Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Holocaust-Erziehung und Zeitzeugen


26.8.2008
Die reale Begegnung mit Zeitzeugen ermöglicht einen Einblick in die alltäglichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Aber welche Rolle spielen Zeitzeugenberichte heute bei der Holocaust-Erziehung und wie kann man Zeitzeugen in den Unterricht integrieren? Wolfgang Meseth gibt Antworten.

66 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald legen ehemalige Häftlinge Blumen in Gedenken an die Opfer nieder.66 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald legen ehemalige Häftlinge Blumen in Gedenken an die Opfer nieder. (© AP)

In den vergangenen Jahren haben sich Zeitzeugengespräche zu einem festen Bestandteil der schulischen und außerschulischen Behandlung der NS-Geschichte entwickelt. Ihnen wird ein besonderes kognitives und moralisches Lernpotential zugeschrieben. Die reale Begegnung mit Menschen aus der Zeit des Nationalsozialismus soll den Schülern einen Einblick in die alltäglichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik eröffnen, sie zur Empathie befähigen und für Menschenrechte und Toleranz sensibilisieren.

Wenn von Zeitzeugen die Rede ist, wird in der Regel davon ausgegangen, dass es sich um die Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus handelt. Diese Annahme liegt nahe, weil die Bezeichnung "Zeitzeuge" in der deutschen Erinnerungskultur vorzugsweise für diese Gruppe reserviert ist. Viele Verfolgte wurden zu Zeugen vor Gericht oder legten – wie zum Beispiel Ruth Klüger, Victor Klemperer oder Primo Levi – literarische Zeugnisse ab. Die pädagogische Festlegung von Zeitzeugen auf die Gruppe der Verfolgten ist darüber hinaus eng mit dem gestiegenen Interesse an der Alltags- und Regionalgeschichte im Nationalsozialismus in den 1980er Jahren verbunden.

Die Hinwendung zu dokumentarischen Zeugnissen von Holocaust-Überlebenden führte in der Pädagogik zu ersten Überlegungen, reale Begegnungen zwischen Zeitzeugen und Schülern in die pädagogische Arbeit einzubeziehen. Als Vorbild hierfür diente die Oral-History-Bewegung in den USA.

Sie ist als Teil des Selbstvergewisserungsprozesses der Bürgerrechtsbewegung entstanden, weil die Minderheiten mehr über die Wurzeln ihrer eigenen Geschichte erfahren wollten und wurde dann als politisches und pädagogisches Mittel zur Bildung kollektiver Identität weiterentwickelt. Bezugspunkt der Methode waren erzählte Lebensgeschichten, die den Zuhören als Identifikationsangebot dienen und ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Geschichte geben sollten.

Die Grundsätze der Oral History wurden für die spezielle Situation der deutschen Erinnerungsgeschichte übersetzt und in das pädagogische Konzept des "Zeitzeugengesprächs" überführt. Seinen besonderen pädagogischen Wert erhält das Gespräch mit Zeitzeugen bis heute durch das Argument der Authentizität. Affektiv-moralische Erfahrungsmöglichkeiten sollen den Lernprozess der Schüler intensivieren und mit Blick auf die hohen Ziele einer Holocaust-Erziehung effektiver gestalten.

Aktuell wird über die pädagogische Bedeutung von Zeitzeugengesprächen auf verschiedenen Ebenen diskutiert: Zum einen wird der auf Wirkungssteigerung zielende Einsatz von Zeitzeugen aufgrund der offensichtlichen Instrumentalisierung der Betroffenen kritisch betrachtet. Zweitens wird die einseitige Festlegung von Zeitzeugen auf die Gruppe der Verfolgten problematisiert. Hingewiesen wird darauf, dass auch die Berichte von Zuschauern und Tätern des Nationalsozialismus ein wichtiges Lernpotential beinhalten. Ein dritter Aspekt liegt in der strukturellen Spannung zwischen der subjektiven Erinnerung der Zeitzeugen einerseits und dem Anspruch des Geschichtsunterrichts auf wissenschaftliche Objektivität. Viertens schließlich wird die soziale Tatsache reflektiert, dass mit dem zeitlichen Abstand zu den NS-Verbrechen die Möglichkeit von realen Begegnungen mit Zeitzeugen immer seltener wird und daher stärker über den Einsatz archivierter Zeitzeugenberichte nachgedacht werden muss.

"Authentizität" als pädagogisches Argument



Die Rede von der Authentizität, die Zeitzeugengesprächen im pädagogischen Kontext heute ihr spezielles Lernpotential verleiht, gehört seit den 1950er Jahren zu einem festen Bestandteil der Diskussion um die Darstellbarkeit des Holocaust. Theodor W. Adornos berühmtes Diktum, "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", hatte damals eine öffentliche Kontroverse über die Fragen ausgelöst, ob und wie die NS-Verbrechen angemessen dargestellt werden können, ohne die historischen Ereignisse zu trivialisieren und das millionenfache Leiden der Opfer zu schmälern.

Bis heute wirkt diese Diskussion in der deutschen Erinnerungskultur nach, wird jedes Repräsentationsbemühen der Verbrechen von einer Problematisierung begleitet und auf seine Angemessenheit befragt. Ausgenommen von dieser Problematisierung waren damals wie heute die Berichte von Zeitzeugen. Die Kategorie des Authentischen bleibt für sie reserviert. Aufgrund der besonderen Leidens- und Überwältigungserfahrung wird ihnen eine "Deutungsautorität" (Reemtsma) zugesprochen. Zeitzeugenberichte stehen zum einen für historisch verbürgtes Wissen über die Verbrechen. Zum anderen besitzen sie als einzige Darstellung des Holocaust uneingeschränkt Legitimität, weil sich mit ihnen das gleichsam natürliche Recht verbindet, dem eigenen Leiden Ausdruck zu verleihen. Zudem stehen sie mit ihrer Leidensgeschichte stellvertretend für das millionenfache Leid der ermordeten Opfer, die nicht mehr berichten können.

Die Mitteilung der eigenen Leidensgeschichte gilt ebenso wie das Zuhören und die Beschäftigung mit diesen Berichten als Akt des Gedenkens, der für sich selbst steht und zunächst keinen anderen Zweck verfolgt als den, in der erinnernden Auseinandersetzung mit dem Leiden die Würde der Opfer wiederherzustellen. Zugleich dient das Gedenken aber auch der Vergewisserung des Imperatives: dafür Sorge zu tragen, dass sich dieses Leiden zukünftig nicht wiederholt. Dadurch läuft die Praxis des Gedenkens immer Gefahr, ihren Selbstzweck zu Gunsten politischer und pädagogischer Gegenwartsinteressen aufzugeben. Gerade weil das Gedenken der Opfer nicht pädagogisch konzipiert ist, Holocaust-Erziehung jedoch notwendig gegenwartsbezogene Ziele verfolgt, steht sie bei Zeitzeugengesprächen vor dem Problem, die erinnernde Auseinandersetzung mit dem Leiden der Opfer aus den Augen zu verlieren und die Betroffenen – wenngleich in guter pädagogischer Absicht – einseitig als Mittel zum Zweck der Zivilisierung zu betrachten.

Zeitzeugengespräche mit Verfolgten des Nationalsozialismus



Eine zentrale Herausforderung bei der Durchführung von Zeitzeugengesprächen wird darin gesehen, den Zeitzeugen und den Schülern gleichermaßen gerecht zu werden. Es wird empfohlen, für den Erzählenden und die Zuhörer jeweils eigene Experten vorzusehen. Eine aufmerksame Gesprächsführung, das einfühlende Zuhören und die Fähigkeit, mögliche psychische und sozialpsychologische Dynamiken aufzufangen, die ein solches Gespräch auslösen kann, sind sinnvoll nur von einem Moderator zu erwarten, der sich von pädagogischen Fragen entlastet sieht. Für diese wiederum sollte der für die Gruppe zuständige Lehrer verantwortlich sein, der das Gespräch entsprechend vorbereitet, es im Hintergrund verfolgt und unter dem Eindruck der Erfahrung des Gespräches gemeinsam mit den Schülern nachbereitet. Noch idealer ist die Zusammenarbeit mit pädagogischen Einrichtungen, die Zeitzeugengespräche für Schulklassen anbieten. Der Vorteil solcher Angebote liegt darin, dass die Einrichtungen zumeist mit professionellen Moderatoren kooperieren und pädagogische Mitarbeiter die Begegnung im Vorfeld mit den Lehrern vorbereiten und im Anschluss auch ein erstes Nachgespräch mit den Schülern führen können.

Für das Zeitzeugengespräch mit Verfolgten bleibt zu betonen, dass der respektvolle Umgang mit dem Erzähler und die Fähigkeit des emphatischen Zuhörens einerseits selbstverständlich sein sollte, bei den Schülern allerdings nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Dadurch gerät das Zeitzeugengespräch in den Widerspruch, für eine angemessene Durchführung der Begegnung eine soziale Kompetenz in Anspruch nehmen zu müssen, die eigentlich als Lernziel formuliert wird.



 

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