Ein Finger vor schwarzem Hintergrund klickt auf das blaue Logo einer Social-Media-App.

2.5.2019 | Von:
Stephan Russ-Mohl

Von der Aufmerksamkeits-Ökonomie zur desinformierten Gesellschaft?

Die Desinformations-Flut in den Medien, Suchmaschinen und sozialen Netzwerken lässt sich als Ergebnis einer medienökonomischen Entwicklung verstehen. Verantwortlich für eine Verbesserung der Situation sind aber nicht nur die Plattformen, sondern auch das Publikum und die Politik. Warum Europa "Allianzen für die Aufklärung" braucht.

Zwei Mobiltelefone auf einem Tisch mit Informationsangeboten zur Europa-Wahl 2019.Internetangebote zur Europawahl von bpb.de und tagesschau.de. Lizenz: cc by/3.0/de (CC, Stefan Lampe für bpb.de)

Je abstruser die Lügengeschichten, desto mehr Anklang finden sie oftmals in den virtuellen Resonanzräumen. Leider geht es nicht nur um Falschnachrichten und auch nicht um journalistische Übertreibungen. Frei erfundene Infamie, Viertelwahrheiten, Konspirationstheorien, Hassbotschaften, Propaganda – kurz: Desinformation ist zur Pest der digitalisierten Medien und damit auch zu einer ernsten Bedrohung unserer Demokratie geworden. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, wie sich mentale Umweltverschmutzung eindämmen lässt.

Zwei Trends, die sich überlagern, haben dazu geführt, dass wir es mit einer ganz anderen, neuen Dimension des Problems zu tun haben. Der erste, der Vertrauensverlust der Medien, war bereits in den 1990er Jahren beobachtbar: In Deutschland hatten die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Mitte der 1960er Jahre begonnen, in Mehrjahresabständen messen zu lassen, wie das Publikum die Glaubwürdigkeit von Medienberichterstattung wahrnimmt. Die ermittelten Werte in dieser "Langzeitstudie Massenkommunikation" zeigten schon damals regelmäßig nach unten. Je nachdem, welcher Umfrage man sich in der Gegenwart bedient, geht es weiter in den Keller, oder die Werte haben sich auf erschreckend niedrigem Niveau stabilisiert.

Die Übermacht der Public Relations

Der langfristige Glaubwürdigkeitsverlust dürfte damit zu tun haben, wie Journalismus über Jahrzehnte hinweg von Public Relations umgarnt, durchdrungen und usurpiert wurde. 1998 präsentierte der österreichische Sozialforscher und Ökonom Georg Franck sein Konzept der "Aufmerksamkeitsökonomie"[1]. Er zeichnete nach, wie Institutionen, aber auch Prominente, Politiker und CEOs immer mehr nach Präsenz in der Öffentlichkeit gieren. Diese wachsende Konkurrenz um Publizität hat den öffentlichen Diskurs verändert. Weil Aufmerksamkeit knapp ist und sich in Geld oder Macht ummünzen lässt, wurde und wird immer mehr investiert, um sie zu generieren.

Zugleich sank die Bereitschaft der Mediennutzer, für Journalismus zu bezahlen, so dass viele Redaktionen drastisch schrumpften. In Amerika steht den Journalisten inzwischen eine fünf- bis sechsfache Übermacht an PR-Experten gegenüber. Für den deutschsprachigen Raum fehlen Vergleichszahlen, aber es ist kaum zu bezweifeln, dass eine ähnliche Kräfte- und Machtverschiebung auch bei uns stattfindet. Zunehmende Konkurrenz um Aufmerksamkeit allein reicht allerdings nicht aus, um zu erklären, weshalb sich die Aufmerksamkeits- zur Desinformationsökonomie weiterentwickelt. Es muss sich vielmehr für eine Vielzahl von Akteuren machtpolitisch oder wirtschaftlich lohnen, durch Falschmeldungen Aufmerksamkeit zu erzielen – und das mitunter so massiv, dass Wahrheitsfindungsversuche von Journalisten und Wissenschaftlern ins Hintertreffen geraten.

Desinformation durch Digitalisierung

Genau dies wurde mit dem zweiten Trend innerhalb kürzester Zeit erreicht: Suchmaschinen und soziale Netzwerke haben sich in atemberaubendem Tempo ausgebreitet. Facebook, YouTube und andere Plattformbetreiber behandeln "Content" erst einmal trotz gegenteiliger Beteuerungen gleich – egal ob er stimmt oder nicht, Hauptsache, er erzielt Clicks und taugt, um im Beipack Werbebotschaften zu lancieren. Zugleich beraubten die neuen IT-Giganten die Mainstream-Medienunternehmen ihrer lukrativsten Erlösquelle, der Werbeeinnahmen, weil sie die Zielgruppen der Werbetreibenden ohne Streuverluste erreichen können.

Mit den sozialen Netzwerken und Suchmaschinen konnten sich Falschnachrichten im Journalismus viral verbreiten. Donald Trump betreibt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden Direktkommunikation mit seiner Gefolgschaft über Twitter, und er findet mit seinem neuen "Erfolgsmodell" politischer Kommunikation weltweit Nachahmer. Es sind indes nicht nur Populisten, welche die Möglichkeiten virtuos nutzen, sogenannte "alternative Fakten" zu setzen. Wer "Likes" und "Shares" generieren möchte, um in der virtuellen Welt Stimmung zu machen, benötigt dazu auch keine "Troll-Fabriken" mehr, wie sie in St. Petersburg offensichtlich für den Kreml arbeiten. Billiger ist der Einsatz von Text-Robotern, sogenannten Social Bots. Sie können in sozialen Netzwerken bestimmte Meldungen "pushen" und ihre eigenen Kommentare tausendfach variieren.

Die großen Plattformbetreiber kolonisieren obendrein die Mainstream-Nachrichtenlieferanten. So verteilen Google mit der "Digital News Initiative" und neuerdings Facebook mit seinem "Journalism Project" nicht nur Geld unter Medienhäusern und binden sie auf diese Weise an sich. Die Geldgeber verschaffen sich so auch dank ihrer Ausschreibungen Jahr für Jahr auf geniale Weise einen Überblick, was gerade wo bis in die hintersten Winkel Europas in der digitalen Start up-Szene läuft – und wen sie demnächst aufkaufen müssen, um das eigene Geschäftsmodell nicht zu gefährden.

Gegenwehr

Was lässt sich unter diesen Umständen tun? Ob und wie sich die Desinformations-Epidemie wirksam bekämpfen lässt, wissen wir derzeit noch nicht – wirksame "Impfstoffe" müssen erst gefunden werden. Immerhin ist in letzter Zeit einiges in Bewegung geraten: Im deutschen Sprachraum überprüft das Journalismus-Start up "Correctiv" Facebook-Postings, um der Wahrheit auf die Sprünge zu helfen. Eines der profitabelsten IT- und Medienunternehmen betreibt also Outsourcing seiner "Corporate Social Responsibility", statt sich selbst um die von ihm verursachten gesellschaftlichen Probleme zu kümmern. Diskutiert sowie da und dort auch umgesetzt wird vermehrte Faktenüberprüfung außerhalb von herkömmlichen Redaktionen. Forscher des Reuters Institute in Oxford zählten 2016 weltweit 113 Factchecking-Websites; rund 50 von ihnen sind in Europa beheimatet, und ebenfalls circa 50 sind allein in den zwei Jahren zuvor entstanden.

Aber lässt sich damit genügend Resonanz erzielen? Gerade besonders absurde Nachrichten und Verschwörungstheorien verbreiten sich mitunter erst dann viral, wenn es Bemühungen gibt, sie als solche zu enttarnen. Weitere Forschungen belegen überdies, wie sehr die Echokammern im Netz gegeneinander abgeschirmt sind. Ein italienisch-amerikanisches Forscherteam hat in den USA und in Italien Facebook-Accounts verglichen – solche, die sich redlich um wissenschaftlich oder journalistisch geprüfte Information bemühen, und Linkschleudern, die Unsinn offerieren. Die beunruhigende Erkenntnis: In den sozialen Netzwerken verbreitet sich schrille Desinformation oft weitaus schneller und flächendeckender als die Nachrichten seriöser Anbieter.[2]

Als weiteren Vorschlag zur Bekämpfung der Epidemie forderte der Publizist Milsocz Matuschek mehr "Bullshiterkennungskompetenz", sprich: mehr Medienkunde an Schulen. Dafür braucht es allerdings absehbar Jahre. Es wäre ja erst einmal den Lehrern beizubringen, was selbst hochspezialisierte Medienforscher derzeit sich nur mühselig und partiell an gesichertem Basiswissen anzueignen vermögen.

Ein Teil der medienpädagogischen Initiativen sollte aus verstärkten Aktivitäten der Medien selbst bestehen. Die Medienbranche hat weithin den "C"-Bereich vernachlässigt: Wenn man die Entwicklung umkehren und journalistische Glaubwürdigkeit zurückgewinnen möchte, ist und bleibt es essentiell, Fehler zu korrigieren ("Correction Policies"), sich um Beschwerden über die Berichterstattung zu kümmern ("Complaints Management") und dem Journalismus und den Medien in der Medienberichterstattung mindestens genauso viel Aufmerksamkeit zu widmen ("Coverage of Media by the Media") wie dem sonstigen Kulturbetrieb.

Europäische Herausforderungen

Letztlich ist nicht nur die Regulierung der IT-Giganten und die Verteidigung unserer Privatsphäre eine europäische Herausforderung. Wenn die EU es ernst meint mit Desinformationsbekämpfung, sollte sie statt über neue Behörden zur Fake-News-Bekämpfung nachzudenken und Millionen in PR zu investieren, den Journalismus fördern. Und zwar in einer Weise, die dessen Unabhängigkeit und Kompetenz steigert, also mit Investitionen in Aus- und Weiterbildung sowie in mediale Infrastrukturen wie Selbstkontrollorgane. Die EU hätte auch aufzupassen, dass der Journalismus – wie in einigen Ländern Ost- und Südeuropas – nicht mehr und mehr von Oligarchen gesteuert wird, die ihrerseits Handlanger und Günstlinge politischer Machthaber sind. Journalistische Stimmenvielfalt und Kritikfähigkeit mutierte so in Ländern wie Ungarn und Polen zu immer mehr propagandistisch-medialem Einheitsbrei.

Gerade weil sich die Journalismus-Kulturen in Europa so krass unterscheiden und weil es bisher keine "europäische Öffentlichkeit” gibt, hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk überall dort, wo er noch nicht zum Staatsfunk und Propagandainstrument degeneriert ist, an vorderster Front Desinformation zu bekämpfen sowie durch entsprechende mehrsprachig ausgestrahlte Nachrichten- und Programmangebote dem europäischen Projekt neue Schubkraft zu verleihen. Wie man das macht, lässt sich vom viersprachigen Programm- und Integrationsangebot des öffentlichen Rundfunks in der Schweiz lernen.

Wir haben uns von den wunderbaren Scheinbar-Gratis-Offerten der IT-Giganten längst existentiell abhängig gemacht. Wegzudenken sind sie aus unserem Leben nicht mehr. Aber etwas verantwortungsvoller umgehen mit den sozialen Medien könnte jeder von uns schon. Wir sollten selbst prüfen, bevor wir impulsiv etwas "liken", wir sollten vorsichtiger teilen – und vor allem uns unseres eigenen "Confirmation Bias" bewusst werden, der dazu führt, dass wir Nachrichten bevorzugen, die unsere Vorurteile bestätigen. Und wir sollten uns bewusst sein, dass die Algorithmen uns so bedienen, dass wir uns in unserer Filterblase möglichst wohl fühlen, um so möglichst lange im jeweiligen sozialen Netzwerk zu verweilen. Vielleicht sollten wir einfach in unseren "Freundeskreis" ein paar Leute aufnehmen, die nicht die eigenen Überzeugungen teilen.

Fußnoten

1.
Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München 1998.
2.
Vgl. Del Vicario, Michala et al.: The spreading of misinformation online. In: PNAS, 113 (3), 2016, S. 554-559.
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