kulturelle Bildung
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25.7.2012 | Von:
Tibor Schäfer

Sevengardens - Färbergärten als Aktionsorte für globale Verantwortung

Sevengardens ist eine Netzwerk-Initiative, die viele Projekte zum Thema "natürliche Farben" durchführt und begleitet. Hier werden landestypische Gärten mit Färberpflanzen angelegt und Workshops zur Farbgewinnung aus Pflanzen gegeben.
Link zum Methodentext "Sevengardens – die Methoden"
Hände von Schülern am Königshöher Weg, WuppertalHände von Schülern am Königshöher Weg, Wuppertal (© Peter Reichenbach 2011)

Solche Projekte finden an verschiedensten Orten in ganz Deutschland statt. An Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen, Museen, Universitäten oder in öffentlichen Parks gibt es unterschiedliche Angebote. Von der einfachen Farbsaftgewinnung bis hin zur Herstellung von natürlicher Kosmetik sind die Workshops individuell und stets auf die Zielgruppen ausgerichtet.

Die Idee stammt von dem Künstler Peter Reichenbach aus Essen, der keine chemischen Farben mehr für seine Bilder benutzen wollte. Seine ersten Workshops zum Thema "natürliche Farben" gab er an der Grundschule am Königshöher Weg in Wuppertal im Jahr 1998. Zusammen mit der Lehrerin Eva Schäfer und ihren Schülerinnen und Schülern erforschte der Essener Künstler alte Färbertraditionen, vergessene Rezepte und biologische Abläufe. Sie legten gemeinsam einen Färbergarten an, produzierten viele Liter Farbe und erweiterten die gewonnene Farbvielfalt über das Ändern des ph-Werts. So färbt sich zum Beispiel durch die Zugabe von Salz Rotkohl in ein kräftiges Blau.

Wichtig war, dass die Kinder ihre Ergebnisse selbst erarbeiten und aufschreiben, ihr Wissen an ihre Mitschüler/-innen weitergeben und somit ein abwechslungsreiches Lernen entsteht, in dem jedes Kind seine Nische findet.

Fortentwicklung des Projekts



Aus diesem Projekt entstand das Vorhaben, weitere Färbergärten in Nordrhein-Westfalen anzulegen. Peter Reichenbach baute Kontakte zu anderen Schulen auf und traf sich mit Pädagogen/-innen und Kleingärtnern/-innen aus der Umgebung. Schnell zählte der Künstler sieben neue Färbergärten, die er untereinander vernetzte und zwischen denen er Kooperationen einleitete.

Aus diesen sieben Gärten wurden in den folgenden Jahren etablierte Lernorte für Jung und Alt. Neben den klassischen Färberworkshops entstanden Fortbildungskurse für Pädagoginnen und Pädagogen. Zeitgleich bildete Peter Reichenbach junge Menschen aus, damit diese ebenfalls Workshops geben können. So entstand ein erstes kleines Team, das sich für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung bemühte.

Jugendliche beim Anlegen eines Färberbeetes an der Gemeinschaftshauptschule Niedersprockhövel.Jugendliche beim Anlegen eines Färberbeetes an der Gemeinschaftshauptschule Niedersprockhövel. (© Anja Bardey/sevengardens)
Dann folgte das Jahr der Kulturhauptstadt RUHR.2010. Das Ruhrgebiet wurde als gesamte Region zur Europäischen Hauptstadt 2010 ernannt und suchte Projekte, die den Wandel von Industrie und Kultur thematisieren. In diesem Zusammenhang startete Peter Reichenbach das Projekt "Seven European Gardens" – sieben europäische Gärten.

Gemeinsam mit den in Deutschland vorhandenen Färbergärten suchte Reichenbach Kooperationspartner in den anliegenden Nachbarländern, und schnell waren sieben interessierte Einrichtungen gefunden. Im Rahmen dieses Projektes besuchte der Künstler die neuen Gärten im Ausland, half für die Region typische Färberpflanzen zu finden, gab verschiedene Färber-Workshops und vernetzte die Orte untereinander.

Sevengardens ist international aktiv

So bekam die Idee einen Namen und sprach sich schnell herum. Nach dem erfolgreichen Abschluss von RUHR.2010 gab es zahlreiche Anfragen aus aller Welt und aus "Seven European Gardens" wurde "sevengardens". Peter Reichenbach baute sich ein Team auf, um die Vielzahl an Projekten durchführen zu können. Es folgten Projekte in der Türkei, Südafrika, Kenia, Indien und vielen weiteren Ländern.

Überall sind sie ökologisch wertvoll, denn sie dienen der biologischen Vielfalt, bieten enorme Ressourcen für die Saatgut-Sammlung und schaffen CO2-Speicher und Lebensräume für Vögel und Insekten . Durch die Produktion und den Verkauf von verschiedenen Endprodukten wie Kosmetik, Textil- oder Druckfarbe fördern sie lokale Wirtschaftskreisläufe und lassen ökologische Freizeitangebote und Dienstleistungen entstehen.

Ein Beispiel für die Vielfalt der Möglichkeiten ist die Arbeit am HIV / AIDS-Hospital in Parys, Südafrika. Der Kontakt zur Südafrika-Hilfe e.V. entstand im Jahr 2010, als einige sevengardens-Dialoguer, also Menschen, die eine spezielle Fortbildung mitgemacht hatten, als Teil der Delegation des Mpumalangaforums NRW in die südafrikanische Region reisten. Im folgenden Jahr besuchten Vera Dwors und Hanna Schulte von sevengardens die Einrichtung. Finanziert von Aktion Medeor entstand ein Färbergarten, und Färber-Kurse wurden veranstaltet. In diesen Kursen wurden weitere Farbexperten ausgebildet, die sich wieder eigene Nischen gesucht haben. Nach Abschluss des offiziellen Projekts wurde in Köln eine große Vernissage veranstaltet. Aus dem Erlös der Bildverkäufe werden nun weitere Färbergärten in Südafrika, Tanzania und Kenia unterstützt.

Einige der neuen Farbexpertinnen und -experten lehren heute an der Universität in Johannesburg die Herstellung von Naturfarben, andere weben und färben Stoffe, gestalten Grußkarten für Touristen, bemalen selbstgebrannte Tonarbeiten oder verkaufen Lippenpflegecremes aus eigener Herstellung. Für die Zukunft sind neue Projekte in Planung; unter anderem eine Reise der Färberexperten aus Parys nach Deutschland. Statt als Hilfesuchende kommen sie als Wissensvermittler/-innen, werden Workshops geben, Ideen und Anreize liefern und neue Erfahrungen mit nach Hause bringen.

Damit ist Menschen vor Ort ein Einkommen gesichert, zudem arbeiten sie ökologisch und nachhaltig , und Bildung findet wechselseitig auf Augenhöhe statt.

Sevengardens in der frühkindlichen Bildung

Auch in Deutschland wächst die Begeisterung für die gesunden Farben. Neben vielen Schulen, die das Thema in ihren Kunstunterricht aufnehmen und ihre Gärten mit Färberpflanzen bestücken, entdecken auch Kindertagesstätten den angstfreien Umgang mit kräftigen Farben. Sigrun Kampen, Erzieherin an der Kita Villa Kunterbunt-Dinslaken ist eine engagierte Pflanzenfärberin. Nachdem sie mit Begleitung der Künstlerin Hanna Schulte Malfarben, Wachsmalstifte und sogar Theaterkosmetik mit den Kindern hergestellt hatte, wurde im Dinslakener Stadtmuseum Vohwinkel Hof eine Ausstellung präsentiert.

Im Mai 2012 hatte die Kita Villa Kunterbunt Besuch aus Afrika. Samuel Bacari war mit NABU International aus Kenia angereist, um sich über Färbetechniken zu informieren. Nördlich von Nairobi betreibt er eine Farm und eine Werkstatt zur Verarbeitung von Schafwolle. Bacari besuchte außerdem die Grundschule am Königshöher Weg und den Mädchengarten in Gelsenkirchen.

Er nahm an vielen Workshops teil und ist nun in der Lage, seinen Mitarbeitern/-innen und Angestellten das natürliche Färben ihrer Wolle zu zeigen. Er ist nun ein aktiver sevengardens-Dialoguer, der die Wirkung des Bildungsnetzwerkes im Sinne der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung erweitert. Jeder, der mit Färberpflanzen arbeitet und mit dem sevengardens-Kodex zu einer nachhaltigen Entwicklung einverstanden ist, hat die Möglichkeit auch den Namen sevengardens zu nutzen (nach OpenContent License "OPL"). Man kann direkt auf eine Vielzahl von Rezepten zugreifen und gehört sofort einem gut organisierten Netzwerk an, mit Partnern in der ganzen Welt.

Vernetzung digital

Auf der Internetseite www.sevengardens.eu haben alle Partner die Möglichkeit ihre eigene Arbeit vorzustellen, eigene Rezepte zu veröffentlichen und mit anderen Projekten in Verbindung zu bleiben. Es gibt zudem eine interaktive Netzwerk-Karte und einen Newsletter. An der Grundschule am Königshöher Weg gibt es heute immer noch die Färber-AG. Jeden Freitag treffen sich Schülerinnen und Schüler aus allen Lerngruppen und versorgen die Schule und den Stadtteil mit Malfarben, besuchen als Dozenten die Uni Duisburg –Essen und erhalten Besuche aus der ganzen Welt.

Im Rahmen des Projekttages 2010 der Gesamtschule Essen Holsterhausen wurde der Künstler Peter Reichenbach eingeladen, um den Schülerinnen und Schülern verschiedene Techniken zur Gewinnung von Pflanzenfarben zu zeigen. (© 2011, Bundeszentrale für politische Bildung/sevengardens e.V.)

Färberworkshop an der Gesamtschule Holsterhausen in Essen

Im Rahmen des Projekttages 2010 der Gesamtschule Essen Holsterhausen wurde der Künstler Peter Reichenbach eingeladen, um den Schülerinnen und Schülern verschiedene Techniken zur Gewinnung von Pflanzenfarben zu zeigen. Aus getrockneten Färberpflanzen entstand so eine Vielzahl an Farben. Diese wurden genutzt, um ein gemeinsames Bild für die spätere Präsentation zu gestalten. Außerdem fand eine Grundstücksbegehung statt. Herr Reichenbach zeigt den Kindern, welche Färberpflanzen schon an ihrer Schule wachsen, welche Farben man aus ihnen gewinnen kann und erklärt, wie man solche Pflanzen nachhaltig erntet. Ein Film von Tibor Schäfer.

Zusammen mit der türkischen Künstlerinnengruppe „femin&art“ aus Trabzon initiierte sevengardens das von der EU finanzierte Projekt „from nature to art“. (© 2011, Bundeszentrale für politische Bildung/sevengardens e.V.)

EU-Projekt "from nature to art"

Zusammen mit der türkischen Künstlerinnengruppe "femin&art" aus Trabzon initiierte sevengardens das von der EU finanzierte Projekt "from nature to art". Kunstwerke, die aus natürlichen Pflanzenfarben hergestellt waren, wurden zum Abschluss des einjährigen Projekts in einer Ausstellung präsentiert. Peter Reichenbach empfing im Rahmen des Projekts im Herbst 2011 einen Teil der Künstlerinnen in Deutschland. Zusammen besuchten sie verschiedene sevengardens-Netzwerkpartner, wie den Mädchengarten in Gelsenkirchen und die Grundschule am Königshöher Weg in Wuppertal. An der Gemeinschaftshauptschule Niedersprockhövel nahmen alle Angereisten an einem Färberworkshop teil. Eine filmische Dokumentation von Tibor Schäfer.
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Veranstaltungsdokumentation (November 2011)

Didaktik-Dialog: Zukunft ist jetzt!

Was ist nachhaltige Entwicklung, und wie können wir sie in unser tägliches Denken und Handeln einbringen? Eine Begegnung von politischer und kultureller Bildung kann für diese Frage innovative und kreative Lösungen anbieten, die bei der Tagung vorgestellt, diskutiert und ausprobiert wurden.

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teamGLOBAL ist ein bundesweit aktives Netzwerk von jungen Teamerinnen und Teamern rund um das Thema Globalisierung mit dem Ziel, in einer turbulenten Zeit selbst bestimmtes und verantwortliches Handeln zu stärken.

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Das Konzept „Nach uns die Sintflut“ ist längst überholt, findet Michael Görtler, Sozialwissenschaftler und Referent für politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Welche Rolle kann oder sollte die politische Bildung spielen, um nachhaltiges Handeln als Grundprinzip in der Gesellschaft zu verankern?

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