kulturelle Bildung

1.8.2018

Was ist nach dem Tod?

Bevor Yves Bossart, Moderator der Sendung "Sternstunde Philosophie", den Schülerinnen und Schülern (9. Klasse) einige Überlegungen der Philosophie zum Thema Tod vorstellte, begann er mit einer allgemeineren Darstellung der Kernanliegen der Philosophie.

Bevor Yves Bossart, Moderator der Sendung "Sternstunde Philosophie“, den Schülerinnen und Schülern (9. Klasse) einige Überlegungen der Philosophie zum Thema Tod vorstellte, begann er mit einer allgemeineren Darstellung der Kernanliegen der Philosophie. Er erläuterte, dass es um die Klärung grundlegender Begriffe gehe.

Beispielsweise hätten die Anwesenden wahrscheinlich eine Vorstellung, was unter Zeit zu verstehen sei, während eine genauere Definition dieses Begriffs mit gewissen Schwierigkeiten verbunden wäre. Weiterhin reflektiere die Philosophie auch über Normen und Werte, nichts dürfe als gegeben angesehen werden, während gleichzeitig alles einer Begründung bedürfe. Dabei würden sich neue Perspektiven auf die Welt und das Selbst ergeben, schließlich präge die Auseinandersetzung mit einer Theorie auch die eigene Wahrnehmung. Die Philosophie lehrt somit kritisches Denken sowie das Staunen über das Alltägliche.

In einer ersten Annäherung an die Thematik der Veranstaltung schlug Bossart eine Bestimmung vor, was der Tod sei. Dabei hob er darauf ab, dass es sich beim Tod meistens um einen schmerzlichen Verlust bzw. eine große Kränkung handle. Andererseits sei er damit auch Anlass zur Frage nach dem Sinn des Lebens (wie steht es bspw. um alltägliche Handlungen vor dem Hintergrund der Sterblichkeit). Betrachtet man die phänomenale Ebene, ließe sich der Tod als das "unumkehrbare Ende des Lebens“ bestimmen. Dieses tritt – folge man dem medizinischen Diskursen – entweder im Falle eines Herztods, dem Ende aller Vitalfunktionen oder eines Hirntods, dem Ende der Hirnfunktionen und somit des Bewusstseins, ein. Daran anschließend stelle sich die Fragen, was der Tod konkret bedeute. Wie steht es mit einem Leben nach dem Tod? Bossart verschaffte den Schüler/innen einen kurzen Überblick über die Antworten der Religionen auf diese Frage, die von Auferstehung bis Seelenwanderung reichen. Demgegenüber müsse eine (natur-)wissenschaftliche Perspektive die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod o.ä. verneinen, da ohne ein funktionierendes Gehirn auch kein Bewusstsein bestehe. Dass es in der Philosophie Vertreter/-innen all dieser Positionen gibt, deutet auf ein grundlegendes Problem hin: die Frage lässt sich nicht beantworten. Es kann höchsten gefragt werden, was man glauben soll/kann.

Im Anschluss an diese Überlegungen wurde den Schülerinnen und Schülern ein Film gezeigt, der das folgende Gedankenexperiment illustrierte: Hängen Annahmen alleine davon ab, dass sie nicht widerlegbar sind, lässt sich so gut wie jede bizarre Annahme rechtfertigen. Im Falle des Films ist es die Annahme, dass die Erde permanent von einer Teekanne umrundet wird, die jedoch so klein ist, dass wir sie nicht sehen können. Anhand dieser Ausführungen wurde deutlich, dass Annahmen zusätzlich von guten Gründen abhängen sollten. Doch wie verhält es sich dann in Bezug auf die Existenz eines Jenseits: "Ergibt es Sinn, an etwas zu glauben, dessen Existenz sich nicht belegen lässt?“

Die Teilnehmer/innen waren in Bezug auf diese Frage gespalten. Allerdings wurde in der anschließenden Debatte vorwiegend für die Existenz eines Jenseits argumentiert. Dabei wiesen die Schülerinnen und Schüler auf die Erkenntnissperre, Nahtoderfahrungen u.ä. hin. An die Beiträge der Schüler/innen anschließend erläuterte Bossart, dass es über die allgemeine Einschätzung des Todes unterschiedliche Auffassungen gibt. Seine Ausführungen mit dem Philosophen Epikur beginnend stellte er hervor, dass dem Tod nicht zwingend Relevanz zu kommen müsse: "Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht mehr.“ Die Teilnehmer/innen kritisierten, dass es sich bei dieser Argumentation um eine empirische Herangehensweise handle und dass eine potentielle Angst vor dem Tod von diesem Ansatz unberührt bliebe. Im Anschluss an Lukrez stellte Bossart ein Argument vor, das darauf verwies, dass die Nichtexistenz vor der Geburt nicht gestört habe und somit die Annahme, dass sie nach dem Tod stören könnte, absurd sei. Einige Schüler verwiesen darauf, dass vor der Geburt, jedoch auch nichts da gewesen sei, was einem hätte genommen werden können. Entgegen diesen Positionen ließe sich jedoch auch dafür argumentieren, dass der Tod etwas Gutes sei, erklärte Bossart. In diesem Sinne postulierte Plato etwa die Loslösung der Seele vom Körper. Aber auch der (moderne) Philosoph Bernard Wiliams argumentiere, dass erst durch den Tod dem Leben Bedeutung gegeben werde, da Unsterblichkeit zu Antriebslosigkeit und Langeweile verdamme. In der Diskussion mit den angereisten neunten Klassen zeigte sich, dass ein Großteil diese Ansicht teilte. Zwar schien vielen eine prinzipielle Lebensverlängerung sinnvoll, so fürchten sie bei einer wirklichen Unsterblichkeit jedoch eine Sinnentleerung. Das Bild komplementierend wurde auf Thomas Nagel Bezug genommen, der argumentiere, dass der Tod uns das Erleben nehme. Das Leben sei gut – je länger, desto besser.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde gefragt, wie "Sterben Lernen“ gehe. Wieder ließen sich anhand verschiedener philosophischer Positionen drei unterschiedliche Ansätze herausstellen. So war für viele antike Denker das stete Bedenken des Todes (sinnbildlich im Ausspruch memento mori) konstitutiv für ein gutes Leben. In diesem Sinne lässt sich Seneca mit "Denk' stets an den Tod, um ihn nie zu fürchten“ zitieren. Eine ähnliche Vorstellung schlägt sich auch in Heideggers "Vorlaufen zum Tode“ nieder; eine Denkfigur, die darauf reflektiert, wie die Einschätzung unseres Lebens vom Totenbett aussähe. Die Veranstaltung schloss mit der konträr dazu liegenden Position Spinozas: "Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine Weisheit ist nicht ein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben."

von Simon Clemens


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen