Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles erinnern

Internet und historisches Erinnern

Mittlerweile hat sich auch das Internet als Ort der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit etabliert. Forschungseinrichtungen, Museen und Gedenkstätten tragen ihre Deutungsangebote der Vergangenheit ins Netz. Hinzu kommen Online-Angebote der Tageszeitungen sowie viele weitere, vor allem private Anbieter, die sich am Diskurs beteiligen. Nimmt man eine Kategorisierung der Angebote vor, so kann man drei Gruppen ausmachen: Informationen zu Nationalsozialismus und Holocaust findet der Nutzer auf Internetportalen, den "Pforten" zu weiteren Informationen, die Orientierungsfunktionen erfüllen und so als eine Art Wegweiser im Netz fungieren. Die Websites öffentlicher Einrichtungen, NS-Gedenkstätten und anderer Erinnerungsorte sind serviceorientierte Angebote, die weniger historische "Fakten" als vielmehr Serviceinformationen zu den Institutionen selbst, deren Veranstaltungen und Öffnungszeiten bieten. Die meist von Interessenvereinigungen vielfach gemeinschaftlich verfassten Informations- und Kommunikationsplattformen hingegen wollen eben dies bieten: Ereignisgeschichte, Verläufe, Hintergrundinformationen.

Haben wir es bei diesen virtuellen Repräsentanzen mit neuen Erinnerungskulturen, mit alternativen und eigenständigen Wegen der Vermittlung erinnerungsrelevanter Inhalte zu tun? Wird das Internet zum Ort, an dem sich durch die größeren Partizipationsmöglichkeiten Online-Erinnerungsgemeinschaften ausbilden? Wird es gar zum "Bauch der Weltgesellschaft"? (4) Die spezifischen Kommunikationsformen im Netz sind auf technisch-mediale Besonderheiten zurückführen. Diese zeitigen Konsequenzen für die Zugänge, die Nutzer zu den gespeicherten Inhalten haben: Interaktivität, Multimedialität, Vernetzung und Individualisierung sind wesentliche Schlagworte und Bereiche, welche die allgemeine Diskussion um die Qualitäten der neuen Medien prägen.

Weiterhin stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis Online-Angebote zu anderen gesellschaftlichen Sphären stehen und wie sie im Ensemble erinnerungskultureller Vermittlungsinstanzen zu verorten sind. Mit der offiziellen Erinnerungskultur und mit Geschichtspolitik wird der Anspruch verbunden, das Bekenntnis zu einer mahnenden Erinnerung an die Opfer für das Gemeinwesen verbindlich zu demonstrieren. Kritik bezieht sich auf ritualisierte Formen des Gedenkens, die nichts mehr mit den Erfordernissen der Gegenwart zu tun hätten und vor allem der jungen Generation nicht zu vermitteln seien.(5) Sind historische Themen und Inhalte online tatsächlich der jungen Generation, jungen Nutzern zugänglicher und damit auch eine bessere Form der Ansprache? Tritt virtuelle Zeitzeugenschaft an die Stelle von gelebter? Und nicht zuletzt: Ist die Zukunft des Erinnerns virtuell?

Als technische Plattform zur Ermöglichung unterschiedlicher medialer Dienste übernimmt das Internet immer mehr zentrale Speicherungs- und Kommunikationsaufgaben der Gesellschaft. Es ist, was die Menge an Daten anbelangt, ein sehr leistungsfähiges Speichermedium. Daher wird schon von einem "unermesslichen Super-Archiv"(6) gesprochen. Online-Angebote wie "einestages - Zeitgeschichten auf Spiegel Online", "zeitzeugengeschichte.de - Das Webportal für Zeitzeugeninterviews" oder "Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte" nutzen das Internet in unterschiedlicher Weise, um Biografien festzuhalten, um Lebensgeschichten und Schicksale zugänglich zu machen, um sie für einen Austausch zu öffnen. Im digitalen Archiv zum Thema Zwangsarbeit von 1939 bis 1945 etwa erzählen knapp 600 ehemalige Zwangsarbeiter aus 26 Ländern ihre Lebensgeschichten in ausführlichen Audio- und Videointerviews. Die Interviews wurden digitalisiert und sind nach Anmeldung und Registrierung auf der Online-Plattform verfügbar. Das von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" getragene, in Kooperation mit der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Historischen Museum angebotene Online-Archiv richtet sich an Schulen und Gedenkstätten, soll aber auch in Lehre und Forschung genutzt werden. Ein Beispiel "einzigartiger Geschichts-Notfallhilfe" - so die Nominierungskommission, die dieses wie auch das Archiv zur Zwangsarbeit 2009 für den Grimme-Online-Award vorschlug - ist auch "Das digitale Historische Archiv Köln". Jeder Nutzer, der über Abschriften, Kopien, Mikrofilme oder Fotografien der Kölner Archivbestände verfügt, kann sie im digitalen Archiv hochladen und so einen Beitrag dazu leisten, die Sammlung nach dem Einsturz des Stadtarchivs 2009 wieder zu vervollständigen. Gedächtnis im digitalen Zeitalter - neue Chancen und Möglichkeiten?

Mit der Immaterialität der Daten im Netz geht deren Flüchtigkeit und Unzuverlässigkeit einher, die dadurch verstärkt wird, dass Hypertexte - die dem Internet zugrunde liegenden Informationseinheiten - nicht aus einer festen Anzahl von Modulen bestehen, sondern sich im ständigen Auf- und Umbau befinden. "Das Memorieren ist nicht seine Sache", konstatiert die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die sich mit der Medialität von kulturellem Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt.(7) Sie verweist auf Ansätze, welche die Veränderungen, die sich mit dem Internet vollziehen, im Rückgriff auf die zu geringe Haltbarkeit digital gespeicherter Daten als krisenhaft und bedrohlich beschreiben. Von einem Merkmal der Technologie werden umfassende und weit reichende Thesen abgeleitet: "Gespeichert, das heißt vergessen." Die Rede ist von einem "digitalen Gedächtnis-Dilemma";(8) befürchtet wird gar die "Zerstörung von historischem Gedächtnis".(9) Gedächtnis im digitalen Zeitalter - ein Widerspruch? Ebenso wie die Beschreibung des Gedächtnisses wird auch die des World Wide Web an Metaphern geknüpft. Diese reichen von Datenuniversum, globalem Gehirn, intelligentem Superorganismus bis hin zu dem Anspruch, der für bestimmte Websites explizit formuliert wird, hier solle sich das "kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft" manifestieren.(10)


(4) Claus Leggewie/Erik Meyer, "Collecting Today for Tomorrow". Medien des kollektiven Gedächtnisses am Beispiel des "Elften September", in: Astrid Erll/Ansgar Nünning (Hrsg.), Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität, Historizität, Kulturspezifität, Berlin 2004, S. 286.

(5) Vgl. Clemens Wischermann, Vom kollektiven Gedächtnis zur Individualisierung der Erinnerung, Stuttgart 2002, S. 15.

(6) Elena Esposito, Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt/M. 2002, S. 288.

(7) Vgl. Aleida Assmann, Zur Mediengeschichte des kulturellen Gedächtnisses, in: A. Erll/A. Nünning (Anm. 4), S. 55.

(8) Vgl. Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Eine kleine Geschichte des Vergessens, Frankfurt/M. 2004, S. 72.

(9) A. Assmann (Anm. 7), S. 55.

(10) So etwa das Selbstverständnis der bereits erwähnten Website http://einestages.spiegel.de/page/Home.html (einestages - Zeitgeschichten auf Spiegel Online) (26.5.2010).


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