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Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Wolfgang Meseth

Holocaust-Erziehung und Zeitzeugen

Berichte von Zuschauern und Tätern des Nationalsozialismus als Lerngegenstand

Neben der erinnernden Beschäftigung mit den Berichten von Verfolgten des Nationalsozialismus wird in der pädagogischen Diskussion auch dafür plädiert, den Schülern die Diskriminierungs- und Vernichtungspolitik auch aus der Perspektive der Entscheidungs- und Handlungssituation von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft zu vermitteln. Durch die differenzierte Auseinandersetzung mit Berichten von Zuschauern und Tätern soll für die Schüler nachvollziehbar werden, wie das Handeln der Täter bzw. das Nichthandeln der Zuschauer andere Menschen zu Opfern gemacht hat und das nationalsozialistische Terrorsystem dadurch aktiv getragen und passiv geduldet wurde.

Während es in Zeitzeugengesprächen mit Verfolgten vorrangig um Empathie, das Gedenken der Opfer und die allgemeine Vergewisserung des Imperatives "Nie Wieder" geht, soll die Auseinandersetzung mit Berichten von Zuschauern und Tätern den Schülern konkrete Lern- bzw. Handlungsperspektiven eröffnen. Wie wurden Menschen zu Tätern? Warum haben nicht mehr Mitglieder der Mehrheitsbevölkerung gegen die Ausgrenzungspolitik und -praxis der Nationalsozialisten protestiert? Hätte ich mich auch so verhalten? Wie lassen sich gesellschaftliche und individuelle Voraussetzungen schaffen, damit solche Verbrechen sich nicht wiederholen? In der Auseinandersetzung mit diesen und ähnliche Fragen sollen die Schüler die Handlungsspielräume der damaligen Bevölkerung aus dem konkreten historischen Kontext rekonstruieren lernen und zum Nachdenken über das eigene politische und öffentliche Engagements gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus angeregt werden.

Neben einer grundsätzlichen Befürwortung sind mit der Einbeziehung der Berichte von Zuschauern und Tätern auch pädagogische und didaktische Schwierigkeiten verbunden. So besteht bei realen Begegnungen mit Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft grundsätzlich die Gefahr, dass diese den Schülern ein problematisches Identifikationsangebot machen können, wenn sie selbst nicht genügend kritische Distanz zu ihrer damaligen Haltung wahren und sich ihrerseits zu Opfern des Nationalsozialismus machen. Um diese Identifikationsprozesse bereits im Rahmen des Gespräches zu durchbrechen, sind genaue Kenntnisse des je konkreten historischen Kontextes von besonderer Bedeutung, die seitens des Moderators, spätestens aber in der Nachbereitung durch den Lehrer in den Lernprozess eingebracht werden sollten. Unter anderem aus diesen Gründen wird von einer realen Begegnung mit Tätern des Nationalsozialismus abgeraten und auf den Einsatz von dokumentierten Erfahrungsberichten verwiesen, da mit ihnen die möglicherweise negative sozialpsychologische Dynamik eines solchen Gespräches vermieden wird.

Zeitzeugengespräche zwischen subjektiver Erinnerung und wissenschaftlicher Objektivität

Ein grundsätzliches Problem, das sowohl Zeitzeugengespräche mit Zuschauern als auch mit Verfolgten des Nationalsozialismus betrifft, ist die Differenz von subjektiver Erinnerung und objektiven historischen Fakten. Nicht selten weichen die von den Zeitzeugen eingebrachten Information über historische Ereignisse im Detail vom aktuellen Stand der historischen Forschung ab. Hier gerät insbesondere der Geschichtsunterricht in Widerspruch zu seinem Anspruch, wissenschaftliche Wahrheit einerseits und die moralischen Lernziele einer Holocaust-Erziehung andererseits zu erreichen.

Während in der Holocaust-Erziehung die Identitäts- und Gewissensbildung der Schüler im Vordergrund steht, zielt der Geschichtsunterricht vorrangig auf die Ausbildung propädeutischer Kompetenzen und eines reflektierten Geschichtsbewusstsein. Dort wo es aus Sicht der kognitiven Ansprüche des Geschichtsunterrichts notwendig wäre, korrigierend einzugreifen, kann es aus der normativen Perspektive einer Holocaust-Erziehung – aber auch aus Gründen des Taktes gegenüber dem Zeitzeugen – angebracht sein, sich einer korrigierenden Bewertung zu enthalten. Um den gleichwertigen und zugleich widersprüchlichen Lernerwartungen gerecht zu werden, ist neben der genauen Sachkenntnis vor allem ein grundsätzliches Problembewusstsein über die genannte Spannung in pädagogisch arrangierten Zeitzeugengesprächen notwendig.

Mit dem zeitlichen Abstand zu den NS-Verbrechen schwindet auch die Möglichkeit der mündlichen Weitergabe von Lebenserinnerungen. Für eine Holocaust-Erziehung bedeutet der vielzitierte Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis, dass sie in naher Zukunft auf die reale Begegnung verzichten muss und auf videographierte Erinnerungsberichte und Memoiren von Überlebenden verwiesen bleibt. Berichte von Zeitzeugen erlangen damit den Status von historischen Quellen. Für deren Einsatz gilt die bekannte, aber keineswegs zu unterschätzende Fragen an jedes didaktisches Arrangement: Wie ist der historische Sachverhalt – in diesem Fall die Erfahrungsberichte von Menschen aus der Zeit des Nationalsozialismus – sachlich angemessen und zugleich in sinnvoller Abstimmung mit den Geschichtsbedürfnissen und -interessen der Schüler zu vermitteln? Die pädagogischen und didaktischen Konsequenzen, die aus der natürlichen Historisierung der NS-Verbrechen für eine Holocaust-Erziehung folgen, haben sich in den vergangenen Jahren bereits zu einem Bezugspunkt der Reflexion entwickelt. Zu erwarten ist, dass die bislang noch relativ lose geführte Diskussion in den nächsten Jahren eine weitere Systematisierung erfährt.


Weiterführende Literatur

Assmann, J. (2000). Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck.

Elm, M. (2008): Zeugenschaft im Film. Eine erinnerungskulturelle Analyse filmischer Erzählungen des Holocaust. Berlin

Kößler, G. (2007): Gespaltenes Lauschen. Lehrkräfte und Zeitzeugen in Schulklassen. In: Fritz Bauer Institut (Hg.): Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, S. 176-191.

Krankenhagen, S. (2001): Auschwitz darstellen. Ästhetische Positionen zwischen Adorno, Spielberg und Walser. Köln u.a.

Reemtsma, J. P. (1998): Die Memoiren Überlebender. Eine Literaturgattung des 20. Jahrhunderts. In: ders.: Mord am Strand. Allianzen von Zivilisation und Barbarei. Hamburg. S. 227-253.

Henke-Bockschatz, Gerhard (2004): Der "Holocaust" als Thema im Geschichtsunterricht. Kritische Anmerkungen. In: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hg): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Frankfurt am Main, S. 298-322.


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