - die NS-Führung privat

Neuere Filme über den Nationalsozialismus zeigen die NS-Führung verstärkt als Privatpersonen und verkürzen den historischen Hintergrund zu Gunsten einer oberflächlichen Unterhaltung.

Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof (Obersalzberg).Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof (Obersalzberg). Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/de (Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA)

Einleitung

Die jüngste Medienwelle, die uns einmal mehr mit Texten und Bildern zum Nationalsozialismus überschwemmt hat, ist vorüber. Es war nicht die erste, und es wird nicht die letzte gewesen sein. Unsere Geschichtskultur ist zeitgemäß stark visuell geprägt; die Bilder vom "Dritten Reich" spielen darin eine herausragende Rolle. In seinen fotografischen und filmischen Selbstdarstellungen ist es bis heute präsent. Dafür haben dessen Verschönerungsvirtuosen gesorgt, von Heinrich Hoffmann bis Leni Riefenstahl. Auch die zweite Geschichte des Nationalsozialismus ist vor allem eine der Bilder. Die großen filmdokumentarischen Arbeiten von Alain Resnais bis Claude Lanzmann sind aus ihr ebenso wenig wegzudenken wie die fiktionalen Filmerzählungen mit ihren populären Filmhelden, vom Teufelsgeneral bis zum Judenretter.

Die trivial-unterhaltsame Aufbereitung dieses Katastrophenstoffes wird weiterhin ein Massenpublikum in die Kinos locken. Vor allem dann, wenn Filme hoffnungsvolle Botschaften enthalten, wie in Schindlers Liste, Holocaust, oder Das Leben ist schön. Solange Publikum und Filmproduzenten ein Interesse daran haben, werden neben den trostspendenden Regimegegnern, heißen sie nun Claus Graf Stauffenberg, Sophie Scholl oder Johann Georg Elser, auch die Staatsverbrecher und die zwielichtigen Figuren über die Leinwand laufen. Der filmisch verwertbare Vorrat an biografischer und autobiografischer Literatur ist beachtlich.

Die Produzenten haben dieses Reservoir seit der frühen Nachkriegszeit zu nutzen verstanden. Für welche aktuellen politischen Ereignisse sie auch immer Vergangenheitsbilder anboten, sie mussten für die Gegenwart anschlussfähig sein.[1] Einige Beispiele: Das anfangs, zumal unter ehemaligen Wehrmachtssoldaten, hoch umstrittene Attentat vom 20. Juli 1944 wurde erst unter dem Eindruck des Ost-Berliner Volksaufstandes vom 17. Juni 1953, also in antitotalitärer Sicht, bild- und erinnerungswürdig. Zwei Jahre danach kamen gleich zwei Verfilmungen des Stauffenberg-Stoffes in die Kinos: Falk Harnacks Der 20. Juli und Es geschah am 20. Juli von Georg Wilhelm Pabst.

Auch der ebenfalls nicht unumstrittene Aufbau einer "neuen Wehrmacht", wie man die Bundeswehr zunächst nannte, wurde publikumswirksam filmisch begleitet. Zahlreiche idealisierende Kriegsfilme haben den Mythos von der "sauberen Wehrmacht" bebildert und popularisiert. Man denke nur an den von Paul May verfilmten, dreiteiligen Kriegs- und Wehrmachtsroman 08/15 von Hans Hellmut Kirst - oder an die zahlreichen Stalingrad-Streifen.

Die Täter - menschlich gesehen

Die filmische Hochkonjunktur, die wir zuletzt erlebt haben, markiert auch einen inhaltlichen Wendepunkt. Das Private der prominenten Personen wird wichtiger als der historisch-politische Zusammenhang, in dem sie agierten.[2] Nicht mehr die verbrauchte negative Pädagogik der Außenansicht des Terrors "schockt", sondern der Terror der Bunker-Intimität. Big Brother lässt grüßen.

Sechzig Jahre, nachdem sich Adolf Hitler im Führerbunker der Reichskanzlei das Leben genommen hat, scheint er so lebendig und uns so nah wie nie. Das verdanken wir insbesondere dem von Bernd Eichinger produzierten Spielfilm Der Untergang und Heinrich Breloers Doku-Drama Speer und Er. Die Filme sehen, so wird uns gesagt, Hitler mit anderen Augen als bisher. Aber was heißt das? Mit welchen sie ihn nicht sehen, ist leichter auszumachen. Letzte Abbildungsverbote sind gefallen. Auf die distanzschaffende moralisierende Inszenierung der Filmbilder wird verzichtet. In seiner Zeit war Hitler ein lebender Mythos, nach seinem Tode wurde er zum übergeschichtlichen Dämon stilisiert. Nun wird er uns im Kino menschlich näher gebracht: der Diktator als von Sehnsüchten und Neigungen Getriebener, der Täter im Angesicht des eigenen Todes. Der nächste Schritt wäre dann ein Remake aus den Anfangsjahren, der Frühzeit des Führer-Mythos: Hitler mal volkstümlich, mal staatsmännisch, in Lederhosen und mit Schäferhund, in Uniform oder von großbürgerlichem Ambiente umgeben, im Frack, mit Bechstein-Flügel und Nietzsche-Büste.

Dass nun auch die NS-Täter verstärkt als Privatpersonen und mit ihren menschlichen Schwächen und Gewohnheiten - ja sogar als Opfer ihrer eigenen Taten und Triebe - gezeigt werden, bedient nicht nur das allgemeine Interesse an personifizierter Geschichtsdarstellung. Das Kinopublikum will auch unterhalten werden und der kriminellen Politprominenz von einst nahe kommen, talkshow-mäßig gewissermaßen, um die Dinge mit eigenen Augen zu sehen. Was man von den führenden Nationalsozialisten zu halten hat, weiß man ja zur Genüge, weil man weiß, was sie angerichtet haben. Aber was weiß man von ihnen selbst, ihrer Privatsphäre - jenseits aller effektvollen Rhetorik und Selbstinszenierung vor der Kamera?

Einen ersten Versuch, diese Frage zu beantworten, hat Lutz Hachmeister mit seinem Goebbels-Experiment gemacht. Entstanden ist ein Dokumentarfilm, der auf Zeitzeugen und kritischen Kommentar ganz verzichtet, auf Texteinblendungen und musikalische Untermalung allerdings nicht. Er zeigt Goebbels in allgemein bekannten Wochenschau- und sonstigen Filmbildern und lässt ihn aus seinen Tagebüchern - mit bedächtig sanfter Stimme vorgelesen von Udo Samel - als einen "komplett verunglückten Menschen" (Olli Dittrich) hervortreten: als einen, der zwischen Selbstmitleid, Selbstzweifel und Selbstvergötterung schwankt, der unstillbar ist in seinem Verlangen nach Zuwendung und Anerkennung durch seinen "Führer", die Partei, die Massen und unersättlich, fanatisch und erbarmungslos in seinen Hass-Reden, seiner Härte, seiner Brutalität.

Die Entdämonisierung der NS-Führung war überfällig. Ihre Vermenschlichung ist jedoch nicht unproblematisch, zumal eine nicht unbedenkliche erzählerische Verkürzung hinzukommt. Im Goebbels-Experiment dominiert beispielsweise das Private das Politische, auch wenn der Film andeutet, warum im "Dritten Reich" die Ästhetisierung der Macht überlebenswichtig für das Regime war. In Der Untergang wird Hitler ausschließlich auf sein Ende reduziert, in Speer und Er gar nur auf eine homoerotische Beziehungsgeschichte. Der zeithistorische Kontext fällt dabei aus dem Blick. Ohne ihn sind aber Hitlers Aufstieg, Herrschaft und Verbrechen nicht zu verstehen - und auch nicht deren Fortleben in unserer Erinnerungskultur.

Fußnoten

1.
Eingehender dazu: Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley-Los Angeles-London 2001, und Peter Reichel, Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater, München 2004; vgl. auch Michael Jeismann, Anschluß gesucht. Im Delta der großen Bilder: Wie der Film unser Gedächtnis prägt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 24.2. 2005.
2.
Vgl. Torsten Körner, Viel Spaß mit Hitler!, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 16.9. 2004; Georg Seeßlen, Das faschistische Subjekt, in: Die Zeit vom 16.9. 2004; Michael Jeismann, Wer hat Angst vorm Sportpalast?, in: FAZ vom 13.4. 2005.

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