Neoklassische Statue des antiken griechischen Philosophen Platon vor der Kunstakademie von Athen, Griechenland.

Das Feuer hinter den Bildern

Die deutsch-griechischen Beziehungen – Zur Einführung


15.1.2014
Lange Zeit waren die deutsch-griechischen Beziehungen von Verehrung getragen, dann plötzlich von Verachtung. Das Land, das Generationen großer deutscher Geister in Erregung versetzte: Für viele ist es heute nur noch der "kranke Mann" Europas.

Deutsche Graecomanie



Griechenland ist heute der "kranke Mann" Europas. Zugleich ist das Land ein Traum, der Generationen großer deutscher Geister in Erregung versetzte. Wie viele deutsche Schriftsteller waren erregt von der Philosophie des ägäischen Lichts, Gedanken des Mittags und der Schönheit, leichten Delirien, wie sie von Griechenlandschwärmern von Hölderlin bis Goethe überliefert sind. Im zweitem Teil trifft Faust im alten Palast von Sparta auf die schöne Helena – und treibt damit das deutsch-griechische Verhältnis einstweilen auf die Spitze:

Faust: Erst kniend laß die treue Widmung dir
 Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich
 an deine Seite hebt, laß mich sie küssen. 
Bestärke mich als Mitregenten deines
 grenzunbewußten Reichs, gewinne dir 
Verehrer, Diener, Wächter all' in einem!

Helena: Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an.
 Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel. 
Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede 
des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich.
 Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
 und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.[1]
Faust und Helena in Arkadien: Im Bild zu sehen ist neben Faust und Helena ihr gemeinsamer Sohn Euphorion als Allegorie deutsch-griechischer Poesie.Radierung von Wilhelm von Kaulbach, um 1880.Faust und Helena in Arkadien: Im Bild zu sehen ist neben Faust und Helena ihr gemeinsamer Sohn Euphorion als Allegorie deutsch-griechischer Poesie.Radierung von Wilhelm von Kaulbach, um 1880.
Bald schon haben Faust und Helena im arkadischen Hain – am Ort der heiteren Dichtkunst – aus ihrer Begeisterung für einander einen Sohn gezeugt, Euphorion, in dem sich der Geist der Antike dem nordisch-deutschen Geist vermählt. Auch wenn die Kopfgeburt nicht lange lebt, sich in schwindelnde Höhen schwingt und dann abstürzt, so dass der Gesang zerbricht – das deutsche Griechenlandfieber der Romantiker und der Klassiker war unstillbar, unheilbar, notorisch – und es war Legion. Im Fiebertraum zum Hort des Guten-Wahren-Schönen auserkoren wurde ein Land, das es in Wirklichkeit gar nicht gab. Im Sinne der Ebenbürtigkeit von Menschen und Göttern will Friedrich Schiller in Deutschland "das neue Griechenland der Zukunft" bauen. Auch für Friedrich Hölderlin ist Griechenland das Reich, in dem einst Götter und Menschen vertrauten Umgang miteinander pflegten, auch er betete die Griechen an: "O mir, mir beugte die Größe der Alten, wie ein Sturm, das Haupt... Ich liebte meine Heroen, wie eine Fliege das Licht." Es ist eine Art Heimweh nach Hellas, ein Ziehen nach den "alten seligen Küsten" hin. Hölderlin, einer der größten Griechenlandnarren aller Zeiten, hat sich im Jahre 1802 tatsächlich in einem verzweifelten, suizidartigen Versuch zu Fuß nach Griechenland aufgemacht. Als seine Expedition in den Schweizer Alpen jählings mit einem Straßenraub endet, da empfindet der Dichter des "Hyperion" den Überfall als göttliches Einschreiten, er fühlt sich von Apoll geschlagen, und er gibt seine Reisepläne auf – Friedrich Hölderlin, das erste tragische Opfer einer überspannten Griechenlandliebe.

Politischer Philhellenismus



Es waren gerade deutsche Philhellennen, die sich 1821 bei der Erhebung der Griechen gegen ihre osmanischen Herrscher in erklecklicher Zahl aufmachten, die "Hellenen" mit der Waffe in der Hand bei ihrem Freiheitskampf zu unterstützen. Im Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 erhält Griechenland seine volle Souveränität zurück. 1832 wird der siebzehnjährige Prinz Otto von Bayern zum König von Griechenland gekrönt, der europäische Philhellenismus tritt ins Stadium des "Staatsphilhellenismus" ein. Nach den Wirren des Befreiungskrieges sollen die Deutschen nun ein stabiles Führungs- und Herrschaftssystem durchsetzen. Letztlich ist dem bayerischen Entwicklungsprojekt des griechischen nation-buildings aber kein dauerhafter Erfolg beschieden. Zu sehr widerspricht Ottos Monarchismus der Mentalität der ehemaligen griechischen Freiheitskämpfer, 1843 wird der bayrische König gezwungen, einen verfassungsgebenden Nationalkongress einzuräumen, 1862 dankt er endgültig ab. Doch der Stachel des Philhellenismus steckt auch bei dem Monarchen tief. Nach seiner Heimkehr nach Bayern sieht man ihn in seinem Garten in der griechischen Nationaltracht, der Faltenrock-Fustanella, umhergeistern.

Ob König Otto in seinem bayrischen Exil, der Dichter Hölderlin in seinem Turm, ob Friedrich Nietzsches philosophischer Größenwahn – alle Griechenlandbegeisterten weisen eine ähnliche Symptomatik auf. Weshalb die englische Autorin Eliza Butler bereits in den 1930er Jahren von einer regelrechten "Tyrannei" Griechenlands über das deutsche Geistesleben gesprochen hat.

Die Besatzungszeit



So sehr es den Bildern von deutschen und griechischen Waffenbrüdern im Freiheitskampf gegen die Türken oder von geistverwandten Geistesgrößen zu widersprechen scheint: Im April 1941 wird Griechenland von der deutschen Wehrmacht brutal unterworfen, bis in den Herbst 1944 leidet das Land schwer unter der Besatzung. Allein im berüchtigten Kriegswinter 1941/42 verhungern in Athen Hundertausende auf offener Straße – Bilder, die tief sitzen im kollektiven Gedächtnis Griechenlands. Seit in der Sprache Goethes und Hölderlins Befehle gebellt wurden, geistern die Deutschen auch als ‚blonde Dämonen’ durch die griechische Erinnerung, als "Rudel aus dem Norden", als Wölfe, die in einer Mischung aus Wildheit und Kälte ihre Zähne blecken. Mögen einige dieser Züge auch negative Überstilisierungen sein, als Deutschlandbild in und nach dem Krieg waren und sind sie in Griechenland wirkmächtig.

Viele der deutschen Offiziere waren "humanistisch" gebildet, philhellenische Reflexe waren selbst noch unter den Wehrmachtssoldaten auszumachen. Beispielsweise da, wo sie sich am Strand von Griechenland ablichten ließen, propagandistische Bilder produzierten á la: "Wir sind die wahren Erben des antiken Griechenland." Solche Geschichtsklitterung war zunächst auch ganz im Sinne des "Führers", galt Adolf Hitler doch selbst als Verehrer der klassischen Antike. Als sich aber der Widerstand der griechischen Partisanenverbände formierte, wurde Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg angehalten den Nachweis zu führen, dass der Hellene – "jene herrliche Rassenseele, die einst die Pallas Athene und den Apoll erschuf" – die Erde auf ewig verlassen habe. So wurde aus den Bewohnern des "unsterblichen Hellas" nun unvermittelt das "Sauvolk der Schieber, Nichtstuer und Korrupteure".

Sehnsuchtsorte



Mit dem deutsch-griechischen Anwerbeabkommen vom 30. März 1960, gerade einmal fünfzehn Jahre nach dem Ende der deutschen Besatzung, wird das Wirtschaftswunderland Deutschland für griechische Arbeitsmigranten zum Sehnsuchtsort: Dort würde endlich die elende Armut abgestreift werden können, dort liegt das Geld auf der Straße. Und es ist fast zur selben Zeit, dass auch Griechenland zum Sehnsuchtsort für deutsche Urlauber und Touristen wird: Dort in der griechischen Natur wird man endlich wieder das einfache Leben genießen, unter den dort lebenden Menschen das Authentische wiederfinden können. Die Migranten träumen von dem Land, wo Milch und Honig fließen, und auch das ganze Imaginäre des Tourismus basiert auf dieser Idee: Ein erfüllteres Leben anzubieten, jenseits der Faktenzwänge das Alltäglichen, einen Ort zu finden, wo die Zeit langsamer geht, an dem man einen quasi paradiesischer Zustand erleben kann. So verdichten sich mit Arbeitsmigration und Tourismus nachhaltig alle deutsch-griechischen Kulturkontakte. Und was Fiktion war – die Liebeshochzeit zwischen Faust und Helena – wird Wirklichkeit.

Europäische Solidarität



Plakat mit Aufruf zum Touristenboykott gegen Griechenland zur Zeit der Militärdiktatur 1967-1974.Plakat mit Aufruf zum Touristenboykott gegen Griechenland zur Zeit der Militärdiktatur 1967-1974. (© Bundesarchiv, Plak 006-030-083)
Griechenland wird ausgerechnet gegen Ende der 1960er bzw. am Anfang der 1970er Jahre als Hippie-Destination entdeckt, genau zu jener Zeit, während der die Militärjunta ihre Macht behauptet. Doch während in Griechenland selbst jede politische Opposition zum Schweigen verurteilt ist, kann sie sich in Deutschland im Umfeld der 68er-Bewegung lautstark artikulieren. Die Hymnen des griechischen Komponisten und linken Widerstandskämpfers Mikis Theodorakis werden von Studenten und Industriearbeitern europaweit gespielt und gesungen. Als sich der deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in Solidarität mit den unterdrückten Griechen im Jahre 1974 am Athener Syntagma-Platz an einen Lichtmast kettet, da beruft er sich auf seine humanistische Bildung und die Lektüre der stoischen Philosophen, die ihm halfen, jene Schmerzen zu ertragen, die ihm der griechische Geheimdienst zugefügt hat.

Die Gegenwart



Griechische Gastarbeiter im "Sonderzug“ von Thessaloniki nach München, Anfang der 1960er Jahre.Griechische Gastarbeiter im "Sonderzug“ von Thessaloniki nach München, Anfang der 1960er Jahre. (© Eleni Tsakmaki / Domid)
Die Griechen der ersten Gastarbeitergeneration und ihre Nachkommen sind angekommen, rund 350.000 von ihnen leben heute in Deutschland. Kinder griechischer Nationalität sind hinsichtlich der Beteiligung an der Gymnasialbildung sehr erfolgreich, auch an deutschen Hochschulen sind Griechen überdurchschnittlich stark vertreten. Die "zweite Generation" scheint stillschweigend einen "Marsch durch die Institutionen" angetreten zu haben: Man findet sie als Rechtsanwälte, als Pressesprecher oder Radioredakteure. Zugleich haben auch Deutsche Häuser an den Küsten des Mittelmeers erworben, auch diesen Weg nahmen über 50.000 Menschen. Dort sind Deutsche und Griechen jetzt, wie auch hierzulande, Nachbarn. Griechen und Deutsche sind durch unzählige Bande untrennbar miteinander verbunden. Und doch scheinen in der jüngsten Gegenwart die historisch gewachsenen deutsch-griechischen Beziehungen selbst auf dramatische Weise "in die Krise" geraten zu sein.

Krisenstimmung



Wo einstmals die Griechenlandschwärmer von den Inseln der Ägäis fantasierten, sie seien aus Schaum geboren, da forderte die Bild-Zeitung jüngst: "Verkauft sie doch, eure Inseln". Auch wenn es in den deutschen Medienechos wieder ruhiger geworden ist um Griechenland: Im Land selbst ist die Stimmung gedrückt. Ausgerechnet Arbeitnehmer und Rentner, die vor der Krise zuverlässig die Steuern zahlten, tragen nun mit enormen Einkommensverlusten von bis zu 50% die große Last der Krise. Dazu wächst die Zahl der Arbeitslosen in erschreckendem Ausmaß, bei den unter 24-Jährigen ist jeder zweite betroffen. Damit verfällt der Lebensstandard in Griechenland dramatisch. In Schulen fehlen Lehrmittel, Krankenhäuser fordern ihre Patienten auf, sich ihre Medikamente zur Behandlung selbst mitzubringen. Die Selbstmordraten sind zuletzt signifikant gestiegen, wie die Zahl der Obdachlosen und der Suppenküchen von Athen. Selbst der Schwarzmarkt für menschlichen Organhandel soll sich auf Griechenland ausgedehnt haben. Aktuell droht, was Robert Kurz in seiner Krisen-Analyse in der linken Zeitschrift konkret (2012) festgestellt hat: "Griechenland zeigt exemplarisch, dass die Menschen auf Jahre hinaus aufhören müssten zu leben, um weiterhin kapitalistischen Kriterien zu genügen."

Die deutsch-griechischen Beziehungen waren die längste Zeit von Verehrung getragen, dann plötzlich von Verachtung. Wo einst im Prozess der europäischen Einigung und im Kampf gegen die letzten Diktaturen Europas Solidarität unter den Völkern groß geschrieben wurde, machen sich wieder nationale Eigeninteressen breit. In aktuellen Debatten ist das Augenmerk immer seltener auf Europas große Schuld gegenüber dem kulturellen Vermächtnis Griechenlands gerichtet, dafür immer häufiger auf die horrenden Schulden Griechenlands in der Welt.

Es geht um das Feuer hinter diesen Bildern. Denn es ist die Scham, die brennt: Sind die Griechen wirklich jene "verschlagenen Levantiner", die sich mit geschönten Zahlen hineingestohlen haben nach Europa? Und sind die Deutschen tatsächlich die "ewige Besatzungsmacht", die heute mit wirtschaftlichen Mitteln vollendet, was den nationalsozialistischen Besatzern mit militärischen Mitteln nicht gelang?


Fußnoten

1.
Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweyter Theil, in: Goethe’s Werke, Stuttgart / Tübingen 1832, Bd. 41, S. 217.
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Autor: Manuel Gogos für bpb.de
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