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kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG)

Politiken des Raumes - Strategien und künstlerisches Handeln

Demonstrierende Kühe, Fitness-Studios als Energielieferanten, umbenannte Straßenschilder – So kann künstlerische Praxis aussehen, die den Anspruch hat, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Die Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT agiert an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft, Wissenschaft und Politik.

Stromaktivisten (c) REINIGUNGSGESELLSCHAFTStromaktivisten (© REINIGUNGSGESELLSCHAFT)

Regenerative Kunst und die Ausbildung sozialer Werte

Wie lässt sich die Idee einer Gesellschaft aus einer künstlerischen Perspektive entwickeln, die den Anspruch erhebt, übergreifend, eingreifend und verbindend in die soziale Lebenswelt zu wirken? Wachstum und Wohlstand müssen neu interpretiert und neue Wachstumsindikatoren definiert werden, die für eine zukunftsfähige Entwicklung erforderlich sind. Eine der größten gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen ist, dass das Wachstum an seine Grenzen stößt.


Mit dem Pilotprojekt "Power the City! - Die Stromaktivisten" [1] mischt sich die Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT in die Debatte um erneuerbare Energien ein, indem sie eine neue Energieform erschließt und ungefragt ins Netz einspeist. In einem Fitnessstudio werden Trainingsgeräte zur Energiegewinnung genutzt. Beim Training aufgewendete Kraft wird in elektrischen Strom umgewandelt.

Dafür werden in einem Berliner Fitnessstudio vier Spinning Bikes mit Generatoren ausgestattet, welche den erzeugten Strom ins Netz einspeisen. Mit der Einspeisung sauber erzeugter Energie lässt sich die ökologische Bilanz des Energiemix im Netz positiv verändern. Die erstrampelte Energie aus dem Fitnessstudio hilft, den Bedarf an Kohle- bzw. Atomstrom zu verringern. Das Fitnessstudio als Kleinstkraftwerk unterstützt auch den zukunftsweisenden Ansatz zur Dezentralisierung der Energieversorgung. Mit der Verringerung der Abhängigkeit von einer zentralisierten Stromversorgung werden kleinteilige, selbstorganisierte Strukturen gestärkt.

Die Stromaktivisten sind Kunden und Gäste eines Fitnessstudios in Kreuzberg, einem Berliner Stadtteil mit hohem Migrantenanteil. Es ermöglicht die Beteiligung von jugendlichen Fitnessstudiobesuchern, welche selten in ökologische und ökonomische Diskurse eingebunden sind. Die Aktivierung ihrer Energie stellt beispielhaft die Frage nach ihrer Rolle als gesellschaftliche Impulsgeber.

Die (Re)Sozialisierung der Kunst

Was kann Kunst zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen? Resozialisierung von zeitgenössischer Kunst bedeutet vor allem die Auseinandersetzung und das Agieren innerhalb der Gesellschaft als Teil des künstlerischen Handelns. Resozialisierung kann deshalb auch als Repolitisierung verstanden werden. Sie fordert von der Kunst die Rückgewinnung eines Verhältnisses zur gesellschaftlichen Realität als die Voraussetzung für politische Handlungsfähigkeit und soziale Befreiung. Sie erfordert verantwortungsvolles Handeln und ein kritisches Bewusstsein der Akteure. REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG) betrachtet die Herstellung sozialer Praxis aus dem Blickwinkel ihrer Anwendbarkeit. Praxis bedeutet hier bewusstes Handeln. Bei der Betrachtung dieses Handlungskonzeptes sind nicht nur die Auswirkungen auf die Gesellschaft von Bedeutung, sondern auch die Rückwirkungen.

REINIGUNGSGESELLSCHAFT agiert als Forum, das gesellschaftliche Denk- und Handlungsräume interdisziplinär vereint. Mit den Projekten der RG werden emanzipatorische Prozesse für alle Beteiligten bewusst gemacht und damit Voraussetzungen für gesellschaftliche Erneuerungen geschaffen. Die RG drückt diese Zielsetzung in ihrem Namen aus und versteht unter Reinigung den Prozess der Erneuerung. Der Künstler wird zum Akteur im gesellschaftlichen Prozess und seine Aktivitäten berühren verschiedene Lebensbereiche. Diese Definition besagt, dass Kunst die Aufgabe hat, Teil einer öffentlichen Wertedebatte zu sein und zu gesellschaftlichen Entwicklungen beizutragen. Künstlerische Praxis wird zum sozialen Prozess und fügt politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen eine zusätzliche Dimension hinzu. Es werden Handlungskonzepte entwickelt, die sich auf strukturelle Weise mit ökonomischen und sozialen Verhältnissen beschäftigen.

Handlungsfelder (c) REINIGUNGSGESELLSCHAFTHandlungsfelder (© REINIGUNGSGESELLSCHAFT)
REINIGUNGSGESELLSCHAFT löst das Konzept der persönlichen Autorenschaft durch einen integrierenden Arbeitsansatz auf. Partner in den verschiedenen Projekten werden zu emanzipierten Protagonisten. Alle teilnehmenden Personen haben die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Vorstellungen mit einzubringen. Die Möglichkeit der direkten Partizipation integriert Personen und befähigt sie, als unabhängige politische Individuen zu handeln.

Fußnoten

1.
für weitere Informationen, siehe www.reinigungsgesellschaft.de/projekte/projekte.htm, abgerufen am 20. August 2011.
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