Neoklassische Statue des antiken griechischen Philosophen Platon vor der Kunstakademie von Athen, Griechenland.

"Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker"

Der demokratische Kampf gegen die griechische Obristendiktatur (1967-1974)


29.1.2014
Mit dem Staatsstreich vom 21.4.1967 übernimmt der Generalstabschef der Armee Papadopoulos die Macht in Griechenland. Tausende Demokraten werde binnen kürzester Zeit verhaftet. Die Putschregierung wird dafür vom Westen heftig kritisiert. Und Oppositionelle, die aus Griechenland ausgebürgert werden, bekommen in Deutschland aus Solidarität Fremdenpässe.

Demonstration für ein freies Griechenland vor dem Stuttgarter Rathaus zum 1. Mai 1967.Demonstration für ein freies Griechenland vor dem Stuttgarter Rathaus zum 1. Mai 1967. (© Bundesarchiv, Bild-183-F0503-0204-005)

Der Putsch



Seit dem Zweiten Weltkrieg wird Griechenland immer wieder von schweren politischen Unruhen zerrissen. Gleichzeitig höhlt die wirtschaftliche, soziale und politische Misere Griechenlands demokratische Strukturen aus. Die innenpolitische Dauerkrise nach der Entlassung von Georgios Papandreou aus dem Amt des Ministerpräsidenten am 15. Juli 1965 findet ihren dramatischen Höhepunkt mit dem Staatsstreich am 21.4.1967: Im Einverständnis mit dem König Konstantin übernimmt der Generalstabschef der Armee Papadopoulos die Macht. Die Obristen handeln entschlossen, gemäß einem Plan, der bereits seit zwei Jahren vorbereitet worden war. Der Putsch verläuft militärisch wie am Schnürchen. Für die Bevölkerung wird eine Ausgangssperre erlassen, die Schulen bleiben geschlossen, Zeitungen dürfen nicht erscheinen. Athen gleicht einem Heerlager. Panzer sichern den Königspalast und sind ständig in den Straßen präsent. Auf den von schwer bewaffneten Militärs umstellten Fußballfeldern von Athen und Piräus werden die ersten provisorischen "Internierungslager" errichtet. Im Schutze der Nacht finden Verhaftungswellen statt, anhand schwarzer Listen werden in kürzester Zeit Tausende demokratische Persönlichkeiten vor allem aus der liberalen Zentrums-Union, der Demokratischen Linkskoalition EDA und der Lambrakis-Jugend verhaftet. Zu ihnen gehört auch der griechische Komponist Mikis Theodorakis. Die Militär-Junta verbietet seine Lieder, auf den Verkauf einer Platte stehen vier Jahre Gefängnis. Theodorakis wird in ein Bergdorf verbannt, mit Hilfe von winzigen Tonspulen in den Knöpfen seines neunjährigen Sohnes Giorgios schmuggelt er seine Lieder heraus. Seine Musik wird zum Schibboleth der Oppositionellen, wie ein inneres "Summen" breitet sie sich über das ganze Land aus.

Im Sog der Revolte



Während dessen setzt in Deutschland eine Fülle von Aktivitäten gegen die Diktatur ein. Bereits am ersten Wochenende nach dem Putsch gibt es unter den griechischen Gastarbeitern in Deutschland erste Demonstrationen. Deutschland, mit seiner bereits gut etablierten Kolonie von Griechen, wird in Europa ein Brennpunkt dieser antidiktatorischen Agitation. Diese oppositionellen Aktivitäten verstärken die Sorge des deutschen Innenministeriums, mit den Gastarbeitern könnten links-radikale Kräfte ins Land gekommen sein. Jede Form kommunistischer Aktivität seitens der Gastarbeiter steht unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes. Die Lambakis-Jugend, der Mikis Theodorakis vorsteht, schätzt man für dezidiert kommunistisch ein, und man hält sie in Deutschland für sehr aktiv – sogar das "Z" als Erkennungszeichen der Vereinigung wird an deutschen Häuserwänden in Hamburg, Hannover, Stuttgart und München entdeckt.

Es ist die Zeit der deutschen Studentenrevolte. Weil die deutsche Linke in den Gastarbeitern ihr neues revolutionäres Subjekt sehen will, gehen viele politisch Bewegte in die Betriebe, um die Gastarbeiter zu agitieren. Viele haben damals auch im Republikanischen Club – einem Verein der Außerparlamentarischen Opposition in Berlin - begeistert die revolutionäre Naherwartung geteilt, oder auch in WG-Betten die kulturellen Grenzen eingerissen. Rudi Dutschke ruft Griechenland zu "Europas Vietnam" aus, als politisch Verfolgte werden griechische Exilanten in den Augen vieler deutscher Linker damit nachgerade zur heroischen Figur. Die Studentenrevolte entwickelt eine klare Stoßrichtung gegen die letzten Diktaturen Europas. Gerade in der Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit und den Elitenkontinuitäten im Adenauerstaat gewinnen die deutschen Protestierenden ihr Profil. Insbesondere ihnen muss die Existenz faschistischer oder faschistoider Regime in Griechenland, Spanien, Portugal, aber auch im Iran oder Chile skandalös erscheinen. Bahman Nirumand, Iranischer Exilant und Autor des Buches "Persien, Modell eines Entwicklungslandes" (1967), erinnert sich:
"Nach und nach kamen Dinge aus der jüngsten Vergangenheit der Bundesrepublik heraus. Und jede dieser Informationen war ein Schock. Und dann haben sie sich umgeschaut und gesehen: Im eigenen Land sitzen dieselben Leute noch in der Regierung. Und rundherum in Europa – in Portugal, in Spanien, in Griechenland – waren ebenfalls die Faschisten am Werk – das ist ein System! Und dieses System muss durchbrochen werden." (Bahman Nirumand, Berlin, im Interview mit dem Verfasser 2008)
Aber es ist nicht allein jene "kleine radikale Minderheit" der 68er, die es skandalös findet, von faschistoiden Systemen gewissermaßen "umzingelt" zu sein; auch Kirchen, Gewerkschaften, kritische Medien und nicht zuletzt Parteien wie die SPD bringen sich Ende der 1960er Jahre "Wider die Diktaturen an der Wiege der Demokratie" in Stellung. Robert Wieland, IG-Metallbevollmächtigter des Rheinisch-Bergischen Kreises, entfacht Mitte Mai 1968 in einer Pressekonferenz in Köln eine Kampagne gegen die Griechischen Sozialräte als Handlanger des Obristen-Regimes, und am 7.6.1968 bringt auch "Monitor" einen Bericht, der sich dezidiert gegen die Griechische Botschaft in Bonn als "Außenposten der Junta" wendet.

Der "Fall Mathiopoulos"



Basil Mathiopoulos bei seinem ersten Treffen mit Willy Brandt als frisch gewähltem Bürgermeister von Berlin 12. November 1957.Basil Mathiopoulos bei seinem ersten Treffen mit Willy Brandt als frisch gewähltem Bürgermeister von Berlin 12. November 1957. (© Basil Mathiopoulos)
Während des Obristen-Putsches befindet sich der griechische Journalist Dr. Basil Mathiopoulos mit einem Fernsehteam um den prominenten Fernsehjournalisten Thilo Koch in Athen, um den Film "Sie kamen und blieben" über griechischen Arbeitnehmer in Deutschland zu drehen. Da der Journalist Mathiopoulos stets nachdrücklich für Demokratie und Freiheit in Griechenland eingetreten ist, steht auch sein Name auf der Verhaftungsliste der Obristen. In seiner Not sucht er in der Deutschen Botschaft von Athen Zuflucht, nach drei Wochen wird er auf die persönliche Intervention des deutschen Außenministers Willy Brandt hin ausgeflogen.
"Die Junta war wütend. Sie erwarteten gar nicht von Deutschland so eine Reaktion. Papadopoulos war außer sich vor Wut. Er verstand überhaupt nicht, warum. Die Deutschen, dachte er, sind doch konservativ! Wissen Sie, Europa hat aus folgendem Grund so reagiert: es war die erste Diktatur in einem europäischen Land nach der NS-Zeit. Franco und Salazar waren schon Jahrelang da. Aber ausgerechnet in Griechenland, wo jeder Gebildete sagte, die Demokratie ist in diesem Land gemacht...!"(Basil Mathiopoulos, Bonn, im Interview mit dem Verfasser 2006)

Diplomatische Hintergrundaktivitäten



Vom Bekenntnis zum konsequenten und militanten Antikommunismus hatte sich die griechische Militärregierung die Anerkennung seitens des Westbündnisses erhofft. Doch die neue, SPD-geführte Regierung setzt andere Zeichen: Als griechische Konsulate damit beginnen, Oppositionellen den Pass abzunehmen und sie aus Griechenland auszubürgern, erhalten sie in der Bundesrepublik in einer Geste ausdrücklicher Solidarität Fremdenpässe ausgestellt. Einer der Staatenlosen, die einen solchen Fremdenpass erhalten, ist Basil Mathiopoulos:
"Am zehnten November 1967 stand in der deutschen Presse, dass ich ausgebürgert worden war. Und an diesem Tag hatte Willy Brandt, immer noch Außenminister, im Tulpenfeld seine erste Pressekonferenz. 200 Leute, Deutsche und Ausländer. Da hat er über alles gesprochen, und am Schluß steht er auf und sagt: ‚Liebe Kolleginnen und Kollegen’ – weil er auch Journalist gewesen war – ‚Heute haben wir eine sehr traurige Nachricht gelesen. Es geht um einen guten Freund und Kollegen von uns. Ich weiß genau, was das bedeutet – weil die Nazis mit mir das selbe gemacht haben...!" (Basil Mathiopoulos, Bonn)

Wallraffs Griechenlandaktion



Aber die deutsch-griechische Solidarität zur Junta-Zeit hat noch radikalere, aufopferungsvollere Formen angenommen. Im Jahr 1973 kettet sich der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff am Athener Syntagmaplatz an, um auf den unhaltbaren Zustand einer Diktatur ausgerechnet an der Wiege der Demokratie hinzuweisen.
"Ich habe Altgriechisch in der Schule gehabt, für mich waren griechische Klassiker prägend. Sokrates habe ich kürzlich noch gelesen, die Stoiker, das sind Lebenshilfen, Techniken, sich gegen eine feindliche Umgebung zu behaupten. Aber auch auf ganz profaner Ebene gibt es die Verbindungen: Ich habe in Fabriken gearbeitet, und habe da immer wieder auch griechische Arbeiter erlebt, die Gegner des Regimes waren, Demokraten waren, Sozialisten, Kommunisten, die hier wiederum aufgrund ihrer Gegnerschaft überwacht wurden, drangsaliert wurden, Verhören ausgesetzt waren – unsere Überwachungsapparate haben ja Hand in Hand mit solchen Unterdrückungsapparaten gearbeitet – das darf man heute alles auch nicht vergessen." (Günter Wallraff, Köln, im Interview mit dem Verfasser 2006)
Mit der Zeit verkürzt die Junta in Griechenland das Ausgehverbot, Banken arbeiten wieder, Flugplätze nehmen ihren Betrieb auf, Kinos öffnen. Nach der strikten Warnung, das Regime in irgendeiner Weise zu kritisieren, dürfen die Zeitungen wieder erscheinen. Die Diktatur wird "unsichtbar".
1974 hat Günter Wallraff in seiner berühmten Griechenlandaktion ein Zeichen wider die Diktatur gesetzt: in der Rolle eines griechischen Oppositionellen an einem Lichtmast auf dem Athener Syntagmaplatz angekettet, lässt er sich bewusst von Mitgliedern des griechischen Geheimdienstes zusammenschlagen. Der Künstler Klaus Staeck hat Wallraffs "Martyrium" zum Anlass für dieses Plakat genommen.1974 hat Günter Wallraff in seiner berühmten Griechenlandaktion ein Zeichen wider die Diktatur gesetzt: in der Rolle eines griechischen Oppositionellen an einem Lichtmast auf dem Athener Syntagmaplatz angekettet, lässt er sich bewusst von Mitgliedern des griechischen Geheimdienstes zusammenschlagen. Der Künstler Klaus Staeck hat Wallraffs "Martyrium" zum Anlass für dieses Plakat genommen. (© Klaus Staeck)
Man glaubte nicht mehr an ein baldiges Ende. Und genau in dieser Zeit habe ich mir gesagt: Jetzt wirst Du selbst dich in die Rolle eines politischen Gefangenen begeben. Da gehörte nicht viel zu. Mich einfach an einen Lichtmast – das hat ja auch ne Symbolik – anzuketten, mich da zu manifestieren vor dem ehemaligen Parlamentsgebäude am Syntagmaplatz, und dann Flugblätter in verschiedenen Sprachen zu verteilen, Griechisch, Deutsch, Französisch, Englisch, wo ich freie Wahlen forderte, Freilassung der politischen Gefangenen, und noch ein Touristenboykott ankündigte. Und das wurde sehr ernst genommen. Sehr schnell kamen Zivilpolizisten, die schlugen einen vor Ort zusammen. Schläge in die Milz, konnte dann nicht mehr schreien, wurde dann mit irgendwelchen Schlagstöcken am Kopf blutig geschlagen, der Kopf immer wieder gegen so eine Betonkante geschlagen, also ich war schon vor Ort übel zugerichtet. Ich glaub zwei Tage war ich in dieser Zelle, dann wurde ich überführt. Man verurteilte mich zu vierzehn Monaten Gefängnis – das war übrigens genauso berechnet, ich hatte mit einem halben Jahr bis zwei Jahren gerechnet, Misshandlung, Folter wahrscheinlich. Ich hab vor Gericht gesagt: Sie haben außer Gewehren und Panzern sowieso nichts zu bieten, die Zeit arbeitet gegen sie, sie haben bestenfalls noch den amerikanischen CIA als Zuhälter im Rücken – ich habe die also auch provoziert. Übrigens: Die Griechenlandaktion war für mich die bedeutendste, die prägendste und wichtigste Aktion überhaupt, die ich in meinem Leben gemacht habe. (Günter Wallraff, Köln, im Interview mit dem Verfasser 2006)


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Autor: Manuel Gogos für bpb.de
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