Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Matteo Pasquinelli

Googles PageRank

Diagramm des kognitiven Kapitalismus und Rentier des gemeinsamen Wissens

PageRank: Ein Diagramm des kognitiven Kapitalismus (oder: der Netzwerkwert)

Kann eine Netzwerktheorie ohne einen Begriff des Netzwerkwerts auskommen, ohne eine Vorstellung des Werts, der spezifisch für das Ökosystem und Ökonomie des Netzwerks ist? PageRank sondiert die kognitive Dichte des Internet mit einem Mechanismus, der eben das tut – indem er jedem Knoten im Netz einen Ranking-Wert zuweist. Dieser Ranking-Wert Googles gilt inoffiziell als Währung der globalen Aufmerksamkeitsökonomie und ist Ausschlag gebend für die Online-Sichtbarkeit von Menschen und Firmen, und damit für ihr Prestige und ihre Geschäftsmöglichkeiten. Dieser Aufmerksamkeitswert wird dann auf verschiedene Art und Weise in Geldwert verwandelt. Wenn der PageRank-Algorithmus den inneren Kern der hegemonialen Matrix Googles darstellt, dann sind die aus der Werbe-Plattform Adwords erzielten Erträge eine Form der Ausnutzung dieser dominanten Position (nach dem Jahresbericht von 2008 stammen 99% der Einnahmen aus der Werbung).(11) Der PageRank Algorithmus und gigantische Datenzentren (die rund um die Uhr aktiv sind und laufend den Web-Index aktualisieren) sorgen für die Monopolstellung von Googles Werbekanälen. Die Art, wie Google Wert erzeugt, verdient eine nähere Analyse, da Google, anders als die traditionellen Massenmedien, selbst keinen Content produziert. Google erfasst mit seinem Werbe-Syndikationsprogramm AdSense Millionen von Webseiten und Nutzern. AdSense schafft eine leichte Infrastruktur für Werbung, die in jede Nische im Web einen unauffälligen, eindimensionalen Parasiten einschleust, ohne selbst irgendeinen Content zu produzieren. Das Geld tritt über AdWords in den Zyklus ein und wird dann über AdSense an die einzelnen Blogger und Web-Firmen verteilt. Innerhalb der Internet-Ökonomie wird sowohl der Verkehr auf einer Webseite als auch die Verteilung des Werts weitgehend durch PageRank kontrolliert. Der PageRank ist der Kern der Aufmerksamkeitsökonomie im Internet, aber auch einer allgemeinen Prestige-Ökonomie, die sich auf andere Bereiche auswirkt (z.B. akademische Reputation, die Musikindustrie usw.; besonders viele Symbiose-Fälle gibt es zwischen dem Internet und der Unterhaltungsbranche).

Was PageRank identifiziert und misst, ist der Netzwerkwert, und zwar in sehr numerischer Form. Wenn eine Ware für gewöhnlich anhand ihres Gebrauchswerts bzw. Tauschwerts beschrieben wird, dann bildet der Netzwerkwert eine weitere, diese beiden Werte überlagernde Schicht und beschreibt die "sozialen" Beziehungen der Ware. Der Begriff ist etwas unklar, denn er könnte auch auf den "Wert von Netzwerken" verweisen (wie in Benklers viel gelobtem Buch Wealth of Networks).(12) Genau genommen wäre also von einem Netzwerk-Mehrwert zu sprechen.(13) PageRank produziert nämlich das, was Deleuze und Guattari als maschinischen Mehrwert bezeichnen – jenen Mehrwert, der im Cyberspace durch die Umwandlung des Mehrwerts des Codes in einen fließenden Mehrwert entsteht.(14) Durch PageRank hat Google nicht nur eine dominante Position in der Speicherung von Web-Indexen erreicht, sondern auch ein Monopol in der Produktion dieses Netzwerk-Werts.

Das Diagramm von PageRank unterstreicht einen wichtigen Aspekt der Beziehungen zwischen zwei Knoten eines Netzwerks. Diese Beziehungen sind niemals rein symmetrisch: Jeder Link geht wie ein Pfeil in eine Richtung und steht für einen Austausch von Verlangen, Aufmerksamkeit und Wissen, der nie symmetrisch ist. Diese Beziehungen sind auch niemals binär und ausgewogen, sondern in Wahrheit ternär, da es immer einen dritten Knoten gibt, der sie beeinflusst, aber eine Akkumulation von Wert, der in eine andere Richtung abgezogen wird. Ein Netzwerk ist nie flach und horizontal. Die digitale Ontologie wird immer von externen Werten und materiellen Netzwerken beeinflusst, durch die analoge Welt der Arbeit und des Lebens (also durch Biopolitik und Bioökonomie). Ein Netzwerk ist niemals symmetrisch oder homogen, es ist eine topologische Oberfläche, die von molekularen Wirbeln durchzogen ist. Zwischen den vertikalen Hierarchien des tradierten Wissens und den bejubelten horizontalen Netzwerken der heutigen Wissensproduktion zeigt diese Dimension der Wirbel, dass diese beiden Achsen stets miteinander verbunden sind, und dass uns dynamische Hierarchien immer in die digitale Umgebung folgen. Googles PageRank hat genau an dieser Bewegung angesetzt, die der kollektiven Wissenssphäre und dem Internet die Gestalt von molekularen Werte-Wirbeln gibt. Wenn die semantische Topologie des PageRank, die wirbelartige Akkumulation von Wert in Netzwerken, und der Begriff des maschinischen Mehrwerts zusammengeführt wird, dann ist das ein Anfang, ein neues Diagramm der Wissensökonomie, oder, genauer gesprochen, des kognitiven Kapitalismus (die kapitalistische Dimension Googles ist ja offensichtlich) zu entwerfen.

Politische Ökonomie im Google-Zeitalter:
Der Begriff der kognitiven Rent



Das Anliegen der voran gegangenen Absätze war es zu zeigen, wie Wert kollektiv im Netzwerk produziert und von der immateriellen Fabrik Googles absorbiert wird. Nach der Wert-Produktion ist es wichtig, die Stufen und Verfahren der Akkumulation zu klären. Die Fallstudie Google veranschaulicht dabei die allgemeinere Frage, wie der kognitive Kapitalismus Mehrwert abschöpft und "Geld macht". Um die Wissensökonomie und Kulturindustrien der Gegenwart zu verstehen, ist es wichtig, zu einer Unterscheidung zwischen verschiedenen Geschäftsmodellen zu kommen und möglicherweise zu einer Veranschaulichung der maschinischen Sammlung verschiedener Akkumulations-Regimes, und nicht einfach einer Topologie.

Im Grunde gelten in der Beschreibung der Wissensökonomie zwei verschiedene Paradigmen: Auf der einen Seite das geistige Eigentum, auf der anderen das kulturelle Kapital. Die Definition der Kreativindustrien betont zum Beispiel die "Ausbeutung geistigen Eigentums"(15), während der gefeierte Begriff der "Kreativökonomie" von Richard Florida auf der Ausbeutung des allgemeinen Humankapitals einer Stadt beruht.(16) Ähnlich betont der italienische Post-Operaismus die Produktivkraft des allgemeinen Intellekts der früheren industriellen Arbeiterschaft und der post-fordistischen Multituden unserer Tage.(17) Aus dieser Sicht wird die kollektive Produktion von Wissen ständig von den Unternehmen des kognitiven Kapitalismus abgeschöpft, ähnlich wie einst Fabriken der Mehrwert aus der lebenden Arbeitskraft der Arbeiter abzogen. Ansätze wie Benklers "soziale Kooperation" oder Lessigs "freie Kultur" löschen die Dimension des Mehrwerts dagegen vollkommen aus. All diese Denkrichtungen sollten mit der gleichen Frage konfrontiert werden: wie wird Mehrwert in der Wissensökonomie akkumuliert und abgeschöpft?

Der kritische Diskurs wird indessen von einer Fixierung auf das geistige Eigentum und den Konflikt zwischen den globalen Copyright-Regimes und den Anti-Copyright-Bewegungen monopolisiert. Google ist dagegen ein klares Beispiel eines technischen Imperiums, das ohne ein strenges Copyright-Regime auskommt. Google ist sogar ein Befürworter des kostenlosen Content, der im Internet von der kostenlosen Arbeitskraft der Nutzer produziert wird. Der Fokus muss sich vom geistigen Eigentum auf die Frage der kognitiven Miete verlagern, damit ein Verständnis der Mehrwertabschöpfung und -akkumulation im Bereich der digitalen Wirtschaft möglich wird.


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