Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Selbstverständlich gibt es auch diese ideologisch sattelfesten, belesenen, intellektuell anspruchsvollen Neo-Nationalsozialisten. Doch innerhalb der militanten, rechten Jugendsubkultur stellen sie Ausnahmen dar.

Rechtsextremisten demonstrieren im Oktober 2009 auf dem Alexanderplatz in Berlin.Rechtsextremisten demonstrieren im Oktober 2009 auf dem Alexanderplatz in Berlin. (© AP)

Das Bedürfnis, ihre Position durch informationsgesättigte Argumentationsketten untermauern zu können, verspüren nur die wenigsten. Ihre Hauptquellen sind die gängigen bürgerlichen Medien, aus denen sie sich das heraussaugen, was ihre Meinung stützt: Schlagzeilen über "Ausländerkriminalität" und "Asylbetrüger", Politikerstatements zu dieser Frage. Manche lesen die Nationalzeitung von Dr. Gerhard Frey oder das NPD-Organ Deutsche Stimme, vielleicht jeder Zehnte bezieht einschlägige Schriften rechtsextremer Organisationen oder eines der etwa 40 regelmäßig in Deutschland erscheinenden, allerdings bestenfalls semiprofessionell produzierten Nazi-Fanzines. In der Szene populär sind auch historische Werke über die Zeit des Dritten Reiches, besonders Heldenmythen über die Deutsche Wehrmacht und überhaupt militaristische Literatur.

Wie schon ihr Vorbild, die junge nationalsozialistische Bewegung der 20er- und frühen 30er-Jahre, vor allem die SA, ist die militante rechtsextreme Subkultur der Gegenwart weitgehend eine vorpolitische Bewegung der Ressentiments, nicht der politischen Strategie und Theorie. So wundern sich Gutachter immer wieder über die historische Blindheit von Richtern und Staatsanwälten, die bei einschlägigen Verfahren gegen Angeklagte, die in der polizeilichen Vernehmung sogar zugegeben hatten, ihr Opfer nur deshalb verprügelt oder sogar getötet zu haben, weil es "undeutsch" aussah, immer wieder einen politischen Hintergrund verneinen, da der Täter zu betrunken gewesen sei oder seine rassistische Einstellung nicht faktenreich begründen konnte. Doch genau dies war ein zentraler Wesenszug der nationalsozialistischen Straßenkämpfer von einst: Die SA verstand sich als trinkfeste, männliche Kameradschafts- und Kampftruppe, die für die "Politischen" die Straßen eroberte, sich selbst aber nur mäßig für politische Zusammenhänge interessierte und dies aus der Perspektive ihrer politischen Führung auch gar nicht sollte. "Der SA-Mann hat grundsätzlich mit Politik nichts zu tun, er hat sich also mit der Tagespolitik niemals zu befassen", heißt es unzweideutig in einem zeitgenössischen Leitwerk von 1930 (zit. nach Longerich 1989, S. 139f.). Die SA stellte die Straßenkämpfer, nicht die Führer; ihre Angehörigen wollten willige Gehilfen einer starken, autoritären Bewegung sein, die vor allem ihre stets aggressionsbereiten Körper, ihren Hass forderte, nicht intellektuelle Fähigkeiten. Natürlich gibt es für heutige Neonazis auch Schulungsmaterial und -seminare, das allerdings nur von einem Teil der Kameraden angenommen wird. Ihr kolportiertes Halbwissen, selbstgebastelte Mythen und zuverlässige Vorurteile scheinen den meisten zu genügen, politische Bildung, gewinnt man bei Gesprächen mit Kameradschaftsangehörigen oft den Eindruck, ist nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung. Die Schriften der intellektuell anspruchsvolleren Neuen Rechten kennen sie nicht, die umfassenden Ideologie- und Strategiedebatten zum Beispiel auf neonazistischen Homepages verfolgen sie nur am Rande oder gar nicht. Selbst zentrale Texte wie das NPD-Hochschulgruppenpapier zu "National befreiten Zonen" oder das Strategiepapier "Befreite Zonen – aber wie?" kennen viele Kameraden nicht.

So begegnet man in den zumeist zehn bis zwanzig Angehörige umfassenden Cliquen der rechten Gewaltszene selten mehr als einem oder zwei politisch motivierten Aktivisten. Die meisten begnügen sich mit einer simpleren Definition ihres Daseins: "Wir sind gegen die Ausländer, und die Zecken sind dafür." Der Rest ist Alltag.

Wie schon bei den "Eckenstehern" der 50er-Jahre und anderen traditionellen, männlich geprägten Subkulturen scheint die hauptsächliche Aktivität vieler rechtsorientierter Cliquen die Nichtaktivität zu sein: das bloße, scheinbar sinnlose Abhängen tagein, tagaus in nur selten wechselnder Besetzung an immer demselben Ort. Sie gehören nicht unbedingt zu den kreativsten Jugendlichen, die Kameraden der rechten Szene, doch ganz so sinn- und regellos, wie es dem zufälligen Betrachter erscheint, ist ihr Verhalten nicht. Trifft man sich zum Beispiel draußen, so liegt der Stützpunkt der Clique zumeist gut sichtbar an einer Stelle, die möglichst viele Menschen passieren müssen – der Bahnhofsimbiss oder -vorplatz oder ein anderer zentraler innerstädtischer Fußgängerknotenpunkt, eine Bushaltestelle in der Nähe einer für die Clique interessanten Schule, ein rundum von Mietshäusern eingeschlossener Kinderspielplatz, der Eingang zu einer Kaufhalle oder eine Tankstelle. Wichtig ist dabei das Sehen und Gesehenwerden. Sie zeigen Präsenz, locken die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, inszenieren sich selbst. Aber sie behalten auch den Überblick, das eigene Revier unter Kontrolle und können Überschreitungen der Grenzen ihres selbstgeschaffenen Freiraumes durch Fremde sofort ahnden. Die "national befreite Zone" reicht so weit wie ihre Augen und Fäuste. Was jenseits ihres alltäglichen Reviers geschieht, interessiert sie nur selten, solange ihnen der Anblick von Fremden und Fremdem erspart bleibt.

Sie mögen keine Überraschungen, keine Neuerungen, die für sie häufig gleichbedeutend mit Chaos sind. Alles Unbekannte macht ihnen Angst, die sofort – Männer haben keine Angst – durch hyperaggressives Auftreten gebrochen wird. Souveränität nicht nur im Umgang mit dem Fremden, ein gelassenes Selbstbewusstsein, das auch ohne die Clique im Hintergrund vorhanden ist, individuelle Ich-Stärke sucht man hier bei den meisten vergebens. So wie ihre Lieder keine persönlichen Geschichten zu erzählen wissen, so funktioniert die Neonaziszene insgesamt nur im Rudel. "Individualismus" ist ihnen verdächtig, ein Schimpfwort, hier herrscht das Wir des Kollektivs, der Kameradschaft, des Männerbundes. In keiner anderen Jugendkultur ist eigenständiges Denken so sehr verpönt wie hier, keine andere Jugendkultur schnürt ihre Mitglieder in ein derart enges Korsett aus Regeln, Tabus und Ängsten. In der rechtsextremen Subkultur sammeln sich all diejenigen, denen die individuelle Vielfalt, das weniger eindeutige, manchmal sogar androgyne Männlichkeitsbild und die ständigen Innovationen im Stil anderer Jugendkulturen zuwider sind. Die Angst, einmal die Kontrolle zu verlieren, ist ihr ständiger Begleiter, und so überprüfen sie sich selbst und ihre Kameraden pausenlos auf Zeichen von Dissidenz. Da Fremdheit nach offiziöser Szene-Definition bereits mit dem Genuss eines Döner Kebab beginnt, schleichen sich Rechte vielerorts heimlich in den türkischen Imbiss, immer in der Furcht, von einem Kameraden entdeckt zu werden.

Ständig auf der Suche nach "deutscher" Ordnung, ritualisieren und standardisieren sie geradezu zwanghaft ihren Alltag so weit wie möglich. Die Schnürsenkelfarben sind ebenso festgelegt (wenn auch regional unterschiedlich) wie der zulässige Musikgeschmack (keinen HipHop, keinen Reggae, keinen Soul, keinen Punk). Kiffen ist "undeutsch" (muss also heimlich praktiziert werden), exzessiver Alkoholgebrauch dagegen ein Männlichkeitsbeweis. Ein fester Händedruck zur Begrüßung ist obligatorisch, man ist ja nicht schwul, auch wenn man eigentlich außer Deutschland nur die "Kameraden" richtig lieb hat und Frauen außerhalb des Bettes eher als lästig empfindet. "Weiber sind bei uns nichts wert / Auch wenn man sie nicht gern entbehrt", bringt die Nürnberger Neonazi-Band Radikahl die Haltung der Szenemehrheit zum anderen Geschlecht treffsicher auf den Punkt.

Bei "offiziellen" Kameradschaftsabenden herrscht zunächst ein Reglement wie in Tausenden von deutschen Vereinen, egal welcher Zielsetzung. Akribisch, häufig in der markigen Wortwahl voller Pathos, wird ein Tagesordnungspunkt nach dem anderen abgehakt, bis der Vorsitzende bzw. "Kameradschaftsführer" das befreiende Signal zum allgemeinen Umtrunk gibt.

Eine penible Ordnung zeichnet auch die Wohnungen vieler Neonazis aus; bevorzugt wird zudem ein Stil, den eher die Elterngenerationen vor ´68 pflegten, als hätte es die alltagsästhetische Revolution damals nie gegeben. Allerdings trifft man nicht selten auf das genaue Gegenteil: Wohnungen, die eher stinkenden Müllhaufen als heimeligen Rückzugsorten gleichen. Michael Kühnens Obdachlosenasyl in Langen zählte ebenso dazu wie die einst von Rechten besetzten Häuser in Berlin-Lichtenberg und Halle oder das ehemalige NPD-Fabrikgebäude am Stadtrand von Wurzen. Zeichen verwahrloster Jugend, realer Lebensunfähigkeit und häufig auch fortgeschrittener Alkoholsucht. Nirgendwo könnte der Kontrast zwischen den beschworenen deutschen Tugenden und der Realität größer sein als in diesen frauenfreien Zonen deutscher Jungnazis.

Und Schuld daran, dass es so weit gekommen ist, haben immer andere. Auch der 18-jährige Rico, der gerade seinen dritten Job in zwei Jahren verlor, weil er sich nach seinen ausufernden Wochenendaktivitäten nur selten in der Lage fühlte, am Montagmorgen pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, weiß, dass "die Ausländer" ihm den Job weggenommen haben, "weil die billiger arbeiten als ich".



Literatur

Longerich, Peter: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. München 1989.


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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 27/2010)

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