Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Michael Elm

Erinnerung ohne Zeugen

Die Übernahme von generationeller Verantwortung ist gerade im Kontext der deutschen Tätergesellschaft mit einer enormen moralischen Hypothek verbunden, die eines differenzierten historischen Zugangs bedarf. Aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Perspektive ist für ein zukünftiges Erinnern die Gegenwart des generationellen Zugangs zu betonen, eigene Leid- oder Ausschlusserfahrungen zu thematisieren, um im Vergleich die in der Regel enorme historische Differenz auszuloten. Ein sachbezogener, auf die Vermittlung von historischem Wissen angelegter Unterricht, der die erinnnerungskulturelle Stellung der Zeitzeugen berücksichtigt, kann besonders im schulischen Kontext den thematischen Zugang vereinfachen [7].

Audiovisuelle Zeugnisse der Überlebenden

Damit werden die audiovisuellen oder schriftlichen Zeugnisse der Überlebenden zu historischen Quellen, die es in ihrer emotionalen und affektiven Dimension zu verstehen, aber auch als mediale Kunstprodukte zu re- und dekonstruieren gilt. Entsprechende geschichtsdidaktische Konzepte zur Förderung historischer Kompetenz und zur Analyse von Zeitzeugendarstellungen im Dokumentar- und Spielfilm haben etwa Bodo von Borries und Waltraud Schreiber entwickelt [8]. Generell ist es wichtig, dass die Zeugnisse nicht nur defizitär – in Abgrenzung zur unwiederbringlichen Situation der direkten Begegnung – verstanden werden.

Die medialen Artefakte transformieren durch ihre spezifische Form zwar den Gehalt des Ausgesagten, bringen dabei aber eigenständige Qualitäten hervor [9]. Dazu zählt nicht nur die prinzipielle Wiederholbarkeit der medialen Situation, sondern ebenso technische wie ästhetische Besonderheiten wie Großaufnahmen, Schnitt und Montage die den Rezipienten eigenständige Zugangsformen eröffnen. In der Regel sind videografierte Zeitzeugeninterviews so gestaltet, dass der Zeitzeuge knapp an der Kamera vorbei, auf den Interviewer blickt. Für die späteren Betrachter wird durch den fehlenden direkten Blickkontakt eine ästhetische Distanz erzeugt, die je nach Zuschauerneigung eine vorsichtige Annäherung oder auch voyeuristische Haltungen fördert.

Zeitzeugen in Filmen und Dokumentationen

Die zunehmende Verwendung von Zeitzeugenaufnahmen in dokumentarischen und fiktionalen Filmen macht es notwendig, ein historisches, kulturwissenschaftliches und medienpädagogisches Verständnis dieser Artefakte zu erwerben. So werden die entsprechenden Szenen mit Zeitzeugen meist zur Authentifizierung der jeweiligen filmischen Erzählung verwendet, das heißt, sie dienen dem Eindruck, eine Atmosphäre des Dabeigewesenseins und der Unmittelbarkeit zu erzeugen. Als Beispiel aus dem Bereich des fiktionalen Films kann hierfür "Der Untergang" von Oliver Hirschbiegel angeführt werden, in dem die Filmhandlung durch eine Videosequenz mit Hitlers ehemaliger Sekretärin Traudl Junge gerahmt wird [10]. Generell kann davon ausgegangen werden, dass im Bereich der so genannten Event-Movies der Bezug auf Zeitzeugen einem Trend zur Personalisierung und Emotionalisierung von geschichtlichen Darstellungen unterliegt [11].

Jüngere Untersuchungen zur Verwendung von Zeitzeugendarstellungen in deutschen TV-Dokumentationen, etwa den ZDF-Produktionen unter der Leitung von Guido Knopp, belegen eine Ausweitung von Opfernarrativen auf tendenziell alle Zeitgenossen des Zweiten Weltkriegs [12]. Ehemalige Angehörige der Wehrmacht nehmen die gleiche Sprecherposition wie Angehörige der verschiedenen Opfergruppen ein. Aus den an der deutschen Kriegsführung beteiligten Akteuren sind Kommentatoren und Geschichtsexperten geworden. Es zeichnet sich im deutschen, aber auch insgesamt im europäischen Gedächtnis eine Entwicklung ab, bei die nationalen Geschichtserzählungen in eine umfassendere, die Opfergeschichte einschließende Perspektive gebracht wird. Im retrospektiv aufgeklärten Blick verwischen sich leicht die Grenzen zwischen Opfern und Tätern und geht die gewiss begrüßenswerte Perspektiverweiterung mit einer historischen Unschärfe einher.

In einer zukünftigen Erinnerung erscheint es sinnvoll, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust durch die widerstreitenden, ethnisch und national diversifizierten Gedächtnisse hindurch zu erinnern. Diese haben mit den zahlreichen, auch regional in Archiven niedergelegten Zeugenschaftsberichten ein menschliches Gesicht bekommen. Deren Nutzung und Aktivierung ist unvermeidlich vom generationellen Interesse der Nachgeborenen und einer interessierten Pädagogik abhängig. Vielleicht kann die den Zeugenschaftsberichten inhärente Verpflichtung, gesehenes Unrecht gegenüber der Öffentlichkeit zu berichten, einen Anstoß liefern, diese Tradition zu beleben. Damit wäre der geschichtlichen Erinnerung wie den gegenwärtigen Verhältnissen gleichermaßen gedient.


Weiterführende Literatur

[7] Kößler, Gottfried (2004): "Menschenrechtsbildung und historisches Lernen. Erfahrungen mit dem Projekt »Konfrontationen«", in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hrsg.), Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts, Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York, S. 237–251.

[8] Schreiber, Waltraud/Wenzel, Anna (Hrsg.) (2006): Geschichte im Film. Beiträge zur Förderung historischer Kompetenz, Themenhefte Geschichte 7, ars una, Neuried.

[9] Schneider, Christoph (2007), ">Das ist schwer zu beantworten und entschuldigen Sie, wenn mir jetzt die Tränen kommen< Medialität und Zeugenschaft", in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, Red.: Elm, Michael/Kößler, Gottfried, Frankfurt a. M./New York, S. 260-279.

[10] Frölich, Margrit / Schneider, Christian/Visarius, Karsten (Hrsg.) (2007): Das Böse im Blick. Die Gegenwart des Nationalsozialismus im Film, edition text + kritik, München.; Wildt, Michael (2008): "DER UNTERGANG: Ein Film inszeniert sich als Quelle", vgl.: www.zeithistorische-forschungen.de, eingesehen 25.08.2008.

[11] Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hg.) (2008): Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, UVK, Konstanz.

[12] Keilbach, Judith (2008): Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Lit Verlag, Münster.; Elm, Michael (2008): Zeugenschaft im Film. Eine erinnerungskulturelle Analyse filmischer Erzählungen des Holocaust, Metropol Verlag, Berlin.


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