kulturelle Bildung
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18.7.2011 | Von:
Friderike Wilckens

Forumtheater

Forumtheater als Methode des Empowerments hat zum Ziel, eine benachteiligte Gruppe zu befähigen, die eigenen Interessen und Ziele zu formulieren und dafür einzustehen. In einer Konfliktszene werden gemeinsam mit dem Publikum verschiedene Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet.

Link zum Praxisbeispiel Forumtheater

Im Forumtheater werden Themen wie Ausgrenzung und Mobbing aufgenommen und gemeinsam mit dem Publikum Lösungswege erarbeitet. Foto: Fotograf ZaudeIm Forumtheater werden Themen wie Ausgrenzung und Mobbing aufgenommen und gemeinsam mit dem Publikum Lösungswege erarbeitet. (© Fotograf Zaude)

Warum Forumtheater?

Forumtheater ist eine Methode des Empowerments: Eine Zielgruppe, die wiederholt gesellschaftliche Benachteiligung erfährt, wird befähigt, die eigenen Interessen und Ziele zu konkretisieren und souverän für diese einzustehen. Im Prozess der theatralen Bearbeitung nimmt der von der Thematik Betroffene verschiedene Perspektiven ein und erweitert sein Handlungspotenzial. Darüber hinaus bekommen Personen, die zuvor wenig Einblick in die Problematik der Zielgruppe hatten, ein tieferes Verständnis für deren Situation.


Zielgruppen

Forumtheater eignet sich für Gruppen, die im alltäglichen Leben wenig Gehör finden und die kaum eine Lobby haben, welche sie unterstützt ihre eigenen Interessen zu vertreten. So gibt es Forumtheaterprojekte mit Obdachlosen, mit Migrantinnen, Insassen von Justiz-Vollzugsanstalten, mit Flüchtlingen oder mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen. Ebenso eignet sich Forumtheater jedoch auch für Schülergruppen jeglicher Schulformen.

Wie funktioniert Forumtheater?

Zunächst wird ein Konflikt in einer oder mehreren Szenen brennpunktartig inszeniert. In der Szene muss deutlich werden, was der Protagonist will. Beim Verfolgen seiner Ziele begegnen ihm Personen, die ihm – ob bewusst oder unbewusst - Steine in den Weg legen. Wichtig ist, dass es einen oder mehrere Gegenspieler gibt und dass es sich nicht um ein abstraktes Phänomen handelt, welches es zu überwinden gilt, wie z.B. "den Klima-Wandel" oder "den Konsum-Terror". Eine weitere Voraussetzung für eine Forumszene ist, dass der Protagonist in der gezeigten Szene eigentlich eine Chance hätte, sein Ziel zu erreichen. Eine Szene, in der ein Jugendlicher von mehreren gewalttätigen Jugendlichen zusammengeschlagen wird, eignet sich nicht, da der Jugendliche kaum mehr eine Chance hat, zu entkommen. In einer Forumtheaterszene reagiert der Protagonist auf die Hindernisse in seiner gewohnten Weise und findet im Eifer des Gefechts nicht den geeigneten Weg. Hier springt das Publikum ein.

Methodensteckbrief

Kurzbeschreibung Eine Gruppe von 3- 16 Teilnehmern erarbeitet ein kurzes Theaterstück zu einem Konfliktthema. Das Theaterstück wird vor einer Zielgruppe präsentiert, die mit dem Konflikt vertraut ist. Im Anschluss an die Präsentation probiert das Publikum Lösungen für den gezeigten Konflikt aus.
Ziele Empowerment, Konfliktbearbeitung, Prävention, tieferes Verständnis für ein Konfliktthema
Teilnehmerzahl 3- ca 16 Schauspieler/-innen, 20 – 70 Zuschauer/-innen
Altersstufe ab 9 Jahre
Zeitbedarf zur Erarbeitung der Szenen: mindestens 8 - 20 Stunden, Für die interaktive Präsentation: 1 – 2 Stunden
Raum Für die szenische Erarbeitung: Leerer Raum von mind. 45 m², Für die Aufführung: Bühnenfläche von ca. 4 m Tiefe und 5 m Breite, ausreichend Platz für Zuschauer, erhöhte Bühne (max. 80 cm hoch)
Benötigte Ausstattung / Materialien Requisiten und Kostüme, für die Aufführungen sind Bühnenhintergrund (2 Stative und Bühnenmolton) und Scheinwerfer vorteilhaft
Sparte/Bereich/Feld Theater /Darstellendes Spiel

Die Forumtheater-Aufführung

Ein Moderator erklärt den Verlauf der Veranstaltung. Im Anschluss an die Präsentation der Szenen folgt die Forumphase: Die Zuschauer betrachten das Geschehen mit dem Abstand, den ihnen die Bühne bietet. Sie werden von dem Moderator aufgefordert, Lösungs- und Handlungsvorschläge für den dargestellten Konflikt auszuprobieren. Dafür kommen sie auf die Bühne und zeigen spontan, wie sie mit der Situation umgehen würden. Die Schauspieler agieren weiterhin als Gegenspieler. Sie fordern die Zuschauer heraus, sich dem Konflikt zu stellen, nicht aufzugeben, sondern nach immer neuen Handlungsalternativen zu suchen. Die Gegenspieler dürfen nicht ausgetauscht werden. Eine Probe für das Leben also. Das Publikum erfährt die möglichen Wirkungen der jeweils vorgestellten Idee. Neue Ideen werden geboren und neue Sichtweisen tun sich auf. Am Ende haben die Zuschauer ein ganzes Spektrum an Handlungsmöglichkeiten gesehen und ausprobiert. Das Publikum sollte auf jeden Fall mit der gezeigten Thematik vertraut sein. Wer von dem dargestellten Konflikt selbst betroffen ist, hat genügend Unzufriedenheit angesammelt um in einem Theaterforum aufzustehen und endlich etwas zu verändern. Ist der erste Schritt getan, bleibt das Erfolgserlebnis nicht aus. Auch wenn es nicht die Lösung gibt und sich der Prozess nur einen ganz kleinen Schritt voranbewegt. Es ist die Aufgabe des Moderators, die Interventionen zu analysieren und das Publikum mit Fragen weiter zu bringen.

Partizipation

Eine Weiterentwicklung des Forumtheaters ist das Legislative Theater. Hier bleibt es nicht bei der Erweiterung des Handlungspotenzials Einzelner. Damit das Theater nicht nur Theater bleibt, werden konkrete Vorschläge, die sich an Institutionen, Verwaltung oder Politik richten, gesammelt und in einem spontanen Stimmungsbild festgehalten. Zuvor sollten Entscheidungsträger in die Projekt-Entwicklung einbezogen werden. Sie sollten bereit sein, die Vorschläge aufzunehmen und in weiterführenden Gremien mit der Zielgruppe zu diskutieren. Angeregt durch die szenische Diskussion der Theater-Foren sollen so positive Impulse aufgegriffen und zur Umsetzung gebracht werden.

Hintergrund

Das Forumtheater ist eine der wesentlichen Methoden des brasilianischen Theatermachers Augusto Boals, die er in "Theater der Unterdrückten" aufgeschrieben(s. Literaturangabe) beschreibt. Im Exil in Peru nutzte dieser das Theater als Mittel der Alphabetisierung. Hier entdeckte er, dass die Zuschauer nicht nur die Experten für ihre jeweilige soziale und gesellschaftliche Situation waren, sondern dies viel authentischer ausdrücken konnten als die Schauspieler. Er entwickelte das Forumtheater, in dem die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgehoben wurde und das Publikum eigenständig in das Geschehen eingreifen konnte.

Einsatzmöglichkeiten:

Heute wird Forumtheater weltweit eingesetzt:
  • In der Präventionsarbeit (Aids-, Gewalt-, Mobbing-, Suchtprävention)
  • Als Methode der Konfliktbearbeitung
  • In der Antirassismusarbeit
  • Im Trainieren von Zivilcourage
  • Als Methode des Empowerments

Das Besondere

Forumtheater spricht alle Personengruppen unabhängig von ihrer kognitiven Intelligenz oder ihrem Bildungsstand an. Selbst sprachliche Hürden schmelzen dahin, da das Medium Theater Kommunikationsmöglichkeiten auf allen Ebenen bietet. Hier sprechen die Bilder, Emotionen, Körperhaltungen, Tonlagen, Gesichtsausdrücke evtl. auch Musik und Tanz. Forumtheater wird in hohem Maße von Gruppen akzeptiert, die sich ausgeschlossen fühlen, wenig Vertrauen in pädagogische Angebote haben und kulturelle oder politische Veranstaltungen nicht besuchen würden. Sie merken sehr schnell, dass sie hier im Mittelpunkt stehen. Ihre Meinung und ihr Können sind hier gefragt. Um dieses Vertrauen zu wecken, bedarf es allerdings der entsprechenden Haltung der Spielleitung, die das Publikum ernst nehmen muss und bereit sein sollte, von den Zuschauern zu lernen.

Literatur/Links

Baumann, Till: "Theater im Dialog: heiter, aufmüpfig und demokratisch", in: Wiegand, Helmut (Hrsg.): "Von der Politisierung des Theaters zur Theatralisierung der Politik", Hannover 2001.

Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten, Frankfurt a.M. 1989.

Wilckens von Hein, Friderike: Vom individuellen Erleben zum Theater zur politischen Partizipation, http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/
pdf/gastbeitrag_wilckens_kor_100625.pdf

(PDF-Version: 109 KB)

www.forumtheater-inszene.de
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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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