kulturelle Bildung

20.5.2011 | Von:
Joe Hallgarten

Länderbeispiel England: Vom Goldenen Zeitalter in die Misere

Bestehende Herausforderungen

Trotz des Zuwachses an Bildungsangeboten versperren noch vier Hindernisse den Weg zu dem avisierten Ziel, dass alle Kinder qualitativ hochwertige kulturelle Angebote wahrnehmen:

Erstens sind etliche Schulen gezwungen, im Unterricht das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen zu richten; künstlerische Fächer werden in einem solcherart "verengten und verflachten" Curriculum an den Rand gedrängt. Laut QCA, der Behörde für Bildungs- und Weiterbildungsstandards, hat die Dauer der Beschäftigung von Schülerinnen und Schülern mit künstlerischen Fächern im letzten Jahrzehnt abgenommen.

Zweitens hat der quantitative Zuwachs an abrufbaren Angeboten für Schulen und junge Menschen keinen proportionalen Zuwachs an Qualität mit sich gebracht. Trotz eines immer fundierteren Wissens über das, was die Qualität ausmacht, mangelte es vielen Aktionen, die von kleinen und größeren Einrichtungen, Nachwuchskünstlern und erfahrenen Kunsterziehern angeboten wurden, oft an ausreichender Planung, Tiefgründigkeit und Reflexion. Sie wirken auf junge Menschen dann oft oberflächlich oder rufen sogar negative Reaktionen hervor [6].

Drittens erwies sich die Fülle der Möglichkeiten als so zergliedert, dass die Jugendlichen und die Schulen sich immer weniger in der Lage sahen, zu überblicken, welche Angebote auf welchem Wege verfügbar waren. Angesichts der Umfragen, die belegen, dass junge Menschen, die ohnehin aktiv am kulturellen Leben teilhaben, das größte Bedürfnis nach zusätzlichen Aktivitäten haben, verwundert es nicht, dass im Dschungel der Angebote neue kulturelle Offerten eher von jenen wahrgenommen wurden, die bereits kulturell aufgeschlossen sind, während sie von den Zurückhaltenderen eher ausgeschlagen wurden [7].

Viertens haben Umfragen gezeigt, dass die deutlichsten Indikatoren dafür, ob Kinder kulturell aufgeschlossen sind, der Bildungsstand der Eltern und das bereits bestehende Interesse an Kultur sind [8]. Abgesehen von einigen signifikanten Ausnahmen wurde zu wenig Aufmerksamkeit darauf gelenkt, die Familien, insbesondere die weniger kulturinteressierten, in kulturelle Aktivitäten einzubinden.

2008 wurde das neue Programm Find Your Talent – Entdecke dein Talent – aufgelegt. Es war darauf ausgerichtet, diese Probleme auf dezentraler Ebene zu überwinden; angestrebt wurde eine regere Beteiligung, eine genauere Zielgruppenausrichtung, höhere Qualität, bessere Koordination und vor allem veränderte Ergebnisse für Kinder und Jugendliche [9]. Das Programm berücksichtigte auch die Tatsache, dass heute aufwachsende junge Menschen souveräner über die Gestaltung ihrer kulturellen Erfahrungen verfügen wollen; dazu gehört auch das zunehmende Verlangen, selbst an der Kulturproduktion teilzunehmen.

Die gegenwärtige Situation

Im Jahr 2010 wurde im Vereinigten Königreich eine neue Regierung gewählt. Seitdem haben wir schon erhebliche Veränderungen in der oben beschriebenen Kulturlandschaft erleben müssen. Irregeführt durch eine fehlgeleitete Analyse der Ergebnisse der PISA-Studie im Land, hat sich die Regierung in ihrer Bildungspolitik neu auf die "Grundlagen" des Rechnens, Lesens und Schreibens ausgerichtet und sich dabei darauf verlegt, die bestehende Hierarchie "akademischer" Fächer zu stärken. Obwohl unser Bildungsministerium - im Gegensatz zu seiner Feindseligkeit gegenüber "Kreativität" - sein Bekenntnis zu künstlerischer Bildung bekundet hat, sind die Schulen schon wieder dabei, ihre Angebote an künstlerischen Fächern zurückzuschrauben; sie hüten sich vor der Mitwirkung bei jeder Art von "kreativen" Projekten.

Auch unser Finanzierungsklima ist durch die Kürzungen in allen Bereichen öffentlicher Dienstleistungen ganz anders geworden. Was die Künste betrifft, so mussten Einrichtungen durchschnittliche Kürzungen um 15% hinnehmen, was voraussichtlich ihre Bildungsprogramme beeinträchtigen wird. Zwar heißt es in einem der fünf Ziele von Arts Council England, der nationalen Entwicklungsbehörde für Kunst: "Jedes Kind und jeder Jugendliche hat die Chance, seine Erfahrungen mit der Vielfalt der Künste zu machen", doch die radikalen Kürzungen der Fördermittel für Programme wie Creative Partnerships und Find Your Talent lässt vielen jungen Menschen in den besonders benachteiligten Gemeinden keine Möglichkeiten mehr, mit Kunst in Berührung zu kommen. Finanzieller Kahlschlag und radikale ideologische Richtungsänderung bringen es mit sich, dass viel von den Fortschritten des vergangenen Jahrzehnts in Gefahr geraten ist.

Noch ist nicht alles verloren. Eine neue "Allianz zur kulturellen Bildung" will nun zu einer vereinten Aktion aufrufen, die alle Künste, den Bildungs- und den Kultursektor umspannt [10] . Kürzlich hat die Regierung einen Bericht zur kulturellen Bildung angekündigt, der von dem Grundsatz ausgeht, dass sich alle Kinder ungeachtet ihrer Herkunft eine solide kulturelle Bildung aneignen sollten [11]. Unabhängig von der Politik gibt es inzwischen eine große Zahl hochqualifizierter Lehrer und Künstler, die sich der Fortführung und Auffrischung ihrer praktischen Erfahrungen in der Jugendarbeit verschrieben haben und nach deren leidenschaftlicher Überzeugung Kultur das Leben junger Menschen bereichern, verändern und verwandeln kann.

Noch ist es offen, ob im kommenden Jahrzehnt die kulturelle Bildung in England ein Motor sozialer Mobilität und grundlegenden Wandels in der Erfahrungswelt der Kulturbegeisterten und Kulturschaffenden wird, oder ob sich die bestehenden Gräben der Ungleichheit auf dem Gebiet der Bildung und Kultur weiter vertiefen. Alles steht auf dem Spiel.


Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt von Dr. Juliane Lochner.

Fußnoten

6.
Bamford, A. (2006) The Wow Factor. Münster: Waxmann
7.
Ipsos MORI (2009) Evaluation of the Find Your Talent Programme: Baseline quantitative findings from ten Find Your Talent pathfinder programmes. Online: http://www.creativitycultureeducation.org/data/files/ipsos-find-your-talent-report-final-235.pdf
8.
Ipsos MORI (2009) Evaluation of the Find Your Talent Programme: Baseline quantitative findings from ten Find Your Talent pathfinder programmes. Available at http://www.creativitycultureeducation.org/data/files/ipsos-find-your-talent-report-final-235.pdf
9.
Siehe www.findyourtalent.org
10.
Siehe www.culturallearningalliance.org.uk
11.
Siehe http://www.culture.gov.uk/news/news_stories/8041.aspx
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