Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Erinnern global


26.8.2008
Der Holocaust ist Bestandteil der Agenda der internationalen Politik. Aber welche Rolle spielt er im transnationalen Gedächtnis? Wie wird er erinnert, welche Unterschiede gibt es in den Erinnerungskulturen?

Das Massaker von Nanking von 1937 wird auf der englischsprachigen Seite der chinesischen Gedenkstätte mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Dabei geht es jedoch weniger um die Erinnerung an die ermordeten Juden als um die internationale Aufmerksamkeit.Das Massaker von Nanking von 1937 wird auf der englischsprachigen Seite der chinesischen Gedenkstätte mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Dabei geht es jedoch weniger um die Erinnerung an die ermordeten Juden als um die internationale Aufmerksamkeit. (© AP)

Globale Erinnerungskultur



"Der Holocaust war eine beispiellose und nicht zu leugnende Tragödie," so formulierte der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon anlässlich des "Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" im Januar 2007. Erst im November 2005 hatte die UN-Vollversammlung den Rahmen für seine Rede geschaffen, indem sie den Beschluss fasste, fortan jedes Jahr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar und damit verbunden der Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu erinnern.

Diese Entscheidung markiert den vorläufigen Höhepunkt einer mehrere Jahrzehnte andauernden Entwicklung. Während die systematische Ermordung der Juden in der Perspektive von Historikern, Massenmedien und Politikern lange Zeit nur einen untergeordneten Gesichtspunkt in der Auseinandersetzung mit "Drittem Reich" und Zweitem Weltkrieg bildete, wird sie heute als "paradigmatisches Menschheitsverbrechen" (Dirk Rupnow) gedeutet: als singuläres Ereignis, dessen Erinnerung unentbehrliche Lehren für Gegenwart und Zukunft bereit halte. Dementsprechend kreisen die Debatten über die Existenz eines europäischen oder globalen Gedächtnisses häufig um Konjunktur und Relevanz der Holocaust-Erinnerung.

Warum aber sollte sich ausgerechnet der dunkelste Teil der deutschen Geschichte als Bezugspunkt für eine globale Erinnerungskultur eignen? Wie geschlossen stimmt die Staatenwelt tatsächlich darin überein, dass dem "Zivilisationsbruch Auschwitz" (Dan Diner) ein herausragender Platz im Gedächtnis der Völker gebührt?

Zumindest auf die erste Frage hält der Soziologe Bernhard Giesen eine Antwort parat. Mit Blick auf das Ende des 20. Jahrhunderts erkennt er in westlich geprägten Demokratien eine Abkehr vom "Triumph" und eine Hinwendung zum "Trauma". Die zunehmende Auseinandersetzung mit der eigenen Korrumpierung und Kollaboration hat laut Giesen positive Folgen für die Herausbildung einer transnationalen – das heißt, einer nicht ausschließlich durch nationale Referenzrahmen und Grenzen determinierten – Gemeinschaft: "Während die Feiern eines triumphalen Sieges einer Nation jenseits der Grenzen, im Lande der Besiegten, Bitterkeit und Ressentiment auslösen, wirkt das gemeinsame Opfergedenken durch die politischen Repräsentanten der Sieger und Besiegten von gestern versöhnend."

In besonderer Weise trifft diese Diagnose auf die Erinnerung an die Opfer des Holocaust zu. Wie die Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider in ihrem Buch "Erinnerung im globalen Zeitalter" ausführen, hat eine Reihe von Medienereignissen (das "Tagebuch der Anne Frank", der "Eichmann-Prozess" in Jerusalem, die TV-Serie "Holocaust" und der Hollywood-Blockbuster "Schindlers Liste") wesentlich dazu beigetragen, dass sich Menschen mit unterschiedlichem ethnischem und gesellschaftlichem Hintergrund die Möglichkeit zur Identifikation mit den jüdischen Opfern bietet. Gleichzeitig hat sich das Leiden der Juden als universaler Maßstab für die Erfahrungen anderer Opfergruppen etabliert, was nicht zuletzt zu einer stärkeren "Opferkonkurrenz" und Indienstnahme des Holocaust geführt hat. Neben den Massenmedien, die von Vertreibung und Völkermord (Stichwort: Kosovo und Ruanda) berichten, nutzen etwa Abtreibungsgegner und radikale Tierschützer (PETA) mit dem Holocaust assoziierte Bilder und Metaphern, um eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen.

"Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz"



Auch Regierungsmitglieder legitimieren ihr politisches Handeln mit dem Holocaust. Unvergessen ist der Spagat des damaligen Außenministers der Rot-Grünen Koalition, Joschka Fischer, der auf einem Sonderparteitag seiner Partei im Mai 1999 mit folgenden Worten für die Beteiligung der Bundesrepublik am Kosovo-Krieg warb: "Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus." Allerdings stand Fischer mit seiner Position, die eher unfreiwillig verdeutlicht, dass Auschwitz keine klare Richtschnur für politische Entscheidungen liefert, nicht allein. Dies zeigte sich kurz darauf bei der internationalen "Holocaust-Konferenz" in Stockholm.

Das Gipfeltreffen, dessen Ursprünge in der US-Geschichtspolitik der 1990er Jahre liegen, führte vom 26. bis zum 28. Januar 2000 mehr als zwanzig überwiegend europäische Staats- und Regierungschefs zusammen. In ihren Reden bekräftigten sie die fortdauernde Aktualität des Holocaust und verpflichteten sich außerdem in einer gemeinsamen Deklaration zur Bekämpfung jeg­licher Form von Fremdenfeindlich­keit, Rassismus und Antisemitismus. Dass sich der Bezug auf Auschwitz immer auch aus aktuellen Interessen speist, verdeutlicht die Ankündigung des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, eine globale Menschenrechtspolitik notfalls mit Hilfe militärischer Interventionen durchsetzen zu wollen.

Doch obwohl heute Holocaust-Museen und -Zentren in allen Erdteilen existieren , wäre die Annahme eines globalen oder auch nur europäischen Konsenses falsch. Trotz der sichtbaren Bemühungen der UN-Spitze, das Gedenken an die Opfer des Holocaust als internationale Norm zu etablieren, gibt es bereits deutliche Unterschiede in den Erinnerungskulturen der europäischen Staaten. Während das alte Europa den Holocaust als negative Refe­renz seines Gedächtnisses verankert hat, deutet das neue Europa die stalinistischen Verbrechen oft als relevantere historische Erfahrung. Dabei wird die eigene Beteiligung und Mitwirkung an der deutlich längeren und zugleich jüngeren kommunistischen Diktatur regelmäßig mit dem Verweis auf die oktroyierte sowjetische Fremdherrschaft relativiert. Folgerichtig sind die von einer doppelten diktatorischen Vergangenheit betroffenen mittel- und osteuropäischen Staaten von einem "negativen Gedenken" (Volkhard Knigge), das sich durch "die öffentliche Erinnerung an begangene, nicht an erlittene Untaten" auszeichnet, noch recht weit entfernt.



 

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