Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Da sich die Zugänge zur Geschichte mit jeder Generation und dem Zeitabstand zu den historischen Ereignissen verändern, muss sich auch die Vermittlungspraxis beständig modernisieren, sagt Harald Welzer.

Durch eine Öffnung in der Decke der Neuen Wache in Berlin fällt das Licht auf die vierfach vergrößerte Kopie der Käthe Kollwitz Skulptur "Mutter mit totem Sohn".Durch eine Öffnung in der Decke der Neuen Wache in Berlin fällt das Licht auf die vierfach vergrößerte Kopie der Käthe Kollwitz Skulptur "Mutter mit totem Sohn". Die 1,58 Meter große Pieta ist der Mittelpunkt der vom Schinkel erbauten umgestalteten Neuen Wache an der Straße Unter den Linden im Ostteil der Stadt , die am Sonntag als neue Zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft eingeweiht wird. (© AP)

Die deutsche Erinnerungskultur zielt über die Vermittlungen des Geschichtsunterrichts, der politischen Bildung, der Gedenkstättenpädagogik, der Medien und des weiten pädagogischen Feldes der Holocaust Education auf eine historisch-moralische Bildung ab, die zum einen Nationalsozialismus und Holocaust historisch verständlich machen, zum anderen Persönlichkeiten bilden soll, die sich gegenüber massen- oder völkermörderischer Gewalt widerständig verhalten können. Erklärte Erziehungsziele sind das Einüben von Demokratiefähigkeit und die Entwicklung von Zivilcourage.

Diese erinnerungspolitische Zielformulierung teilt die Bundesrepublik mit einer Reihe europäischer wie nichteuropäischer Staaten. Ihren gleichsam offiziellen Gründungsakt erfuhr diese erinnerungskulturelle Perspektivierung mit der internationalen Holocaust-Konferenz, die im Januar 2000 in Stockholm stattfand. Gemeinsam mit den USA, Großbritannien, Israel und Deutschland hatte Schweden 1997 die Task Force on International Cooperation ins Leben gerufen, die unter anderem jene Konferenz initiierte, bei der sich Vertreterinnen und Vertreter aus 45 Ländern in Stockholm trafen. Die Teilnehmenden kamen aus der Politik, der Wissenschaft, aus Institutionen der pädagogischen Geschichtsvermittlung sowie aus Organisationen von Überlebenden des Holocaust. Am letzten Konferenztag wurde eine Erklärung verabschiedet, in der sich die Beteiligten unter anderem dazu verpflichten, "Erziehung, Gedenken und Forschung über den Holocaust zu fördern", "der Opfer des Holocaust zu gedenken und die zu ehren, die sich dagegen verhalten haben".

Dieser Gründungsakt einer transnationalen Erinnerungskultur fiel in den meisten europäischen Ländern mit einer neuen Geschichtsbezogenheit zusammen, in deren Zentrum der Holocaust, der Zweite Weltkrieg, die Vertreibungen und schließlich auch die Kollaboration standen und noch stehen. Der Generationenroman erlebt eine europäische Renaissance, Geschichtsfeatures haben ebenso Hochkonjunktur wie die Figur des Zeitzeugen, und eine ganze Generation wurde neu erfunden, die der "Kinder des Weltkriegs", die heute im Rentenalter sind und sich auf die Suche nach den Ursachen ihrer "frühen Traumatisierungen" machen. Es hat sich ein Kult des Leidens und der Opferschaft zu etablieren begonnen, der Ansprüche an eine eigene, dann wieder nationale Erinnerung am besten zu begründen scheint.

In diesem Spannungsfeld universalistischer und nationaler Erinnerungen ist Erinnerungspolitik zu einem immer wichtigeren politischen Handlungsfeld geworden. Bezugnahmen auf gefühlte und reale Vergangenheiten haben weit reichende Folgen für die Begründung kultureller und sozialer Zugehörigkeiten und wirken sich auf die Verhandlung politischer Positionen aus. Zudem ergibt sich die Frage, ob ein "europäisches Gedächtnis" zwingend für einen gelingenden Integrationsprozess ist oder ob das künftige Europa ohne eine solche mentale Gemeinschaftsstiftung auskommt bzw. auskommen muss, weil seine Erinnerungslandschaft zu heterogen und pluralistisch ist. Nach wie vor kommt dem Zweiten Weltkrieg bzw. der deutschen Besatzung in den meisten europäischen Ländern eine herausragende Bedeutung zu, wenn es darum geht, die eigene Identität und den daran gebundenen Wertekonsens zu bestimmen.(1) Die tragischen Ereignisse um den diesjährigen Jahrestag des Massakers von Katyn legen davon beredtes Zeugnis ab.

Nationale und transnationale Erinnerungskulturen

Fragen der Tradierung von Geschichte und die Konstruktion von Vergangenheitsbildern haben stets eine wichtige Rolle für die Selbstvergewisserung von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen von Herrschaft, Staaten und Nationen gespielt. Dies wird besonders in Umbruchzeiten deutlich, wenn Herrschaftsansprüche und Mechanismen zur Herrschaftsstabilisierung aus neu oder wieder "erfundenen Traditionen" begründet und mit einer neu konstruierten Geschichte abgesichert werden.(2) Gegenwärtig lassen sich zwei scheinbar gegenläufige, einander jedoch bedingende und prägende Tendenzen beobachten: erstens eine Neuverhandlung und Neubestimmung nationaler Geschichtserzählungen, zweitens die Öffnung nationaler Geschichtsschreibung hin zu einer transnationalen bzw. globalisierten Perspektive.(3)

Die Neubewertung der Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs, der Besatzungszeit, der Kollaboration, der Vertreibung und des Widerstands gehört zu den zentralen Themen öffentlicher Diskurse in allen europäischen Gesellschaften. Das verwundert nicht: Der Umstand, dass alle westeuropäischen Gesellschaften inzwischen Einwanderungsgesellschaften sind, bringt die Notwendigkeit der Entwicklung einer transnationalen Erinnerungskultur mit sich. Die osteuropäischen Transformationsgesellschaften haben erhebliche Selbstvergewisserungsbedürfnisse und sind auf der Suche nach einer integrativen Geschichte, wobei es hauptsächlich Opfernarrative sind, die diese Suche anzuleiten scheinen. In den westeuropäischen Gesellschaften, die ihrem Selbstverständnis nach nicht von ähnlich tief greifenden Transformationen gekennzeichnet sind, scheint das erhöhte Bedürfnis nach Selbstvergewisserung über die Vergangenheit eher die Folge einer erheblichen Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft zu sein – die sich angesichts sich verschärfender Wirtschaftskrisen noch vertiefen dürfte.

In diesem unübersichtlichen erinnerungskulturellen Gelände bilden sich transnationale Erinnerungsräume (4) heraus, was auf die folgenreichen Wirkungen horizontaler Europäisierungsprozesse verweist.(5) Der Nationalstaat kann nicht mehr der selbstverständliche Referenzpunkt von Geschichtsschreibung und -kultur sein, weil er den Identitäts- und Selbstvergewisserungsbedürfnissen von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Herkunftsländern nicht entspricht. Für Jugendliche mit Einwanderungshintergrund bieten die schulische und mediale Vermittlung nationaler Geschichtskultur wenig, um ein Zugehörigkeit stiftendes Geschichtsbewusstsein entstehen zu lassen.(6) Hier sind neue, integrierende Wege der Geschichtsvermittlung gefragt. Ferner wird auf die "Globalisierung der Erinnerung" und die Konsequenzen der europäischen Integration für Geschichtskulturen und -vermittlung hingewiesen. Nationale Geschichtsbilder und -mythen verlieren ihre integrierende Kraft.

Mediale Repräsentationen gehen in eine internationale Ikonografie des Holocaust ein, der über nationale Geschichtskulturen hinweg zum gemeinsamen Referenzpunkt wird. Er steht für das inzwischen weltweit anzutreffende Paradigma einer Beschäftigung mit, wie Reinhart Koselleck es genannt hat, "negativer Geschichte", das seinerseits konfliktträchtig ist. Befürchtungen, die Beschäftigung mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte sei kontraproduktiv für die Stabilität einer Nation, haben sich für Deutschland langfristig als unzutreffend erwiesen. Jene, die zunächst auch in Opposition zum Staat für die Erinnerung an die Verbrechen eintraten, haben den Grundstein zu einer differenzierten Erinnerungslandschaft gelegt, die ausgesprochen positive Effekte für die Außenwahrnehmung Deutschlands hatte. Zugleich, und hier zeigt sich ein psychologisches Problem, haben noch immer viele Menschen Schwierigkeiten mit der prominenten Rolle, die der Holocaust im öffentlichen Gedächtnis Deutschlands einnimmt. Und schließlich treten Nationalsozialismus und Holocaust mit dem Verschwinden der Zeitzeugengeneration in den Aggregatzustand des kulturellen Gedächtnisses und der Historisierung. Die Erinnerungen daran werden kalt, die Aushandlungen weniger emotional.

Es gibt tiefe Unterschiede in den jeweiligen nationalen Basiserzählungen über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Kollaboration und den Widerstand. In Deutschland ist diese Erzählung tendenziell metanarrativ angelegt - sie ist immer auch eine Auseinandersetzung damit, wie man Geschichte erzählen kann und wie nicht, wogegen sich in den anderen Ländern Erzählstrukturen finden, die viel stärker als nationale Geschichtsschreibung konturiert sind. Solche unterschiedlichen Modi historischer Kommunikation können einen gemeinsamen europäischen Geschichts- und Lernraum viel stärker behindern als unterschiedliche Bewertungen historischer Ereignisse.(7)

Private und öffentliche Erinnerungskulturen

Die Vermittlungen zwischen privater und öffentlicher Erinnerung pluralisieren sich. Dabei hat die in noch vor der Jahrtausendwende in Deutschland durchgeführte Untersuchung "Opa war kein Nazi"(8) gezeigt, dass die Erinnerungspraktiken und -inhalte der offiziellen Erinnerungs- und Gedenkkultur auf der einen und der privaten Erinnerungspraxis auf der anderen Seite erheblich auseinanderklaffen können.

Individuen gehören unterschiedlichen Erinnerungsmilieus an, wie sie durch Familien, lokale Gemeinschaften, Interessengruppen, pädagogische Rahmenvorgaben und nicht zuletzt durch die Massenmedien geschaffen werden. In Familien und kleinräumigen Erinnerungsgemeinschaften sind es gerade nicht die großen Erzählungen, sondern die kleinen, profanen Geschichten über partikulare Ereignisse und persönliche Erlebnisse, aus denen das gemeinsame Gedächtnis gebildet ist und in denen es sich tradiert.(9) Die Episoden und Geschichten, die oft en passant im Rahmen anderer Zusammenhänge erzählt werden, fungieren als Bausteine einer erinnernden sozialen Kommunikation, die der gemeinsamen Aufrechterhaltung des Gedächtnisses der Erinnerungsgemeinschaft dient.(10) In diesem Sinne kann man soziale Gruppen als Gedächtnissysteme verstehen, die in der Kommunikation ihrer Mitglieder ein "transaktives Gedächtnis" bilden, in dem jedes einzelne Mitglied als interner Speicher und die anderen Gruppenmitglieder als externe Speicher fungieren.(11) Die Familie stellt als Erinnerungsgemeinschaft ein Relais zwischen biographischem Erinnern auf der einen und öffentlicher Erinnerungskultur sowie offiziellen Geschichtsbildern (12) auf der anderen Seite dar.

Bislang ist die Bedeutung der Weitergabe von Vergangenheitsvorstellungen durch direkte Kommunikation, etwa in der Familie, gegenüber den Effekten pädagogischer Geschichtsvermittlungen erheblich unterschätzt worden. Was in der Familie beiläufig und absichtslos, aber emotional nah und damit immer auch als etwas vermittelt wird, was mit der eigenen Identität zu tun hat, kann andere Vorstellungen erzeugen als das, was über dieselbe historische Zeit in der Schule als Wissen vermittelt wird - und es kann für die Geschichtsdeutung wirksamer sein. Man kann diese Diskrepanz als Unterschied von "Album" und "Lexikon" bezeichnen, wobei deutlich ist, dass die emotional grundierte Vergangenheitsdarstellung des Albums zugleich auch eine Grenze der Wissensvermittlung durch Bildungsinstitutionen markiert: Der Gebrauch des Geschichtswissens bestimmt sich nach Deutungsrahmen, die jenseits der Institutionen entstanden sind. Dieser Befund wird noch bedeutsamer, wenn die Abnehmerinnen- und Abnehmergruppen der Bildungsangebote soziokulturell heterogen zusammengesetzt sind. Und schließlich wird das vermittelte Wissen je nach sozialer Konfiguration - Familiengespräch, politische Diskussion, Gedenkstättenbesuch - unterschiedlich eingesetzt.


(1) Vgl. Harald Welzer (Hrsg.), Der Krieg der Erinnerung. Zweiter Weltkrieg, Kollaboration und Holocaust im Europäischen Gedächtnis, Frankfurt/M. 2007; Helmut König/Julia Schmidt/Manfred Sicking (Hrsg.), Europas Gedächtnis, Bielefeld 2008; Richard Ned Lebow/Wulf Kansteiner/Claudio Fogu (eds.), The Politics of Memory in Postwar Europe, Durham-London 2006.

(2) Vgl. Eric Hobsbawm/Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition, New York 1983; Florian Fiedler, Bildersturm in Osteuropa, München 1995.

(3) Vgl. Daniel Levy/Natan Sznaider, Memory Unbound: The Holocaust and the Formation of Cosmopolitan Memory, in: European Journal of Social Theory, 5 (2002) 1, S. 87-106.

(4) Vgl. ebd.

(5) Vgl. Ulrich Beck/Edgar Grande, Kosmopolitisches Europa, Frankfurt/M. 2004.

(6) Vgl. Viola B. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.

(7) Vgl. Christian Gudehus, Germany's meta-narrative memory culture. An essay on sceptic narratives and minotaurs, in: German Politics and Society. Special Issue: The dynamics of memory in 21st Century Germany, 26 (2008) 4, Winter 2008.

(8) Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall, Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002.

(9) Vgl. John Borland, Graffiti, Paraden und Alltagskultur in Nordirland, in: Harald Welzer (Hrsg.), Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 276-295; Michael Zimmermann, Mythen der Verfolgung im israelischen Alltag, in: ebd., S. 296-320.

(10) Vgl. Angela Keppler, Tischgespräche, Frankfurt/M. 1994; H. Welzer (Anm. 9); H. Welzer et al.(Anm. 8).

(11) Vgl. Jerome S. Bruner, Sinn, Kultur und Ich-Identität, Heidelberg 1997; Harald Welzer, Über Engramme und Exogramme. Die Sozialität des autobiographischen Gedächtnisses, in: ders./Hans J. Markowitsch (Hrsg.), Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Stuttgart 2006, S. 111-128.

(12) Hier sind nationale Geschichtsschreibungen zu nennen, aber auch andere soziale, religiöse oder politische Gruppen verfügen über eigene Geschichtsbilder und -mythen; diese sind jedoch meist mit nationalen Vergangenheitskonstruktionen verschränkt.


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