30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles erinnern

Motivationen junger Nutzer

Die empirischen Untersuchungen zeigen, dass das Alter der User ein maßgeblicher Faktor bei der Quellenauswahl ist. So ist für die 14- bis 19-Jährigen das Web schon jetzt das wichtigste Informationsmittel. Damit unterscheidet sich diese junge Gruppe der Nutzer signifikant von jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 29 Jahren, für die nach wie vor historische Fachbücher die wesentlichen Informationsquellen sind. Besonders Schülerinnen und Schüler wenden sich verstärkt Online-Angeboten zu Nationalsozialismus und Holocaust zu. Das Internet ist für jüngere Zielgruppen als Medium der gezielten Recherche neben die gedruckte Fachliteratur getreten. Legt man die biografische Prägung des Medienhandelns zugrunde, ist zum einen zu vermuten, dass die heute 14-Jährigen dies auch dann noch tun, wenn sie 24, 34 oder 44 Jahre alt sind. Zum anderen liegt die Prognose nahe, dass auch bei nachfolgenden Generationen das Netz als Informationsmedium immer wichtiger wird. Was bedeutet das für die Zukunft der Erinnerungskultur im Online-Bereich?

Wichtig sind jungen Nutzern schon heute der Austausch und die Kommunikation mit Anderen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Die in Studien zur Online-Nutzung als "Junge Hyperaktive" bezeichnete Nutzergruppe ist sehr stark daran interessiert, sich durch das Netz nicht nur zu informieren, sondern sich auch mit Anderen auszutauschen. Dies entspricht den in der JIM-Studie 2009 ermittelten Befunden: Mit rund der Hälfte der online verbrachten Zeit entfällt auf die Nutzung kommunikativer Dienste wie Communities, Chats, E-Mail oder Messenger deutlich mehr Zeit als auf die Suche nach Informationen. Je älter die Internetnutzer aber werden, desto höher wird auch der Nutzungsanteil für die Informationssuche.(15) Auch im Stil der Nutzung unterscheidet sich die jüngere Generation deutlich von älteren Nutzern: Selbst wenn Interaktionsmöglichkeiten auf den Websites vorhanden sind, will sich ein Großteil der User hauptsächlich informieren. Elemente wie Diskussionsforen oder Chats spielen eine eher untergeordnete Rolle. Die prinzipiell mögliche Ausbildung von Online-Erinnerungsgemeinschaften ist bis dato bei einem Großteil der Nutzer nicht zu erkennen. Die Metapher vom Bauch der Weltgesellschaft beschreibt nicht die realen Verhältnisse der Online-Angebote und ihrer Nutzung. Auch seitens der Anbieter wird die technisch problemlos mögliche Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer eher zurückhaltend erschlossen. Die Gründe dafür reichen von der Befürchtung, rechtsextremen Gedanken eine Plattform zu bieten, über mangelnde personelle und finanzielle Möglichkeiten der Betreuung bis hin zum allgemeinen Grundsatz, kein Ort zum Austragen von Debatten sein zu wollen.

Der webbasierte Austausch über Nationalsozialismus und Holocaust ist bisher eher Sache der jungen Nutzer. Altersübergreifend hingegen wird die Möglichkeit, historische Informationen nicht nur durch Texte, sondern auch mit Bildern, Tönen oder Videos zu vermitteln, als großer Vorteil des Webs angesehen. Historische Hintergrundinformationen sind dabei neben Berichten über Einzelschicksale sowie Links und Linklisten zu anderen thematischen Websites die wichtigsten inhaltlichen Bereiche von Websites des Themenspektrums Nationalsozialismus und Holocaust. Es scheint der Wunsch zu bestehen, neben Texten und Bildern auch Originaltöne und Videos nutzen zu können. Multimedialität wird im Sinne der emotionalen Kraft und des "Sich-in-die-Zeit-Hineinversetzens" positiv bewertet.

Multimedia als verheißungsvolles Potenzial neuer Medien - wie sehen das die Anbieter? Insgesamt dominiert Zurückhaltung. Die Anbieter sprechen sich - etwa aus den einleitend bereits angesprochenen Gründen der Angemessenheit der Darstellung - für einen reduzierten Umgang mit Bildmaterial und gegen Bilder im Sinne einer befürchteten "Betroffenheitspädagogik" aus. Die inhaltlichen Bezüge setzen den medialen Innovations- und Experimentiertendenzen der Kommunikatoren erkennbare Grenzen. Auch die technisch reduzierten Möglichkeiten der Websites, Urheberrechte bei Bildern oder die Priorität eines sachlich-informativen Zugangs sind Gründe für eine vorwiegend textliche Vermittlung. Der Mehrwert des World Wide Web für die multikodale (unter Verwendung mindestens zweier Symbolsysteme erfolgende) Vermittlung von Informationen wird zwar als Vorteil angesehen, bisher jedoch kaum umgesetzt.


(15) Vgl. JIM-Studie (Anm. 12), S. 33.


Europäische Union - Bund - Land

Öffentliche Fördermöglichkeiten

Neben dem Bund fördern die Länder Fahrten zu Gedenkstätten durch teils sehr unterschiedliche Strukturen und Programme. Internationale Begegnungsprojekte werden vorrangig durch die internationalen Jugendwerke gefördert, aber auch eine Förderung durch die Europäische Union ist im Kontext größerer Projekte möglich.

Mehr lesen

Mediathek

Erinnern, aber wie?

Was kann an historischen Orten gelernt werden, was können Gedenkstätten leisten und wo liegen die Grenzen? Der Filmbeitrag lässt vielfältige Positionen zu Wort kommen, die Idee ist es, dass dieser Film in der Bildungsarbeit als Einstieg und/oder Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch eingesetzt werden kann

Jetzt ansehen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

Mehr lesen

Dokumentarfilm & Dossier

Die Wohnung

In der Wohnung seiner verstorbenen Großeltern entdeckt der israelische Filmemacher Arnon Goldfinger Spuren einer unbekannten Vergangenheit. Die jüdischen Großeltern waren mit einem SS-Offizier befreundet. Der Dokumentarfilm zeichnet Goldfingers Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte nach.

Mehr lesen

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung widmete sich dem Fokus "Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft. Die Radikalisierung Deutschlands ab 1933". Hier finden Sie die Veranstaltungsdokumentation.

Mehr lesen