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kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Carmen Mörsch

Kunstvermittlung in der kulturellen Bildung: Akteure, Geschichte, Potentiale und Konfliktlinien

Landschaften abzeichnen oder sich im Museum die Kunstwerke in einer Führung "erklären" lassen - so sieht Kunstvermittlung heute nicht mehr aus. Die Entwicklung der Kunstvermittlung als Teil der kulturellen Bildung in Deutschland war und ist stets mit historischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Vereinnahmungen verknüpft.

"Live und in Farbe" etwas selbst gestalten, ist ein wichtiger Teil kultureller Bildung in der visuellen Kunst. Aber es gehört noch viel mehr dazu, wie der aktuelle Themenschwerpunkt zeigt."Live und in Farbe" etwas selbst gestalten, ist ein wichtiger Teil kultureller Bildung in der visuellen Kunst. Aber es gehört noch viel mehr dazu, wie der aktuelle Themenschwerpunkt zeigt.

In der niedersächsischen Stadt Oldenburg findet im Oktober 2011 zum dritten Mal das Festival "ausgezeichnet" statt. Dem englischen Vorbild "The Big Draw" folgend, lädt das Festival die Stadt zur Auseinandersetzung mit dem Medium Zeichnung ein. Über mehrere Wochen haben Bildungsinstitutionen (verschiedene Schulen und die Universität), Künstlerinnen und Künstler sowie Kultureinrichtungen (Museen, Theater, freie Träger) in Projekten zusammengearbeitet und zeichnerisch experimentiert. Dieses Mal geht es um die Verknüpfung von Zeichnung und Musik. Die Ergebnisse werden in der "Mohrmann-Halle", einem ehemaligen Industriegebäude, ausgestellt. Die Kunstschule KLEX, die seit 1984 außerschulische kulturelle Bildung vor allem für Kinder und Jugendliche anbietet, ist Veranstalterin des Festivals. Anna Zosik, Künstlerin und Mitbegründerin von "eck_ik, Büro für Arbeit mit Kunst", das von Berlin aus Kunstvermittlung mit künstlerischen Mitteln verwirklicht, verantwortet die Leitung von "ausgezeichnet". Das "Netzwerk Kulturelle Bildung in der Stadt Oldenburg" veranstaltet anlässlich der Ausstellung ein Treffen, im Rahmen dessen Eva Sturm, Professorin an der örtlichen Universität, zu einem Fachvortrag eingeladen ist. Der Vortragstitel verspricht, den Auftrag der Kunstvermittlung in seinen Wandlungen und Kontinuitäten während der letzten zwanzig Jahre zu reflektieren. Finanziert wird das Festival unter anderem von der Stiftung Niedersachsen, der Oldenburgischen Landschaft sowie von der Stadt.


Akteure in der Kunstvermittlung

Dieses Beispiel veranschaulicht die vielfältigen Akteure, die in Deutschland gegenwärtig das Arbeitsfeld der Kunstvermittlung gestalten: Schulen, Museen und andere Kulturinstitutionen, Vereine, Verbände und Netzwerke, Stiftungen und die öffentliche Hand, Universitäten, nonformale Einrichtungen wie freie Kunstschulen, von Künstlerinnen und Künstlern, Kunstvermittlerinnen und -vermittlern gegründete Kleinstunternehmen, sowie selbstständig arbeitende Einzelkünstlerinnen und -künstler – und natürlich die Teilnehmenden. Dass im Rahmen des Festivalprogramms ein Fachvortrag gehalten wird, verweist auf ein relativ neues Bedürfnis nach Selbstreflexion und Theoretisierung im Arbeitsfeld Kunstvermittlung, was wiederum als Zeichen für einen wachsenden Grad der Ausdifferenzierung und Professionalisierung gelesen werden kann. Und die ausgediente Industriehalle, die heute wie so viele ähnliche Gebäude eine Umnutzung als Kulturort erfährt, illustriert im Hintergrund, dass sich Kunstvermittlung in Europa und in Deutschland zusammen mit dem Kapitalismus, der Veränderung des Gesellschaftsgefüges im Zuge der Aufklärung und des damit einhergehenden Wandels der Rolle von Kunst entwickelt hat.

Reformpädagogik und Freiheit in der Kunsterziehung

Die von der Reformpädagogik beeinflusste deutsche Kunsterziehungsbewegung richtete sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen das bis dahin an der Regelschule praktizierte Zeichnen nach der Natur und das geometrische Zeichnen. Sie setzte diesem die Vorstellung vom "Künstler im Kinde" und die pädagogische Notwendigkeit des freien Ausdrucks des Individuums entgegen. Dem "Bilden mit Kunst" wohnt damit von Beginn an ein Moment der Emanzipation, der Befreiung von Zwängen, inne. Doch "freier Ausdruck" bedeutete schon damals nicht Zweckfreiheit. Ähnlich wie bei Friedrich Schiller, der in seiner 1801 erschienenen Publikation "Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen" [1] ästhetische Erziehung als ein Werkzeug entwirft, um die Persönlichkeitsentfaltung des Individuums bei gleichzeitiger Vermeidung eines politischen Kampfes gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse zu ermöglichen, artikulierten sich auch in den Schriften der Kunsterzieherbewegung Ziele. "Denn die Erneuerung der künstlerischen Bildung unseres Volkes ist in sittlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht eine der Lebensfragen unseres Volkes" schrieb Alfred Lichtwark, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, der als Begründer der musealen Kunstvermittlung in Deutschland gilt, in seinem Aufsatz "Der Deutsche der Zukunft". Dieser erschien in der Publikation zum ersten Kunsterziehertag in Dresden im Jahr 1901. Künstlerische Bildung erscheint hier als Mittel, Deutschland als starke Wirtschafts- und Kulturnation zu behaupten. Jüngere historische Studien zeigen damit korrespondierend auf, dass die Einführung und Institutionalisierung von Kunstpädagogik in den Kolonien die Funktion hatte, europäische Wertvorstellungen und Regierungsweisen durchzusetzen [2]. Die drei in dem Zitat von Lichtwark aufscheinenden Wirkungszuschreibungen bezüglich der individuellen Persönlichkeitsstruktur, der Ökonomie und dem staatsbürgerlichen Selbstverständnis bzw. der nationalen Identität haben sich bis heute im Prinzip kaum verändert. Sie sorgen weiterhin für Kontroversen und für – glücklicherweise nie abgeschlossene – Positionsbestimmungen im Arbeitsfeld der Kunstvermittlung. Ein weiteres Spannungsverhältnis, das sich schon bei Lichtwark abzeichnet, betrifft die Frage der sozialen Inklusion als Anforderung und Ziel von Kunstvermittlung: Lichtwark, der selbst aus armen Verhältnissen kam, verfolgte den Anspruch, kulturelle Bildung für alle Bevölkerungsschichten zu ermöglichen, führte aber seine "Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken" [3] mit Schülerinnen aus der höheren Töchterschule durch. Genauso wie die Museen setzen sich auch die freien Kunstschulen, die sich seit den 1960er-Jahren in Deutschland gründeten, bis heute damit auseinander, dass sie mehrheitlich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus wohlsituierten Elternhäusern mit bereits vorhandenem Kunstsinn erreichen.

Im Nationalsozialismus wurde kulturelle Bildung gleichgeschaltet und in den Dienst der Diktatur gestellt. Dies bedeutete das weitgehende Ende der Reformpädagogik in Deutschland. In den 1950er-Jahren dominierte zunächst ein auf die ästhetische Form, auf reine Anschauung, Innerlichkeit und Spiritualität ausgerichtetes Verständnis von "musischer Bildung", das bewusst eine politische Positionierung vermied. Hierbei geriet aus dem Blick, dass auch die Konzentration auf Form und Wahrnehmung eine politische Position beinhaltet. So stand beispielsweise die abstrakte Moderne in dieser Zeit für die Freiheit des Westens, wie sich unter anderem an der ersten Documenta 1955 ablesen lässt [4].

Fußnoten

1.
Berghahn, Klaus (Hg.): Friedich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen: In einer Reihe von Briefen: Mit den Augustenburger Briefen. Stuttgart, 2000
2.
Vgl. Irbouh, Hamid: Art in the service of colonialism: French art education in Morocco, 1912-1956. London, 2005
3.
Lichtwark, Alfred: Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken: Nach Versuchen mit einer Schulklasse herausgegeben von der Lehrervereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung. Berlin, 1902
4.
Grasskamp, Walter: Museumsgründer und Museumsstürmer. Zur Sozialgeschichte des Kunstmuseums. München, 1992
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