Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Matteo Pasquinelli

Googles PageRank

Diagramm des kognitiven Kapitalismus und Rentier des gemeinsamen Wissens

Die Monopole des geistigen Eigentums liegen heute offen zutage. Die Musikindustrie verteidigt dieses Regime vor den Gefahren der digitalen Kultur. Dieses Regime kann als Miete von geistigem Eigentum oder kognitive Miete verstanden werden, da die Medienunternehmen einfach nur das Copyright auf ein Werk ausbeuten, das von Künstlern geschaffen wurde und praktisch keine Reproduktionskosten hat. Auch Google funktioniert auf der Grundlage der kognitiven Miete, obwohl hier kein geistiges Eigentum beteiligt ist. Welche Form der kognitiven Miete ist also in Google verkörpert? Nach dem Modell des Panoptikons ist es nun auch nötig, einige der Grundannahmen zur Netzwerk- und Wissensökonomie umzukehren, damit wir verstehen können, wie Google zum Googlepol wurde.

Ein neues Verständnis der Miete, das kürzlich vom Post-Operaismus ausgegangen ist, macht die parasitäre Dimension des kognitiven Kapitalismus deutlich. In einem 2007 in der Zeitschrift Posse erschienenen Artikel führen Antonio Negri und Carlo Vercellone die Miete als zentralen Mechanismus des Übergangs vom industriellen zum kognitiven Kapitalismus ein.(18) In der klassischen Wirtschaftstheorie wird die Miete vom Gewinn unterschieden. Miete wäre demnach ein parasitärer Ertrag, den ein Eigentümer durch den bloßen Besitz eines Gutes erzielen kann; für gewöhnlich ist dabei Landbesitz gemeint. Andererseits gilt der Gewinn als produktiv und wird mit der Fähigkeit des Kapitals verbunden, Mehrwert (vom Warenwert und der Arbeitskraft) zu generieren und abzuschöpfen.

Vercellone kritisiert die Idee eines "guten, produktiven Kapitalismus", indem er hervorhebt, dass die Umwandlung von Miete in Gewinn ein charakteristischer Zug der gegenwärtigen Ökonomie ist.(19) Dem entspricht sein Slogan für den kognitiven Kapitalismus: "Miete ist der neue Profit". Aus dieser Sicht lässt sich Google als globaler Vermieter verstehen, der den Boden des Internet ausbeutet, ohne dass Umzäunungen oder die Produktion von Content nötig wären. Die Miete als Form taucht also im postindustriellen Zeitalter erneut auf – als parasitärer Apparat in neuen materiellen und immateriellen Umgebungen.

Für Negri und Vercellone besteht die zentrale Achse der gegenwärtigen Valorisierung in der "Enteignung der Allmende durch Miete". Dies erklärt den ständigen Druck für ein stärkeres Regime des geistigen Eigentums: Copyright ist eine der Strategien der Miete, die Allmende zu enteignen und künstliche Knappheit einzuführen. Nach Negri und Vercellone und zahlreichen anderen Autoren ist das geistige Eigentum ein Gegenstand der Spekulation, wodurch kognitive Güter, die praktisch kostenlos reproduziert werden können, mit künstlichen Kosten belastet werden. Die Frage des geistigen Eigentums als Ganzes muss jedoch noch näher behandelt werden, da die Miete nicht notwendigerweise auf neuen Wissens-Einschlüssen beruht, sondern auch auf der Ausbeutung eines gemeinsamen kognitiven Raums, so wie das bei Google und der ganzen Sphäre des Web der Fall ist. Das PageRank-Diagramm scheint auf eine Art Differentialmiete für dynamische Räume hinauszulaufen, die eine eigene Untersuchung rechtfertigen würde. (20)

Schluss: "Verlange deinen PageRank zurück"
(oder: die Wiederaneignung des Werts)

Die einzige politische Antwort auf Google wäre ein alternatives Ranking-System, das in der Lage wäre, das Monopol der Aufmerksamkeitsökonomie und die Wertakkumulation durch Google zu unterlaufen. Aber kann eine derartige monopolistische Produktion von Netzwerkwert überhaupt umgekehrt werden? Eine erste Möglichkeit könnte ein kollektiv von Hand erstellter Web-Index sein, der auf einem offenen Protokoll beruht (eine Art Wikipedia der Netzbeziehungen mit FOAF-Ontologie).(21) Google kann natürlich in seiner Rechenkapazität nicht herausgefordert werden: Ein solcher Versuch wäre dumm und primitiv. Andererseits würde die Idee eines Open Source-Page Ranks die Frage der Wertakkumulation und des Monopols außer Acht lassen. Die Idee eines OpenRank-Algorithmus wurde übrigens schnell wieder verworfen.(22) Die fatale Anziehungskraft, die Google auf die Massen ausübt, scheint mehr von seiner mystischen Macht auszugehen, alles und alle mit einem spektakulären Wert auszustatten, als von der Genauigkeit seiner Resultate. Gerüchten zufolge soll PageRank bald von TrustRank ersetzt werden, einem anderen von Stanford und Yahoo-Forschern entwickelten Algorithmus, der nützliche Webseiten von Spam trennt und eine Vertrauensgemeinschaft im Internet etabliert.(23)

Der Kampf gegen die Akkumulation von PageRank-Daten ist dem Kampf gegen die Akkumulation von Kapital und Monopolen ähnlich. PageRank ist für das Internet das, was primitive Akkumulation und Miete für den Kapitalismus sind. Eine Kritik des gegenwärtigen Modus des Networking kann nicht einfach auf einer Erzählung "gutes Netzwerk gegen böses Monopol" aufbauen. Eine politische Antwort wird nur vorstellbar, wenn das Wesen des molekularen Dispositivs verstanden wird, welches den Netzwerkwert produziert. Der PageRank kann nicht einfach neutralisiert werden. Alle derzeit in Mode befindlichen Denkrichtungen der Peer-to-Peer-Kooperation und der "sozialen Produktion" durch das Internet werden freilich nie zu einem brauchbaren politischen Vorschlag werden, solange sie sich nicht der Frage der Produktion und Akkumulation von Netzwerkmehrwert stellen.


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