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kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Anja Besand
Marie-Luise Lange
Sara Burkhardt

"Aber natürlich ergreife ich Partei" Über die Eigentümlichkeiten von Kunst und Politik in Bildungskontexten.

Ein Gespräch zwischen Anja Besand, Sara Burkhardt und Marie-Luise Lange

Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede von politischer Bildung und Kunstpädagogik, wo kann es sinnvoll sein, Kunst und Politik zusammen zu denken, und wie sind Ideen in die Praxis umsetzbar? Eine lebhafte Diskussion dreier Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Kunstpädagogik, Kunsttheorie und Politikdidaktik.

Ein Gespräch dreier Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Kunstpädagogik, Kunsttheorie und Politikdidaktik über politische und kulturelle Bildung. (© 2011 Bundeszentrale für politische Bildung)



Dieses Gespräch steht am Ende einer ganzen Reihe von Ereignissen, Begegnungen und Diskussionen. Begonnen hat alles mit einer Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung. Es folgte ein Seminar an der Technischen Universität Dresden, in dem Studierende der Fächer Kunstpädagogik und Gemeinschaftskunde zusammen über die Möglichkeiten einer Kooperation ihrer Fächer nachgedacht haben. Es gab eine Tagung im Deutschen Hygiene Museum, es wurden Projekte realisiert, und am Ende all dessen steht der Austausch zwischen unterschiedlichen Autorinnen und Autoren in einem Buch [1]. Es gab während des Prozesses Irritationen, Missverständnisse und Augenblicke, in denen deutlich wurde, dass Kunst und Politik und Kunstpädagogik und politische Bildung eben manchmal doch sehr unterschiedliche Dinge sind.

"Missbrauche mich!", so nannte Michael Wehner, Referent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg seinen Beitrag auf der Tagung "Inspiration!" in Dresden. Er plädiert für eine politische Bildung, die sich die Strategien der Kunst zum eigenen Nutzen zu eigen macht. Das sorgte für einigen Wirbel und tat ganz offensichtlich einigen weh.

Instrumentalisierung war der Vorwurf, der da zu hören war. Aber ist das nicht ein Problem, das es an der Schnittstelle von Kunst und Politik gibt? Nutzen sie sich gegenseitig nur aus? Bleibt einer von beiden notwendigerweise auf der Strecke? Oder passiert das schon ganz von alleine, wenn Kunst beispielsweise politisch wird?

Es folgt nun ein Gespräch, in dem drei Akteurinnen und Autorinnen auf der Grundlage dessen, was sie erfahren, gelernt und gelesen haben – über die Chancen und Probleme zwischen kultureller, künstlerischer und politischer Bildung debattieren. Für die politische Bildung: Prof. Dr. Anja Besand, für die Kunstpädagogik Jun.-Prof. Dr. Sara Burkhardt und für Kunsttheorie und Kunstpädagogik Prof. Dr. Marie-Luise Lange. Für die Veröffentlichung im Internet wurde das Gespräch gekürzt und geglättet, es ist jedoch so weit wie möglich authentisch wiedergegeben.

Vorsicht vor Instrumentalisierung und Ideologisierung

Anja Besand: ... Es ist ein Problem, das wir an der Gelenkstelle zwischen Kunst und Politik haben – eine wahrhaft engagierte Kunst? Ist es nicht so, je engagierter sie ist, desto instrumenteller ist sie auch? Wenn wir uns eine Kunst vorstellen, die sich wirklich ganz stark einer Sache verschreibt, wirkt sie erstens dadurch ideologisch? Ist das zweitens dann nicht auch instrumentell? (Schnaufen der anderen)


Marie-Luise Lange: Ja, aber da kann man ja wirklich nur mit dem Schlingensief-Beispiel antworten. Der ist für mich wirklich jemand, der engagierte Kunst gemacht hat, aber in der Lage war, sie nicht zu ideologisieren, weil er sie selber immer wieder in Frage gestellt hat. Also er hat dieses Afrikadorf gebaut und hat Stücke gemacht, in denen er es ganz toll fand und präsentiert hat. Und im nächsten Stück Intolleranza II hat er es genau wieder zurückgenommen. Er hat gesagt: WIR KÖNNEN NICHT DAHIN GEHEN und können denen sagen was für sie gut ist. Es müsste aus deren Wurzeln kommen. Und das in ganz kurzer Zeit, binnen anderthalb Jahren, obwohl er visionär total erfüllt war von dieser Idee. Und das ist es für mich. Immer wieder, wenn ich etwas gefunden habe, die Gegenfrage zu stellen. Mich Widersprüchen und Zweifeln auszusetzen. Da sehe ich eine Vision drin, dass jemand das kann und dass wir alle das können.


Sara Burkhardt: Und das schützt natürlich auch vor Instrumentalisierung und auch vor Ideologisierung.


Anja Besand: Aber ich frage mich trotzdem, ob wir noch so schrecklich viele Beispiele finden, bei denen es so funktioniert. Also bei Schlingensief funktioniert das.

Marie-Luise Lange: Wir könnten ja mal nach dem Gegenbeispiel suchen!

Anja Besand: Nehmen wir doch die Yes Men, die finden wir doch gut, und trotzdem ist das hier nicht so einfach. Nehmen wir das Bhopal-Projekt [2]. Das ist ja politisch nicht besonders vieldeutig, das ist eine eindeutige Stellungnahme gegen einen bestimmten Konzern, der für eine schreckliche Katastrophe verantwortlich ist, aber nicht zu dieser Verantwortung steht. Wenn wir das jetzt in den Unterricht hinein nehmen - in den Kunstunterricht - dann ist es vielleicht nicht besonders problematisch, weil man dann sagen kann, die Strategie steht im Vordergrund. Aber im Politikunterricht ist das nicht so einfach, weil die YES Men wirklich ganz eindeutig Partei beziehen, und sie tun das auf eine kraftvolle, vitale Art und Weise, die man unter ethischen Gesichtspunkten durchaus problematisieren kann. Das ist für den politischen Unterricht durchaus schwierig – ich will nicht sagen unmöglich, aber leicht ist das nicht und unter künstlerischen Gesichtspunkte könnte man doch sagen: Da wird Kunst instrumentalisiert um ein politisches Ziel zu erreichen.

Marie-Luise Lange: Ist es denn instrumentell, wenn jemand eine Position bezieht? Liegt es nicht dann bei dem Lehrer sozusagen eine Offenheit zu erzeugen, das bei den Schülern ein Für und Wider im Diskurs entsteht? Also bloß weil jemand eine Position hat, instrumentalisiert er doch noch nicht. Wir sind gerade als Lehrende diejenigen, die das wieder aufmachen wollen und erstmal alles zulassen.

Anja Besand: Aber meine Frage ist: Wenn wir so ein Kunstwerk als Beispiel in den Unterricht hinein nehmen. Ist das dann nicht ein instrumentelles Verständnis von diesem Kunstwerk?

Sara Burkhardt: Also erst mal stellt sich die Frage nach dem Kunstbegriff: Ist es überhaupt als Kunstwerk zu verstehen? Dem würden die sich die Yes Men ja sofort entziehen. Ich würde das auch nicht als künstlerisches Werk sehen.

Anja Besand: Echt? Warum nicht?

Marie-Luise Lange: Wo kommen die her?

Sara Burkhardt: Sie kommen nicht aus dem Kunstkontext und sehen sich meines Erachtens auch nicht im Kunstkontext. Was ja nicht heißt, dass sie nicht durchaus künstlerisch arbeiten dürfen. Man kann sie ja durchaus im Kunstunterricht zeigen und besprechen, und es gibt auch viele, die man damit vergleichen kann, gerade in diesem aktivistischen Milieu, die ähnlich vorgehen. Aber es ist ja auch so eine ethisch schwierige Gratwanderung, die die da vollziehen. Also deswegen finde ich es ja so spannend, weil sie lügen und weil sie Dinge machen, um die Wahrheit zu erkennen, die durchaus über Grenzen hinausgehen, die wir als ethisch akzeptabel oder geschmackvoll bezeichnen würden. Da nehmen sie keine Rücksicht, das nehmen sie in Kauf um so etwas aufzudecken – wie z.B. die Bhopal-Katastrophe - und ins Gespräch zu bringen. Und dafür dürfen sie lügen und Dinge machen, die eigentlich nicht erlaubt sind. Das ist eine Schwierigkeit im Unterricht und im Bildungskontext, eine Schwierigkeit zu sagen: Wie weit darf man gehen? Darf ich solche Dinge tun? Darf ich durchaus ethisch-moralische Grenzen überschreiten? Damit Leute etwas begreifen, damit ihnen ein Licht aufgeht - und wo ist die Grenze?

Anja Besand: Ja, das ist ziemlich schwierig. Aber was an denen gleichzeitig so schön ist, und warum die auch mich so begeistern ist dieser Antifatalismus, der in denen steckt. Also radikal antifatalistisches Verhalten nach dem Motto: "Fix the World". Die Dinge, die normal so kompliziert aussehen, wieder ganz einfach zu machen und zu sagen: Okay, wir reparieren jetzt mal Dinge die wir sehen und von denen alle sagen: Da kann man nichts machen. Und das ist das Verlockende an dieser Arbeit, auch für die politische Bildung. Da haben wir ein Modell - mit Ecken und Kanten, aber die kann man ja besprechen - was dem verbreiten Fatalismus, den wir gerade im politischen Bereich haben, entgegengesetzt werden kann und das so ganz erfrischend pragmatisch die Dinge in die Hand nimmt.

Sara Burkhardt: Ja, da geht es ja auch über den Finger auf die Wunde halten hinaus, also das ist ja nicht nur zeigen "Da liegt das Problem" sondern auch schon Handeln.

Anja Besand: Gleichzeitig findet sich die Schule in diesem Dilemma, dass sie einerseits möchte, dass die Schüler in Handlung kommen, aktiv werden und dass sie - wenn sie das dann tatsächlich machen - leicht schockiert darauf reagiert. Es fängt ja schon an, wenn sich Klassensprecher doch mal gegen ihre Lehrerinnen und Lehrer wenden. Oder wenn eine SV tatsächlich aktiv wird. Also man will sie zwar haben, aber wenn sie dann aktiv wird und sich auch gegen irgendwelche Strukturen wendet, die in der Schule üblich sind, dann wird es eben häufig doch sehr schwierig.

Marie-Luise Lange: Aber liegt es dann nicht an den Charakteren und der Mentalität der Lehrenden?

Sara Burkhardt: Nein, es liegt meines Erachtens eher am System Schule. Es ist doch keine Charakterfrage, was ich zulasse.

Marie-Luise Lange: Ja, Charakter ist vielleicht das falsche Wort. Da hast du Recht. Aber ich glaube es liegt eher an der Ausbildung wie jemand letztendlich gestrickt ist, um mit diesen Dingen umzugehen. Weil das immer auch heißt, Kritik zuzulassen. Das ist das Beispiel vom Klassensprecher. Möchtest du soweit gehen, dass der Klassensprecher dich kritisiert?

Fußnoten

1.
Besand, Anja (Hrsg.): Kunst trifft Politik (Arbeitstitel). Bonn. Erscheint im Frühjahr 2012.
2.
Beim Bhopal-Projekt gab Andy Bichlbaum von den Yes Men sich als Chef des Industriekonzerns Dow Chemical aus, der für eine verheerende Chemiekatastrophe in Bhopal verantwortlich ist. In einem Interview, das auf BBC ausgestrahlt wurde,entschuldigte sich Bichlbaum im Namen von Dow Chemial für die Katastrophe und sprach den Betroffenen eine Entschädigung zu. Das Interview wurde zwei Mal gesendet, bis die Inszenierung aufflog, BBC die Meldung für falsch erklärte und sich entschuldigte.
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