Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles erinnern

Gegenwart und Zukunft virtuellen Erinnerns

Online-Erinnerungskulturen haben viele Facetten und machen Widersprüche sichtbar. Heute existieren maximale Speicherkapazitäten, aber es gibt auch Probleme bei der dauerhaften Archivierung von Daten. Es bieten sich größere Freiheiten der Nutzer, aber damit auch ein größerer Zwang zur Auswahl und mehr Verantwortung in der Bewertung der Inhalte. Und nicht zuletzt: Die Technik ermöglicht inzwischen eine stärkere Einbindung der User, der allerdings eine sehr zurückhaltende Umsetzung gegenübersteht. Diese Ambivalenzen widersetzen sich einseitigen Bewertungen. Metaphern vom digitalen Gedächtnis-Dilemma bis hin zum Netz als intelligentem Superorganismus bedürfen der Differenzierung und Kontrastierung mit empirisch Beobachtbarem.

Von erinnerungskulturellen Qualitäten der Websites ist dann auszugehen, wenn das Bereitstellen sowie das Abrufen von Informationen als Teile von Erinnerungsprozessen und damit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit begriffen werden. Sozialer Erinnerung, verstanden als dynamischer Aneignungsprozess von Vergangenheit, liegen demnach Prozesse der Informationsverarbeitung auf der Seite der Anbieter sowie der Nutzer zugrunde. Erst dadurch werden Daten zu Informationen respektive in sozial validierter Form zu Wissen, das nicht als Speicher vorliegt, sondern veränderlich und ortsunabhängig verfügbar ist.

Erinnerungskulturen sind nicht allein durch die Analyse von Gedächtnismedien, sondern erst durch die Betrachtung der zugrunde liegenden Kommunikationsprozesse umfassend beschreibbar. Allein die Feststellung bestimmter technisch-medialer Potenziale reicht nicht aus, um spezifische kommunikative Gebrauchsweisen abzuleiten. Dieser Befund spricht für eine integrative Perspektive, die medienanalytische und kommunikationsbezogene Betrachtungen verbindet. Durch diesen Ansatz werden gleichzeitig statische Gedächtniskonzepte zugunsten der Beschreibung von Ausschnitten der in bestimmten Medien hergestellten Vergangenheitsbezüge sowie deren Nutzung modifiziert. Die Rede vom "Gedächtnis", das zerstört wird oder sich in einer Krise befindet, wird den vielfältigen kommunikativen Prozessen, die den Bezügen zur Vergangenheit zugrunde liegen, nicht gänzlich gerecht. Mit neuen Medientechnologien ist nicht per se das Ende der Erinnerung besiegelt.

Wie sieht die Zukunft des Gedenkens und medialen Erinnerns an diesen Teil der deutschen Geschichte aus? Die Herausforderung besteht schon gegenwärtig darin, die Erinnerungen von Zeitzeugen und historische Hintergrundinformationen mediengestützt zu vermitteln. Die Frage, wie aus den Ausdrucksformen lebensgeschichtlicher Erinnerung ethische Imperative für zukünftige Formen kulturell gestützter Erinnerung abzuleiten sind, ist eine sehr drängende. Aufschlussreich im Sinne einer Verbindung kommunikativer und kultureller Vermittlungsformen ist die Möglichkeit, Zeitzeugenberichte online verfügbar und insofern virtuelles Erinnern möglich zu machen. Dabei ist insbesondere auf die historische Kontextualisierung zu achten, weshalb klar strukturierte und aufbereitete Informationen wesentliche Elemente solcher Websites bleiben. Wenn Geschichte vermittelt wird, sollte an den Erfahrungshorizont und vor allem an das Mediennutzungsverhalten der jüngeren Generationen angeknüpft werden. Denn: Für junge Nutzer hat sich das Netz als Medium zur historischen Information längst etabliert.

Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 25-26/2010)


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