Cinema-fairbindet-Preisträger 2012: "Call Me Kuchu"

12.9.2012 | Von:
Ula Brunner

"Diejenigen, die mitmachten, sahen den Film auch als eine Chance, ihre Geschichte selbst zu erzählen, anstatt 'vorgeführt' zu werden."

Ein Gespräch mit Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall über ihren Dokumentarfilm "Call Me Kuchu".

In einem Gespräch für die bpb rekapitulieren die beiden Regisseurinnen von "Call Me Kuchu" die Entstehungsgeschichte des Films und sprechen darüber, wie sie die Situation sexueller Minderheiten in Uganda erlebt haben. Die Problematik dokumentarischer Distanz wird dabei ebenso beleuchtet wie die spezifischen Schwierigkeiten des Drehs in homophobem Umfeld.

Die beiden Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright (l.) und Malika Zouhali-Worrall bei der Verleihung des "Cinema-fairbindet"-Preises 2012.Die beiden Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright (l.) und Malika Zouhali-Worrall bei der Verleihung des "Cinema-fairbindet"-Preises 2012. (© Arsenal - Institut für Film und Videokunst)

"Call Me Kuchu" porträtiert das Leben von David Kato und seinen Kampf für die Rechte der LGBT-Community, also von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in Uganda. Wie entstand die Idee, gemeinsam diesen Film zu drehen?

Zouhali-Worrall: Kathy und ich lernten uns zufällig bei einer Geburtstagsfeier im New Yorker East Village kennen. Wir kamen ins Gespräch und haben festgestellt, dass wir beide daran interessiert waren, in und über Afrika, besonders Ostafrika, zu arbeiten.

Fairfax Wright: Anfänglich ging es uns nicht speziell um David Kato, sondern eher generell um die Situation der LGBT-Bewegung in Ostafrika. Wir hatten von dem Fall Victor Juliet Mukasa gehört, einer Transgender-Lesbe aus Uganda. 2005 wurde ihr Haus widerrechtlich durchsucht, Victor und eine Freundin wurden inhaftiert und in der Haft sexuell belästigt. Das Gericht in Uganda gab Victors Klage wegen Verletzung der Privatsphäre statt.

Zouhali-Worrall: Der Auslöser für uns nach Afrika zu reisen war die "Anti-Homosexuality-Bill". Im Oktober 2009 brachte David Bahati diesen Gesetzesentwurf ins ugandische Parlament ein, der die Möglichkeit vorsah, gleichgeschlechtliche Beziehungen mit lebenslanger Haft und HIV-infizierte Homosexuelle mit dem Tode zu bestrafen.

Fairfax Wright: Die "Anti-Homosexuality-Bill" brachte aber auch einen verstärkten Dialog unter den Betroffenen in Gang und führte bei ihnen zu einer wachsenden Bereitschaft, für die eigenen Rechte zu kämpfen. Das war für uns der Auslöser, nach Kampala zu reisen. Zu dieser Zeit war David Kato der Motor der LGBT-Bewegung und Anlaufstelle für Journalisten weltweit. Er war die erste Person, die wir noch während unserer Recherchen in den USA kontaktierten, und die erste Person, die wir im Januar 2010 zu Beginn der Dreharbeiten in Kampala trafen. Wir haben uns viel unterhalten, er stellte für uns die Kontakte zu LGBT-Personen her. Mehr und mehr fanden wir ihn als Mittelpunkt des Films interessant.

Wie haben Sie ihn erlebt?

Fairfax Wright: Als sehr charismatisch, mutig und klug, aber auch verletzlich.

Menschenrechtsorganisationen sprechen davon, dass etwa 500.000 "Kuchus" – homosexuelle, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Menschen – in Uganda leben. Wie sind sie organisiert?

Zouhali-Worrall: Es gab viel mehr LGBT-Gruppierungen in Uganda als wir erwartet hatten. Wir waren wirklich erstaunt, wie viele kleine Aktivistengruppen unter der Dachorganisation SMUG [Anm.d.Red.: Sexual Minorities Uganda] für die unterschiedlichen Personenkreise existierten: Transgender-Gruppen, Schwulen-Gruppen, Lesben-Gruppen. Die Community ist hervorragend international vernetzt und hat eine ziemliches klare Vorstellung davon, wie sie für Ihre Rechte in Uganda eintreten kann: mit Gerichtsverfahren, mit der Unterstützung der Vereinten Nationen, mit der Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und der internationalen Medien.

Wie haben Sie es geschafft, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen, die ja oftmals unter großen gesellschaftlichen Repressionen leiden und im Untergrund arbeiten?

Fairfax Wright: David war da natürlich eine große Hilfe. Nicht alle wollten gefilmt werden, aber einige Mitglieder der Community hatten sich entschlossen, vor der Kamera über ihr Leben zu reden. Interviews zu führen war völlig unproblematisch. Etwas schwieriger war es, Einblicke in das Privatleben zu erhalten. Um bei den Partys, beim Essen oder in der Familie drehen zu dürfen, mussten wir erst ihr Vertrauen gewinnen. Wir haben genau erklärt, was wir vorhaben, und haben beim Drehen darauf geachtet, keine Informationen preiszugeben, die ihre Sicherheit gefährden könnten.

Zouhali-Worrall: Natürlich wussten viele ihrer Familien oder Nachbarn bereits durch die Veröffentlichungen im "Rolling Stone", dass sie zur LGBT-Community gehören. Diejenigen, die mitmachten, sahen den Film auch als eine Chance, ihre Geschichte selbst zu erzählen, anstatt "vorgeführt" zu werden.

Die Anti-Homosexuality-Bill wurde von Kampalas Boulevardblatt "Rolling Stone" unterstützt: Herausgeber Giles Muhame erzählt mit ausgesprochenem Stolz und ohne jegliches Unrechtsbewusstsein, wie er die Namen und Bilder Homosexueller mit dem Aufruf "Hang Them" veröffentlichte. War es angesichts dieser aggressiven Homophobie nicht schwierig für Sie, filmische Distanz zu wahren?

Zouhali-Worrall: Wir führten insgesamt drei Interviews mit ihm und nach einer Weile hatten wir uns einfach daran gewöhnt. Wir hatten ja auch mit David Bahati gesprochen, der das Gesetz einbrachte. Uns ist ziemlich schnell klar geworden, dass Emotionalität und Wut unproduktiv sind, dem Film nichts nützen. Nach einer Weile haben wir gelernt, unsere Gefühle zu kontrollieren. Uns war in erster Linie wichtig, zu dokumentieren, was diese Menschen denken, welche Meinungen sie haben.

Fairfax Wright: Was Muhame publizierte, war sicherlich auch dadurch motiviert, dass er mit solchen Outings die Auflage erhöhen konnte. Allerdings macht es einen Unterschied, sich das Ganze jetzt, mit einigem Abstand, anzuschauen. Damals war alles sehr chaotisch, sehr emotional aufgeladen, und sein Verhalten erschien bis zu einem gewissen Maß fast normal. Viele teilten seine Meinung.

Welchen Einfluss hat ein Medium wie "Rolling Stone" darauf, wie die Gesellschaft in Uganda Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen beurteilt?

Zouhali-Worrall: Wie in jeder Gesellschaft gibt es extreme Positionen auf jeder Seite – bei Gegnern und Betroffenen. Aber viele Menschen bewegen sich mit ihrer Meinung auch irgendwo dazwischen. Auch in den USA, in Großbritannien oder in Deutschland haben wir oft festgestellt, dass Heterosexuelle, die homosexuelle Freunde haben, viel toleranter sind – das ist in Uganda nicht anders. Menschen, die hingegen gar keinen Kontakt zur LGBT-Community haben, sind oft homophober und die Wahrscheinlichkeit, dass sie einer solchen Meinungsmache – in diesem Fall jener der ugandischen Medien – aufsitzen, ist höher.

"Call Me Kuchu" verfolgt den Prozess gegen das "Rolling-Stone"-Magazin. Wie haben Sie es geschafft, im Gerichtssaal filmen zu dürfen?

Zouhali-Worrall: Es war nicht so schwierig, wie es vielleicht in der USA oder in Großbritannien gewesen wäre. Dreh- und Angelpunkt war der Richter: Wir haben mit ihm geredet, ihm erklärt, was wir eigentlich machen wollten und schließlich erhielten wir die Dreherlaubnis. Tatsächlich ist die Pressefreiheit auch in der Verfassung von Uganda verankert, sie ist ein wichtiger Bestandteil von Ugandas Demokratie.

Im Dezember 2010 untersagte der Oberste Gerichtshof weitere Outings und sprach den Klägern eine Entschädigung zu. Wurde Ihrer Meinung nach das Urteil beeinflusst durch die internationale Aufmerksamkeit während des Prozesses und durch das Bewusstsein, gefilmt zu werden?

Fairfax Wright: Es waren Journalisten aus aller Welt da, das sieht man ja im Film. Aber meines Erachtens hatte das keinen Einfluss auf die Urteilsfindung.

Zouhali-Worrall: Der Richter war der Idee gegenüber aufgeschlossen, dass allen Menschen in Uganda grundlegende Menschenrechte zustehen. Auch bei Victor Mukasa, deren Fall weit weniger publik war, entschied ein Richter, dass die konstitutionellen Rechte dieser Menschen vorranging sind. Das ist ja das Interessante: Einerseits sind homosexuelle Handlungen in Uganda strafbar, gleichzeitig ist die Justiz unabhängig genug, um Kuchus zu erlauben, für ihre Rechte einzustehen.

Die erste "Anti-Homosexuality-Bill“ wurde wegen des internationalen politischen Drucks vom Parlament nicht beschlossen. Im Februar 2012 wurde erneut ein Gesetzesentwurf eingebracht, der ebenfalls eine Strafverschärfung, allerdings nicht die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen vorsieht. Wird die "Anti-Homosexuality-Bill" wieder scheitern?

Fairfax Wright: Das hoffen wir. Präsident Yoweri Museveni weiß ja, dass er mit diesem Gesetz die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft aufs Spiel setzt – und die benötigt Uganda dringend.

Was hat sich an der ursprünglichen Konzeption ihres Films nach Katos Ermordung geändert?

Fairfax Wright: Wir begannen mit den Dreharbeiten im Januar 2010 und David wurde genau ein Jahr später ermordet. Unsere Absicht war immer, nicht nur ein Porträt von David, sondern auch von der ganzen LGBT-Bewegung zu drehen. Im Endeffekt haben wir, trotz des tragischen Todes von David, genau das gemacht: Menschen gezeigt, die bis heute hart dafür kämpfen, ihre Lebensumstände zu ändern.


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