Dossierbild Geschichte und Erinnerung

27.10.2008 | Von:
Christoph Corneließen

Erinnern in Europa

Erinnerungskulturen in Europa

Wenn man die gesamte Nachkriegsepoche seit 1945 in den Blick nimmt, lassen sich grob gesprochen drei Phasen der Erinnerungskultur in Europa voneinander unterscheiden. Paradigmatisch kennzeichnend für die erste Teilphase der Vergangenheitsbewältigung bis Mitte der 1960er Jahre war fast überall der starke Kontrast zwischen der Konkretheit der millionenfachen Kriegs-, Vernichtungs- und Verlusterfahrungen auf der einen Seite sowie ihrer sprachlichen Dekonkretisierung im öffentlichen Raum auf der anderen Seite. Was sich in der Bundesrepublik als Entkonkretisierung, Beschweigen, Vergessen oder sogar als Verdrängung äußerte, bei der allerdings nicht die normative Abgrenzung von der NS-Vergangenheit übersehen werden darf, weist zahlreiche Parallelen zu ähnlich gelagerten Entwicklungen im europäischen Ausland auf. So blieb in Frankreich die Kollaboration des Vichy-Regimes mit dem Nationalsozialismus zunächst für weit länger als ein Jahrzehnt aus der französischen Erinnerungskultur ausgeblendet. Hier wie auch in den meisten anderen vormals von den deutschen Truppen besetzten Ländern traten letztlich deutliche Spannungen auf bei dem Versuch, einerseits die Vergangenheit zugunsten des nationalen Wiederaufbaus auszublenden und andererseits die "Helden" und "Opfer" zu würdigen, während gleichzeitig gegen die Kollaborateure, Faschisten und "eingeborenen" Antisemiten Prozesse geführt wurden. Diese Lage mündete in vielen Ländern nach dem Kriegsende in erinnerungspolitischen "Karenzzeiten" von rund ein bis zwei Jahrzehnten.

Vielfach gefördert von dem laufenden Wandel der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, aber auch aufgrund neuer Enthüllungen änderte sich die Zielrichtung der nationalen Erinnerungskulturen in Europa in der Zweiten Phase von Mitte der 1960er Jahre bis zum Ende der Ost-West-Blockkonfrontation erheblich. Während in der Bundesrepublik sich der zuvor stark selbstbezogene nationale Opferdiskurs allmählich auf einen Täterdiskurs verlagerte, was ebenfalls zu einem veränderten Umgang mit den ehemaligen Orten des NS-Terrors in vielen deutschen Städten und Gemeinden führte – Beispiele wären dafür die Eröffnung von Gedenkstätten auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationslager in Dachau und Bergen-Belsen, wurden gleichzeitig im westlichen Ausland überkommene Opfer-/Täter-Zweiteilung in Frage gestellt. Außerdem können wir beobachten, wie fast im gesamten europäischen Westen im Laufe der 1970er Jahre Fragen zur Kollaboration zwischen Besatzern und Besetzten sowie zum Antisemitismus der besetzten oder mit dem "Dritten Reich" alliierten Länder zu Themen mit breiter öffentlicher Resonanz aufrückten. Freilich blieben auch noch in dieser Phase viele Opfergruppen weiterhin aus dem nationalen Gedenkkult ausgeschlossen. Teilweise kam es sogar zu gegenläufigen Entwicklungen, erfuhr doch beispielsweise in Italien die nationale Widerstandsbewegung in der zweiten Phase eine politisch sanktionierte Überhöhung mit geradezu mythischen Bezügen.

Erinnerungskultur nach 1989

Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa und in der Deutschen Demokratischen Republik haben sich jedoch die Rahmenbedingungen für nationale Erinnerungskulturen in Europa erneut entscheidend gewandelt. Zu den sichtbaren Begleiterscheinungen des eingetretenen Umbruchs zählen seitdem das Schleifen und die Zerstörung zahlreicher Denkmäler sowie ihre Umgestaltung oder ihr Ersatz durch neue materielle Erinnerungszeichen. Zwangsläufig änderte sich ab 1989 ebenso die Gestaltung der politischen Inszenierung im Rahmen öffentlicher Erinnerungsfeiern.

Im Zuge dieser Entwicklung kam in Europa eine Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust in Gang, deren Anfänge zwar bis in die 1970er Jahre zurückreichen, aber erst in der dritten Phase zum Mittelpunkt einer transnationalen europäischen Erinnerungskultur aufstiegen. Damit einher ging ein grundlegender Perspektivenwandel, der als ein sich beschleunigender Prozess einer Geschichtsbetrachtung aus der Opferperspektive verstanden werden kann. Ob in Gedenkfeiern, medialen oder auch historiographischen Darstellungen: Zunehmend werden die Opfer in das Zentrum gerückt, während in der Vergangenheit die nationalen Narrative meist die Figur des Helden bevorzugt hatten. Es handelt sich hierbei, so der französische Historiker Henry Rousso, um den bedeutsamen Übergang von einem politischen zu einem moralischen Muster der Vergangenheitsbetrachtung .

Obwohl hierüber eine Pluralisierung wie auch eine Universalisierung der Gedächtniskulte in Europa in Gang gekommen ist, darf eine solche Erweiterung der nationalen Gedenkdiskurse nicht zu einer beliebigen Homogenisierung der Erinnerungen führen. Denn die konkreten Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg bleiben nun einmal von Land zu Land, aber auch von Region zu Region, wie auch zwischen sozialen Gruppen, Generationen oder auch Geschlechtern ausgesprochen unterschiedlich. Davon kann und darf eine wie immer geartete "gesamteuropäische Erinnerungskultur" nicht absehen. Was allerdings zukünftig in die kulturellen Gedächtnisse der europäischen Gesellschaften eingeht, wird das Ergebnis der jetzt im Gang befindlichen Aushandlungen sein.


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