kulturelle Bildung

20.12.2011 | Von:
Burkhard Jellonnek

Filmbildung und politische Bildung

Zudem erweist es sich als förderlich für die SchulKinoWochen, dass nicht eben wenige mit den Filmfestivals der Republik zusammenarbeiten. Nicht immer springt dabei noch ein Preis wie der Filmkulturpreis Mannheim-Heidelberg heraus, den Vision Kino für seine Zusammenarbeit mit dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg [3] einheimste. Auch die Zusammenarbeit mit dem führenden deutschen Nachwuchsfestival, dem Saarbrücker Film-Festival Max Ophüls Preis [4], brachte die SchulKinoWochen in Kontakt zu vielen aufstrebenden jungen deutschsprachigen Filmemachern und ihren ambitionierten Projekten. Saarbrücken war Ausgangspunkt des Durchbruchs für Filme wie "Kombat 16", der tief in die rechtsextreme Szene eintaucht, oder "Tausend Ozeane", der das Thema Koma-Patienten in den Mittelpunkt stellt. Diese Zusammenarbeit hat auch dazu geführt, das mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung kleine Kinowochen in Zusammenarbeit mit dem Filmfestival Max Ophüls Preis durchgeführt werden, bei denen brandaktuelle, jugendaffine Filme vorgestellt und mit den Schülern diskutiert werden. In Saarbrücken vergibt sogar eine deutsch-französische Schülerjury ihren eigenen Preis: Anhand der Jurybegründungen und der von den jungen Leuten getroffenen Entscheidungen kann man sehen, auf welch hohem Niveau Film von der Zielgruppe rezipiert werden können.

Filmbildung und politische Bildung

Am Beispiel der saarländischen Landeszentrale für politische Bildung kann man ersehen, wie über die nunmehr seit zehn Jahren durchgeführten SchulKinoWochen mit Sonderveranstaltungen die Filmbildung im Land kontinuierlich ausgebaut worden ist. In Zusammenarbeit mit dem dafür zuständigen Landesinstitut für Pädagogik und Medien werden mehrmals im Jahr Lehrerfortbildungen zu einzelnen Spielfilmen, zur SchulKinoWoche oder zur Medienerziehung im Allgemeinen angeboten. Seit Jahren hat man mit dem Einsatz nationalsozialistischer Propagandafilme aus dem Fundus der Friedrich-Murnau-Stiftung wie "Jud Süss", "Hitlerjunge Quex" oder "Triumph des Willens", vor- und nachbereitet durch Historiker und Medienpädagogen, über zehntausend Jugendliche erreicht. Gerade vor dem Hintergrund der langsam aber sicher rar werdenden Zeitzeugen-Generation von Holocaust-Überlebenden bieten die Filme ein authentisches Zeitzeugnis, das beeindruckend zeigt, welch horrible Wirkung Filme haben können. Immer wieder gelingt es etwa, anhand des nur mit pädagogischer Vor- und Nachbereitung zu zeigenden Filmes "Jud Süss" (Regie: Veit Harlan, 1940) Jugendlichen zu demonstrieren, wie ein Film seine Botschaften vermittelt und wie der Betrachter auch heute noch in den Bann eines solchen Filmes gezogen werden kann. Sich anschließende, immer wieder sehr lebhafte, wie lebendige Diskussionen zeigen, dass Schülerinnen und Schüler die Mechanismen entlarven können und gegen derartiges Gedankengut immunisiert werden können. Der Film macht auch heute noch deutlich, warum so viele Menschen damals die antisemitischen Botschaften gehört und übernommen haben. Gerade der Filmeinsatz von "Jud Süss" oder auch "Hitlerjunge Quex" (Regie Hans Steinhoff, 1940) zeigt, dass Filmbildung sehr anschaulich sein und in ganz andere Dimensionen vorstoßen kann als jeder wohlmeinende Frontalunterricht, sei er noch so wissenschaftlich unterfüttert.

Was am Beispiel der nationalsozialistischen Vorbehaltsfilmefilme als Negativfolie gilt, lässt sich für aktuelle ambitionierte Spiel- und Dokumentarfilmregisseure aber auch im Positiven formulieren. Viele von ihnen arbeiten buchstäblich am Puls der Zeit, decken in zum Teil jahrelanger Vorbereitungszeit gesellschaftliche Zu- und Missstände auf und legen buchstäblich den Finger in die Wunde. Die Notwendigkeit, ihr Publikum mit ihrem Anliegen zu erreichen, führt nicht selten dazu, dass sie es selbst bei komplexen Themen schaffen, die Konflikte auf den Punkt zu bringen und sehr anschaulich zu gestalten. Davon kann politische Bildung mit Blick auf die Zielgruppe junger Menschen profitieren, die hier politische Stoffe einprägsam, oft heruntergebrochen auf Einzelschicksale, aufbereitet bekommen. Als kleines Beispiel mag der Dokumentarfilm "Plastic Planet" des Österreichers Werner Boote (2011) angeführt werden, der in zwei Stunden das gravierende Problem der Umweltzerstörung durch die Verklappung von Plastikmüll in den Weltmeeren als Dokumentarfilm herausarbeitet. Der Regisseur ist dafür rund um den Erdball gereist, hat mit Fachwissenschaftlern Interviews geführt und zeigt, wie die Verursacher versuchen, über Lobbyarbeit das gravierende Problem unter den Tisch zu kehren. Der Film ist aktueller als jedes Curriculum aus der Schublade und kann als Diskussionsgrundlage für die Beschäftigung mit Umwelt- und Naturzerstörung gelten. Aktueller und griffiger kann Unterricht nicht sein.

Fußnoten

3.
Website des Festivals: www.iffmh.de
4.
Website des Festivals: www.max-ophuels-preis.de
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen