Ein Finger vor schwarzem Hintergrund klickt auf das blaue Logo einer Social-Media-App.

2.5.2019 | Von:
Alexander Sängerlaub

Katz-und-Maus-Spiel mit Desinformation: Die Möglichkeiten und Grenzen von Faktenchecks

Digitale Öffentlichkeiten konfrontieren Demokratien mit neuen Herausforderungen und das Publikum mit Kognitionsproblemen. Die Richtigstellung von Falschmeldungen kann zwar mit deren Verbreitung nur bedingt mithalten, ist aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine gut informierte und medienkompetente "journalistische Gesellschaft".

Screenshot einer Tutorialseite des Tagesschau-Faktenfinders.Screenshot einer Tutorialseite des Tagesschau-Faktenfinders. (© faktenfinder.tagesschau.de)

Correctiv, der Faktenfinder der ARD und der Faktenfuchs des BR – das sind drei der Angebote, die im Vorlauf der Bundestagswahl 2017 entstanden sind, um gegen Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit mit sogenannten "Faktenchecks" vorzugehen. Die Idee dahinter: falsche Informationen richtigstellen, aufklären über deren Ursprung, die Bevölkerung über Desinformationskampagnen informieren. Desinformation? Das können mutwillig aus dem Kontext gerissene Zitate von Politikern sein, aber auch Memes, also Bilder mit falscher Beschriftung oder manipulierten Abbildungen. Und auch Videos gehören dazu, wie die von Rechtspopulisten, die Lügen über die Tathergänge in Chemnitz verbreiteten[1].

Die sozialen Netzwerke von Facebook bis YouTube sind der Ort, an dem die Falschinformationen sich am schnellsten verbreiten. Aber auch zuweilen klassische Medien fallen auf Falschinformationen herein oder verbreiten diese versehentlich weiter, wenn die nötige Zeit für Verifikation und saubere Arbeit auf der Strecke bleibt, oder Desinformation bewusst gestreut wird. So im Falle der Geschichte über "107 Lungenärzte", welche die Sinnhaftigkeit von Grenzwerten bei Stickoxiden in Frage stellten und deren Aussagen breitflächig in allen Medien Widerhall fanden. In einer aufwendigen Nachkonstruktion durch die taz war einige Tage später klar: die Zahlen zur Grundlage der Berechnung waren falsch, ebenso die dahinter liegende theoretische Annahme und – obendrein – hat der führende Kopf hinter dem Aufruf zu dem Thema selbst nie geforscht.

Herausforderungen durch ein neues, digitales Medienökosystem

Wo etablierte Medien schon zuweilen scheitern, ist es in den Räumen der sozialen Netzwerke noch schwieriger für die Bürgerinnen und Bürger richtige von falschen Informationen zu trennen, die stakkatoartig auf sie einprasseln. Trennungsgebot von Tatsachen und Meinung? Trennung von Journalismus und PR? Unterscheidung zwischen Laieninhalten und Qualitätsangeboten? All das, was in klassischen Medienangeboten der Fall sein sollte, existiert in den sozialen Netzwerken nicht. Allen, die an den Diskursen in den sozialen Netzwerken teilnehmen, wird dabei eine sehr hohe Medienkompetenz abverlangt: Im Schnellverfahren muss man entscheiden, ob eine Quelle vertrauenswürdig, der Inhalt korrekt oder eine Aussage im richtigen Kontext erscheint. Die Rückmeldungen anderer Nutzer durch Emoticons, wie bei Facebook in Form von Emotionen wie Wut und Trauer, sind dabei eher ein Hinweis für das Erregungspotenzial oder den Sensationsgrad, statt für die Güte der Information.

Die Art und Weise, wie Menschen Nachrichten und Informationen beispielsweise via Facebook konsumieren, scheint dabei zusätzliche Kognitionsprobleme zu verursachen. In der Liste der Wahrnehmungsfehler ist dabei vor allem der Confirmation Bias (Bestätigungsfehler) hervorzuheben: "Wissenschaftler haben beobachtet, dass viele Leute eher zum Zeitvertreib in sozialen Netzwerken surfen, aber weniger, um gezielt Nachrichten zu lesen. Sie sind entspannter, nehmen Inhalte eher nebenbei wahr, lesen oft nur Schlagzeilen. Auf den Link zum ausführlichen Artikel klicken sie nicht so oft. In solchen Phasen neigen Menschen dazu, eher Informationen wahrzunehmen, die ihr eigenes Weltbild bestätigen. Die Gefahr: Passt eine Fake News zum Weltbild eines Nutzers, wird sie weniger oft hinterfragt und eher geglaubt."

Mit der Auslagerung "journalistischen Kompetenzen" auf die Nutzerinnen und Nutzer, entfällt damit auch zunehmend das "Gatekeeping", also das einordnen und aufbereiten, durch den Journalismus. Vor allem populistische und extremistische Kräfte nutzen diese Verwerfungen und offenen Flanken des Mediensystems aus, um Desinformation zu streuen – in dafür eigens errichteten Medienangeboten, auf Facebook, auf Twitter, auf YouTube und anderen Plattformen. Das Ziel: Diskurse zu torpedieren, das Vertrauen in Medien und Demokratien zu schwächen und die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren – notfalls mit allen Mitteln. "Hate Speech" als mögliche Begleiterscheinung ist damit eng an Desinformation gekoppelt.

Mit der Verschiebung der Verifikation der Inhalte auf den Zeitpunkt nach der Publikation, versucht nun das Fact-Checking Abhilfe zu schaffen, um verbreiteten Desinformation etwas entgegen zu setzen. Doch der Erfolg des nachträglichen Fact-Checkings scheint fraglich. Die bisherigen empirischen Erkenntnisse sind zuweilen ernüchternd: So verbreiten sich beispielsweise Unwahrheiten im Netz gleich sechsmal schneller als wahre Nachrichten, konstatiert des Massachusetts Institute of Technology (MIT), bei der über 125.000 auf Twitter geteilte Beiträge untersucht wurden (zwei Drittel von ihnen waren dabei faktisch falsch).

Formen des Faktenchecks

Ohne Zweifel ist es keine Möglichkeit, Desinformation unkommentiert auf den Plattformen oder in den Medien stehenzulassen. Korrekturen sind nur nicht notwendig, sondern auch eine Frage der Redlichkeit des jeweiligen Anbieters diese kenntlich zu machen. In der Regel lassen sich vier verschiedene Formen des Fact-Checkings unterscheiden:
  1. Fact-Checking direkt auf den Plattformen: Hier sind für Deutschland vor allem die Angebote von Correctiv und neuerdings auch der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zu verstehen, die mit Google und Facebook zusammenarbeiten, um Falschinformationen direkt auf den Plattformen zu begegnen.
  2. Fact-Checking als eigenes Ressort: Manche Medienangebote, wie tagesschau.de, haben für das Fact-Checking ein eigenes Ressort – in diesem Falle den "Faktenfinder" – geschaffen.
  3. Fact-Checking als klassische journalistische Leistung: Auch klassische journalistische Angebote (wie im Beispiel oben die taz) überprüfen zuweilen die Inhalte anderer Medien und stellen diese richtig, ohne dafür eigene Ressortstrukturen zu schaffen.
  4. Crowd-Fact-Checking: Gerade in den sozialen Netzwerken kommen auch Bürgerinnen und Bürger zum Einsatz, die ebenfalls Fact-Checking betreiben können. Angebote, wie die Reporterfabrik, versuchen dabei die Medienkompetenz zu stärken, um Menschen auf die heutige "journalistische Gesellschaft" vorzubereiten.


Grenzen des Fact-Checking

Die größte Hürde für den Erfolg der Fact-Checking liegt nunmehr ebenso in der Logik der Sache: im Zeitversatz zwischen der Veröffentlichung einer Falschinformation und deren Richtigstellung. Je schneller man reagiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich falsche Informationen nicht weiterverbreiten. Doch die Praxis zeigt – zwischen der Veröffentlichung einer "Fake News" und deren Korrektur können bisweilen schon einmal 24 bis 72 Stunden liegen. Sowohl, weil das Richtigstellen teils aufwendige journalistische Recherchen erfordert, oder die Verbreitung der Falschinformation erst viel später festgestellt wird.[2]

Sind Fake News erst einmal lange im Netz, wird es komplizierter mit der Richtigstellung auch noch Reichweite zu erzielen. Die Veröffentlichung von Informationen in Echtzeit, die heutzutage bedingt das Medienrealität und Realität gleichzeitig sind, ist nicht wieder rückgängig zu machen. Die Folge: Es kann in der Regel erst anschließend geprüft werden, ob eine Information richtig oder falsch ist. Wer nun Desinformation verbreitet, macht sich diese Logik zu Nutze. Die Fact-Checking-Institutionen können somit erst im Nachhinein überprüfen und reagieren. Je nachdem wie aufwendig die Gegenrecherche ist, braucht es Zeit, um "alternative Fakten" zu enttarnen. In der Zwischenzeit haben sich Fake News, gerade wenn sie "Negativismus" oder "Überraschung" beinhalten, bereits viral verbreitet. Die Richtigstellungen haben es dagegen schwerer die gleiche Wirkmächtigkeit in der Reichweite zu erlangen.

Journalismus kann nicht nur aus der Beschäftigung mit dem Falschen bestehen

Und noch einen entscheidenden Punkt gibt es in der Gleichung: Allein das wir uns als Gesellschaft mit Desinformation beschäftigen müssen, ist der erste Erfolg der Populisten. Denn Desinformation verstopft unsere gesellschaftlichen Diskurse. Wie Geröll müssen wir diese erst mühsam beseitigen, bevor richtige Themen wieder auf die tägliche Medienagenda durchdringen können: "Eine Kultur, die sich vor allem auf die Entlarvung des Falschen konzentriert, bringt deshalb nicht schon etwas Richtiges hervor." schreibt der Zeit-Journalist Tobias Haferkorn und fasst damit die nüchterne Erkenntnis der großen amerikanischen Zeitungen New York Times und Washington Post zusammen, dass das bloße Auflisten aller Falschbehauptungen von US-Präsident Trump sich als Prinzip schnell abgenutzt hat. So hat die New York Times beispielsweise ihre Listen über "Trump’s Lies" bald nach Amtsantritt wieder eingestellt.

Mit diesen Erkenntnissen auf dem Tableau, lässt sich das Fact-Checking als eine Maßnahme gegen Desinformation neu bewerten. Als Institution der Medienbildung und -kompetenz, Gradmesser für Desinformation in der Öffentlichkeit sowie der Möglichkeit auch über diese Formate Transparenz über das Entstehen öffentlicher Diskurse herzustellen, übernimmt es eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Dafür sollten auch Ressourcen und Mittel in größerem Umfang bereitgestellt werden. Denn der beste Schutz vor Desinformationskampagnen ist und bleibt eine gut informierte und mediengebildete Öffentlichkeit sowie das Vertrauen in die Arbeit der journalistischen Institutionen, die versuchen jeden Tag hochwertigen Qualitätsjournalismus zu liefern, ohne der rein datengetriebenen Verlockung der Aufmerksamkeits- und Plattformökonomie zu erliegen. Für uns als "journalistische Gesellschaft" in den digitalen Öffentlichkeiten bedeutet diese Veränderung vor allem eine alte journalistische Weisheit mehr denn je zu berücksichtigen, wenn wir Informationen erstellen, konsumieren oder weiterteilen: "Be first, but first be right."

Fußnoten

1.
 Vgl. Sängerlaub, Alexander/Meier, Miriam/Rühl, Wolf-Dieter: Fakten statt Fakes. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von Fake News im Bundestagswahlkampf 2017. Stiftung neue Verantwortung 2018 (PDF).
2.
Vgl. ebd. S. 4.
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Autor: Alexander Sängerlaub für bpb.de
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