Dossierbild Geschichte und Erinnerung
1 | 2 Pfeil rechts

Erinnern unter Migranten

Die Rolle des Holocaust für Schüler mit Migrationshintergrund


26.8.2008
Die Holocaust-Erziehung steht heute vor neuen Herausforderungen: Welche Bedeutung hat der Holocaust für Jugendliche mit türkischen oder polnischen Wurzeln? Und welche Folgen hat das für die Vermittlung in Schule und Unterricht?

Ein Zweitklässler meldet sich in Berlin an einer Neuköllner Grundschule im Unterricht. Im internationalen Schülerleistungsvergleich PISA haben sich deutsche Schüler angeblich nur marginal verbessert.Ein Zweitklässler meldet sich in Berlin an einer Neuköllner Grundschule im Unterricht. (© AP)

"Holocaust-Erziehung" in multikultureller Gesellschaft



Erst in den letzten Jahren hat sich mehr und mehr die Erkenntnis durchgesetzt, dass die "Holocaust-Erziehung" in einer multikulturellen Gesellschaft vor neuen Herausforderungen steht. Dabei gilt es den jeweiligen Migrationshintergrund zu beachten. Schüler mit polnischen oder russischen Wurzeln sind mit anderen familiären Narrativen sozialisiert als jene, die aus dem arabischen Raum stammen oder jene, die einen türkischen Hintergrund haben. Wieder anders stellt sich die Situation bei Schülern mit Migrationserfahrung aus dem Kosovo oder weiteren Ländern des ehemaligen Jugoslawien dar.

Unterschiedlich sind nicht nur die jeweiligen Migrationserfahrungen, sondern auch die Opfer-Diskurse, die insbesondere bei der Thematik der NS-Judenverfolgung einen erheblichen Einfluss auf den Unterricht haben können. Für Schüler polnischer, russischer oder ex-jugoslawischer Herkunft ist der Nationalsozialismus Teil der Geschichte ihrer jeweiligen Herkunftsländer, aber sie bringen durchaus auch ihren eigenen Opferdiskurs mit in den Unterricht, der anerkannt werden muss, aber nicht zu Vergleichen führen darf, die den Holocaust verharmlosen.

Schüler, die aus dem arabischen Raum stammen oder gar palästinensischer bzw. libanesischer Herkunft sind, neigen dazu, den Nahostkonflikt eng mit dem Holocaust zu verknüpfen, sei es durch eine Gleichsetzung mit der israelischen Politik in den palästinensischen Gebieten oder mit einer Täter-Opfer-Umkehr, die unterstellt, Israelis bzw. "die Juden" seien nun als ehemalige Opfer zu Tätern geworden. Unter Schülern türkischer Herkunft, die weder direkt vom Nahostkonflikt betroffen sind, noch einen familiären Bezug zum Holocaust haben, ist in den letzten Jahren die Tendenz zu spüren, sich mit den Palästinensern als "Opfer" zu solidarisieren, weil sie mehrheitlich Muslime sind.

Diese Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen für das Thema Holocaust im Unterricht. Insofern haben politische Ereignisse im Nahen Osten und deren mediale Präsenz dazu geführt, dass Schüler mit arabisch bzw. türkischem Migrationshintergrund, die den Holocaust lange Zeit ausschließlich als ein Thema der Mehrheitsgesellschaft empfunden haben, nun ihre z. T. diffusen Eindrücke über tagespolitische Ereignisse auf den Holocaust projizieren und in den Unterricht hineintragen. Lehrer sind nur selten auf diese komplizierte Gemengelage vorbereitet, weil sie weder mit den verschiedenen Narrativen der Schüler vertraut sind, noch die komplexe Geschichte des Nahostkonflikts so beherrschen, dass sie Debatten entsprechend moderieren und die jeweiligen Opferdiskurse so kontextualisieren können, dass der Holocaust als historisches Ereignis und Erinnerungsnarrativ seinen angemessenen Platz behält.

Rolle und Vermittlung des Holocaust



Erst in den letzten Jahren haben sich Pädagogen und Multiplikatoren mit Fragen nach der Rolle und der Vermittlung des Holocaust in multikulturellen Klassen auseinandergesetzt. Dies ist auch eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass erst die dritte Generation der Migranten sich in höherem Maße als Teil der bundesdeutschen Gesellschaft begreift, wenn sie auch immer noch oder gerade deshalb Ausgrenzung und Diskriminierung von der Mehrheitsgesellschaft erfährt.

Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust kann bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in vielfältiger Weise geweckt werden. Sie bietet unzählige Möglichkeiten, aktuelle Probleme der Flüchtlings- und Migrationsproblematik zu thematisieren: Sprachprobleme, kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Ausgrenzung und Verfolgung. Zugänge zum Thema können über die eigenen Erfahrungen als Minderheit, über Diskriminierungserlebnisse, über Flucht- und Asylerfahrungen geschaffen werden, wobei immer der jeweilige Kontext mitgedacht werden muss, um zu vermeiden, dass Vergleiche in einer Gleichsetzung münden, die den Holocaust marginalisiert und verharmlost.

Die Anerkennung der Migrations- und Diskriminierungserfahrung der Schüler ist notwendige Voraussetzung, um in multikulturellen Klassen Widerstände gegen das Thema Holocaust aufzubrechen. Gelingt es, Interesse an der Materie zu wecken, kann das Wissen über den Holocaust als integratives Moment wirken, wenn die Schüler die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Mord an den Juden und die Erinnerung daran als Teil der deutschen Geschichte und damit auch als Teil ihrer eigenen Geschichte annehmen.



 
Türkisch nur im HinterzimmerSpeedLab “Migration & Geschichtsvermittlung”

Türkisch nur im Hinterzimmer

Welche Auswirkungen hat der national ausgelegte Geschichtsunterricht auf Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund? Kübra Gümüsay erzählt in ihrem Input-Vortrag von den eigenen Erfahrungen im Geschichtsunterricht. Weiter... 

Mediathek

Erinnern, aber wie?

Was kann an historischen Orten gelernt werden, was können Gedenkstätten leisten und wo liegen die Grenzen? Der Filmbeitrag lässt vielfältige Positionen zu Wort kommen, die Idee ist es, dass dieser Film in der Bildungsarbeit als Einstieg und/oder Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch eingesetzt werden kann Weiter... 

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter... 

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, ÜberwachungsmonitoreDossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen. Dieses Dossier der bpb beleuchtet zahlreiche Aspekte des Stasi-Wirkens mit Hilfe von Analysen, Filmen, MfS-Dokumenten sowie Interviews mit Opfern und Tätern. Weiter... 

Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.Blog

4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung widmete sich dem Fokus "Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft. Die Radikalisierung Deutschlands ab 1933". Hier finden Sie die Veranstaltungsdokumentation. Weiter... 

Online-Angebot

Kinofenster.de: Waltz with Bashir

Nachdem ihm ein Freund einen Albtraum erzählt, der aus den Ereignissen im Libanonkrieg 1982 herrührt, beschließt Regisseur Ari Folman, seinen eigenen Erinnerungen nachzuspüren. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht. Weiter...