kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Olaf-Axel Burow

Warum brauchen wir kulturelle Bildung in der Schule? Ein Plädoyer

Kulturelle Bildung bietet vielfältige Anregungen, das klassische Modell der Unterrichtsschule zu überwinden. Durch neuartige Formen des Lehrens und Lernens, wie zum Beispiel beim Atelierunterricht oder in Kunst- und Lebenskunstprojekten im Sozialraum wird die Schule insgesamt bereichert.

Das Projekt Farbräume, aufgenommen in der Louise-Schroeder-Schule Hamburg © Karin GerdesDas Projekt Farbräume, aufgenommen in der Louise-Schroeder-Schule Hamburg © Karin Gerdes


Obwohl es beginnend bei der Reformpädagogik [1] eine lange Tradition kultureller Bildung in der Schule gab, blieb diese doch meist randständig. Die Bedeutung dieses Bereiches für die Schule nimmt erst seit kurzem zu – und zwar mit dem Ausbau von Ganztagsschulen und der Entwicklung von Bildungslandschaften. Durch den erweiterten Zeitrahmen und einen Bildungs- bzw. Erziehungsauftrag, der Ganztagsschule nicht nur als Unterrichtsschule, sondern auch als Lebens- und Erfahrungsraum [2] definiert, wird die Bedeutung kultureller Bildung in der Schule stärker wahrgenommen. So haben sich beim diesjährigen "mixed up"-Wettbewerb des Bundesverbandes Kultureller Jugendbildung (BKJ) 247 Kooperationsprojekte von Schulen und außerschulischen Trägern um den Titel der besten "Kooperation zwischen Kultur und Schule" Deutschlands beworben.


Die eingereichten Konzepte der Bewerber zeigten eine beeindruckende Vielfalt spezialisierter Profile erfolgreicher Kulturschulen, die mit ihren Angeboten nicht nur schulische Bildung bereicherten, sondern darüber hinaus nicht selten auch zu Motoren der Entwicklung von Bildungslandschaften wurden. Der erste Preisträger, die Hamburger Gesamtschule Horn, überzeugte die Jury mit einem musikalischen Gesamtkonzept, das unter anderem eine schuleigene Konzertreihe mit professionellen Künstlerinnen und Künstlern beinhaltete und diese mit dem Aufbau einer professionellen Schülerfirma verband, die Percussion-Instrumente baut. Das Theaterpädagogische Zentrum Hildesheim schuf das beeindruckende Theaterprojekt "Grenzöffnung – Wer ist Deutschland". Typisch für viele Beiträge war auch das Berliner Projekt "TanzZeit – Zeit für mehr Tanz in Schulen". Einen ganz anderen Zugang wählte dafür die prämierte Kölner Grundschule Mülheimer Freiheit 99, die mit dem "Lern- und Gedenkort Jawne" einen besonderen Themenzugang zum Nationalsozialismus für die Schülerinnen und Schüler erarbeitet hatte. Unter www.bkj.de finden sich reichhaltige Informationen über entsprechende Schulprojekte. Umfassend dargestellt ist die Bedeutung kultureller Bildung für die Schule bei Max Fuchs (2008). Daher konzentriert sich dieser Artikel auf sieben zentrale Gründe, warum wir kulturelle Bildung in der Schule benötigen.

1. Kulturelle Bildung – eine Vorbedingung für Chancengleichheit

Noch bedrückender als der mittlere Rang, den deutsche Schulen bei den internationalen Schulleistungsvergleichsstudien (PISA) einnehmen, ist die wiederholt bestätigte Erkenntnis der mangelnden Förderung benachteiligter Schülergruppen. Die daraus resultierende Forderung nach besserem Sprach-, Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht greift allerdings zu kurz, weil sie den Blick auf einen begrenzten schulischen Fächerkanon verengt. Wie der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann aufgrund eigener empirischer Untersuchungen sowie im Anschluss an die soziologische Feldtheorie Pierre Bourdieus herausgearbeitet hat, liegt ein zentraler Grund dafür, dass ein Viertel aller 15-Jährigen nicht schreiben kann und etwa 15 Prozent eines Jahrgangs komplett abgehängt werden, in beschränkter kultureller Bildung: Entscheidend für soziale Selektion oder Erfolg ist aus soziologischer Perspektive der "Habitus" – verstanden als die bereits in der Kindheit antrainierten und geformten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata sowie die inkorporierten, im Körper verankerten Gewohnheiten, die wie "Automatismen" das Auftreten und Handeln der Person bestimmen.

Fußnoten

1.
Flitner 1992
2.
V. Hentig 1996
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