Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Konrad Becker

Die Macht der Klassifizierung

Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung

In einem frei assoziierenden Essay befasst sich Konrad Becker mit der Rolle von Klassifizierungssystemen als Technologien der Macht und betont: "Technologien der Wahrnehmung sind Ausdruck politischer Philosophie, maskiert als neutraler Code."

In einer Zeit der Informationsexplosion reicht es nicht, dass Daten nützlich sind, sondern sie müssen vor allem auch auffindbar sein. - Demonstration eines Hilfsapparats zur Aktenablage im Jahr 1953 in Chicago.In einer Zeit der Informationsexplosion reicht es nicht, dass Daten nützlich sind, sondern sie müssen vor allem auch auffindbar sein. - Demonstration eines Hilfsapparats zur Aktenablage im Jahr 1953 in Chicago. (© AP)
Wie stehen Dinge in Zusammenhang? Was ist das Wesentliche an einem Gegenstand in Bezug auf einen anderen? Wie stehen subjektive Bedeutung und generalisierte oder objektivierte Sinnzuschreibung in Wechselbeziehung zueinander? Was bedeutet dies für unsere Selbstwahrnehmung – und wie wir zu Anderen stehen? Was ist Bedeutung und wie entsteht sie? Über solche Fragen rätseln Menschen schon immer. Im Zeitalter digitaler Information, von Mensch/Maschine-Schnittstellen und Daten-Robotern, die sich selbständig in den Weiten des elektronischen Datenraums bewegen, gewinnen sie an Relevanz. Proteus, eine frühe Meeresgottheit der griechischen Mythologie, kann die Zukunft voraussagen. Aber sie antwortet nur, wenn es gelingt, sie einzufangen. Und sie verändert stets ihre Form, um das zu verhindern. In einer Zeit der Informationsexplosion reicht es nicht, dass Daten nützlich sind, sondern sie müssen vor allem auch auffindbar und zugänglich sein. Auch wenn es sehr schwierig sein kann, die Differenz zwischen ähnlichen und unähnlichen Objekten zu definieren, so ist dies für Abstraktionen und Ideen noch erheblich schwieriger. Gleichzeitig ist die Suche nach Informationen nicht etwa das Gegenteil davon, sie zu verlieren, sondern die aktive Bemühung, Zusammenhänge in Systemen von Bedeutung zu erschließen. Suche ist ein Akt der Vorstellungskraft, wo sich Ergebnisse in die Zukunft einschreiben.

Drachen des Chaos und soziale Fiktionen


Frühe Kulturen hatten das Konzept eines Ozeans der Information und einer Seeschlange, die in den dunklen Tiefen haust. In der "schwarz geflügelten Nacht" des "Drachen des Chaos", der "großen und finsteren Leere" von Tiamat, aus deren zerstückeltem Körper der Kosmos geboren und die Welt geformt wurde. Diese dämonischen Kreaturen spiegeln Ängste in Bezug auf die Abgründe chaotischer und unstrukturierter Information wider, unberührt von den logozentrischen Strahlen solarer Gottheiten und dem Licht der Vernunft. Auf einem unüberschaubaren Meer des Wissens treibend, wurde Navigation zur Wurzel moderner Wissenschaften. Kybernos, der Steuermann der seefahrenden alten Griechen, manövrierte die nautischen Routen mit Hilfe heller Gestirne und verlieh der Kybernetik den Namen. Diese Wissenschaft der Steuerung und des Feedbacks, deren erste Anwendungen im Bereich der ballistischen Kursberechnung waren, stand am Anfang vieler heutiger IKT-Anwendungen. Oft verraten die Versuche, intelligente Karten der Welt herzustellen, mehr über die Autoren dieser Karten, als über das Gebiet, das sie beschreiben. Im Kartographieren konzeptioneller Räume des Wissens ist Klassifizierung notwendig. Aber vielfach werden transiente soziale Fiktionen mit realen und physisch unveränderbaren Gegebenheiten verwechselt. Insbesondere in Bezug auf Rasse, Geschlecht und soziale Institutionen geschieht dies immer wieder aufs Neue. Aber auch in allen anderen Bereichen, wo es ein ureigenes Interesse an der Herstellung von Realitäten gibt.

Selbsterfüllende Voodoo-Kategorien

Namen bieten Vorteile für jene, die sie kennen. Sie ermöglichen es beispielsweise, jemanden zu rufen oder etwas zu beschwören und durch einen Namen Einfluss auszuüben. Schon immer gab es eine intime Beziehung zwischen Wissen und Machtausübung; die Möglichkeit der Einflussnahme liegt auch in der Autorität, etwas benennen zu können. Problemlösung beinhaltet einen Prozess der Benennung von Fragen und Gegenständen, der den Rahmen der Auseinandersetzung mit ihnen bestimmt. Das Ordnen der Bezeichnungsklassen und die Hierarchien der Benennungen sind nicht nur eine praktische oder strukturwissenschaftliche, sondern vor allem auch eine religiöse Angelegenheit. Kategorisierung ist eine Art kognitives Voodoo. Der tief verwurzelte Glaube an eine von der Bannkraft der Namen verzauberte Welt, wo das Universum durch Benennung und Ordnung beeinflusst wird. Das dürfte in gewisser Weise auch zutreffen. Glücklicherweise ist die Schaffung konzeptioneller ideologischer Felder zur Produktion gemeinsamer Weltanschauungen doch etwas komplex. Zauberkünstler der Klassifizierung, die der Welt ihren Willen aufzuzwingen versuchen, können die Wirkungskräfte in den Köpfen anderer leicht unterschätzen. Sie werden Opfer eines Wunschdenkens in Bezug auf das Ausmaß der Übereinstimmung, das erreicht werden kann. Erfreulicher Weise ist die Welt zunächst nicht notwendig Kategorisierungs-Voodoo-kompatibel. In einer Welt, in der Forschung ein kontinuierlicher Prozess sich wandelnder Definitionen in einem konstanten Drift des Verstehens ist, sind starre Standardisierungen nur selten. Es ist eine feinmaschige Realität dynamischer Zusammenhänge und unerwarteter Perspektivverschiebungen mit stets wechselnden Einflüssen und Machtverhältnissen. Zustimmung zu einem Standard bedarf einer Vereinbarung, die es nicht geben kann, wo keine Übereinstimmung vorhanden ist. Dennoch wird "wissenschaftliche" Klassifizierung von Experten dazu verwendet, um eine Agenda zu setzen und Realitäten zu schaffen, die in sich selbst ein effektives Mittel einer spezifischen Auslegung der Wirklichkeit sind. Katalogisierungssysteme sind schwerlich Entdeckungen einer echten "natürlichen Ordnung", sondern das Resultat von Autorenschaft, wo ein Zweck nicht gegeben, sondern gewählt ist. Kategorisierung eines Wissensgebiets dokumentiert nicht notwendigerweise reale Bedingungen, sondern produziert Wissen in einer bestimmten Interpretation der Wahrnehmung. Klassifizierungssysteme sind notorisch aus der Spur, aber für das Spiel selbsterfüllender Projektion ideologischer Machtausübung gut geeignet.

All the Print that Fits, or Not

Waren das Strukturieren und Ordnen von Wissen für das Auffinden von Informationen nicht erst seit der Bibliothek von Alexandria elementar, so ist das Konzept des Sortierens nach Autoren in alphabetischer Reihenfolge ein wesentlich neuerer Trend. Heute gebräuchliche Bibliothekssysteme konservieren die Weltanschauungen eines Herrn Dewey aus dem 19. Jahrhundert mitsamt seinem stark eingeschränkten Verständnis der Wirklichkeit jenseits einer weißen, protestantischen US-Mittelschicht. Der Erfinder des Dezimal-Klassifikationssystems für Bücher begeisterte sich für die Metapher einer Armee zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung in einem chaotischen Mob von Informationen und wollte Ideen in die hierarchische Struktur eines militärischen Organisationsdiagramms zwingen. Melvyl Deweys zweifelhafte Vorstellungen über die Beschaffenheit der Welt 1876 zeigen sich, wenn er beispielsweise alle Nicht-Christen in eine einzige Kategorie warf, und zwar in die allerletzte in sämtlichen Kategorien über Religion. Verfasser des sowjetischen Bibliothek-Katalogsystems produzierten ähnlich starke ideologische Aussagen über die Welt, mit der Top-Kategorie "Werke der klassischen Autoren des Marxismus-Leninismus". Hier zeigt sich das Problem, Katalogsysteme miteinander zu verbinden, oder Klassifizierungssysteme aneinander anzupassen – sie alle zeichnen ein anderes Universum. Die US Library of Congress musste ein Etikett "ehemalig" auf ihre Kategorie Sowjetunion applizieren und führt Zwergstaaten wie "Österreich" oder die "Schweiz" noch auf der gleichen Prioritätsebene wie ganz Afrika oder Asien. Diese Verzerrungseffekte von Realität und Bedeutung wurzeln auch in der Notwendigkeit, physische Objekte wie Bücher oder Atlanten auf Regalen zu stapeln. Wenn die Software der Klassifizierungskonzepte mit der Hardware des physisch Greifbaren zusammenkommt, und Immaterielles mit Materiellem wechselwirkt, kann dies zu unerwarteten Ergebnissen führen. Traditionelle Kategorisierungssysteme können im Vergleich mit intelligenten automatischen Such- und Indizierungstechnologien bei der Suche in großen digitalen Ressourcen nicht mithalten. Der Versuch der elektronischen Aufbereitung von Informationen und Ressourcen kann durch überkommene Gewohnheiten und veraltete Strategien aus vorangegangenen Ansätzen der Strukturierung von Wissen sehr unzureichend ausfallen. Digitale Information braucht kein Regal, und es stellt sich die Frage, inwieweit vordefinierte Kategorisierung überhaupt eine gute Idee ist. Ein Hauptgrund für den Erfolg von Google war das Fehlen virtueller Regale, von im Voraus konstruierten und immer auch eigenartigen Dateistrukturen. Aber bei Regalflächen, auch wenn sie den Wissensraum seltsam verzerren, ist zumindest einfach zu sehen, ob sie voll oder leer sind.


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