Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles erinnern

Vielfalt der Perspektiven - Verantwortung der Nutzer

In Daten und Entwicklungstrends fassbar ist die ungebrochen hohe Bedeutung und Relevanz des Internets. In Deutschland stieg der Anteil der "Onliner" an der Gesamtbevölkerung von 1997 bis 2009 von 6,5 auf rund 67 Prozent.(11) 43,5 Millionen Personen ab 14 Jahren waren im Frühjahr 2009 in Deutschland online. Zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit ist die Internetnutzung insbesondere für eine Generation geworden, die in einer von digitalen Technologien wie Computer und Internet geprägten Umwelt aufgewachsen ist, den Digital Natives.

Drei Viertel der von der Studie "Jugend, Information, (Multi-) Media" (JIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest im Jahre 2009 erfassten Heranwachsenden von 12 bis 19 Jahren haben einen Computer oder Laptop in ihrem Besitz, mehr als jeder Zweite hat vom eigenen Zimmer aus Online-Zugang.(12) Zu den Nutzern des Internets zählen 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen. Auch der Anteil der Intensivnutzer, die täglich bzw. mehrmals pro Woche online sind, ist weiter angestiegen. Wie aus den Erhebungen der JIM-Studie ebenso hervorgeht, steigt das Informationsbedürfnis der Jugendlichen mit zunehmendem Alter an, entsprechend nutzen ältere Jugendliche häufiger Suchmaschinen und rufen Informationen ab, die nicht direkt mit Schule oder Ausbildung verbunden sind. Bei Wikipedia oder auch Newsgroups hingegen steigt der Studie zufolge das Interesse ab 14 Jahren sprunghaft an und bleibt dann nahezu stabil. Doch geht die "Generation @"(13) auch zum Abruf historischer Informationen online?

Richtet man zunächst den Blick auf diejenigen, die im Netz Angebote und Inhalte dieses Themenbereichs anbieten, fällt auf, dass dies nicht nur die traditionellen Institutionen und Produzenten von Geschichte wie etwa Gedenkstätten, Museen oder Archive sind. Neben diesen etablierten Einrichtungen beteiligen sich auch Privatpersonen oder Interessenvereinigungen am Online-Diskurs. Auch Websites journalistischer Anbieter und Verlage sind stark im Netz vertreten. Die Motivationslagen sind verschieden: Während es private Anbieter gibt, bei denen die neuen technischen und medialen Möglichkeiten und deren Erprobung im Vordergrund stehen, spielen technisch-mediale Erwägungen etwa bei den Anbietern von Websites der Gedenkstätten kaum eine Rolle. Überregionale Informationsverbreitung, Beförderung des Austausches und Schaffung von Netzwerken, Online-Vermarktung, Argumentation gegen neonazistische Propaganda sowie neue Vermittlungswege für eine jüngere Zielgruppe sind weitere mit den Internetauftritten verbundene Ziele. Die Ziel- und Nutzergruppen sind Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, ferner Individual- und Gruppenbesucher von Gedenkstätten, potenzielle Geldgeber und Pädagogen.

Die Beteiligung alternativer Anbieter am Online-Diskurs führt einerseits zu einer größeren Vielfalt an Perspektiven im Umgang mit Geschichte. Andererseits wird ein höheres Maß an Eigeninitiative und Verantwortung an den Nutzer delegiert: Man muss Websites und deren Inhalte auswählen und vor allem auch bewerten können. Die Relevanzzuschreibung obliegt, gerade bei Websites, hinter denen keine bekannte Institution steht, den Nutzern. Information im Netz ist demnach kein Wert an sich, vielmehr sind Selektivität und gegenseitige Verknüpfungen entscheidend. Wie geht man mit Informationen um, hinter denen keine bekannte Institution steht? Wie lassen sich nur scheinbar gesicherte historische Fakten nachprüfen?

Auch im freien Netz sind die Anker und Fixpunkte der "realen Welt" sehr wichtig. Intermediale Referenz meint wechselseitige Bezüge und Orientierungen zwischen verschiedenen Medien. In diesem Fall spielt vor allem die Rückbindung der Online-Diskurse über die NS-Vergangenheit an andere gesellschaftliche Sphären eine wesentliche Rolle. Mit ihnen etablieren sich keine losgelösten Wege der Vergangenheitsvermittlung. Narrative, die in anderen Bereichen hervorgebracht werden, bestimmen auch die Diskurse im Internet. Seitens der Anbieter werden die vermutete Wirkungsmacht publizistischer Medien sowie die Aura von Erinnerungsorten als entscheidende Gründe gegen eine Substitution traditioneller Gedächtnismedien durch Online-Angebote angeführt: "Historische Orte mit Bodenhaftung", das "haptisch-empirisch Wahrnehmbare" und das "Körpererlebnis" am realen Ort werden zu Alleinstellungsmerkmalen, gar zum "Pfund", mit dem man "wuchern" könne.(14) Websites sollen demnach keine virtuellen Gedenkorte sein.

So wichtig das Internet für die Vermittlung historischer Information auch ist: Die Themen, die hier behandelt werden, entstehen meist anderswo. Geschichte im Film, in Fernsehdokumentationen, in Büchern, im Geschichtsunterricht in der Schule und in Erzählungen in der Familie - all dies sind die wesentlichen Instanzen und Quellen. Diese Komplementarität konnte auch in Nutzerbefragungen bestätigt werden. Über alle Altersgruppen hinweg sind neben historischen Fachbüchern, mit denen Seriosität verbunden wird, und Erinnerungsorten, die als authentisch gelten, Sozialisationsinstanzen wie Schule oder Familie als wesentliche Informationsquellen zu benennen. Nicht zu vergessen sind publizistische Medien, denen ebenso eine gesellschaftlich relevante Rolle zur Information über die nationalsozialistische Vergangenheit zukommt.


(11) Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, ARD/ZDF Online-Studie 2009. Der Internetnutzer 2009 - multimedial und total vernetzt, in: Media Perspektiven, (2009) 7, S. 334-348, hier S. 335.

(12) Vgl. JIM-Studie 2009. Jugend, Information (Multi-) Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, Stuttgart 2009, S. 37, online: www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf09/JIM-Studie2009.pdf (26.5.2010). (13) Horst W. Opaschowski, Generation @. Die Medienrevolution entläßt ihre Kinder. Leben im Informationszeitalter, Hamburg 1999, S. 19.

(14) Die Zitate stammen aus Experteninterviews, die mit Anbietern von Websites des Bereichs Nationalsozialismus und Holocaust geführt wurden, ausführlicher in: Dörte Hein, Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust, Konstanz 2009.


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