Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Metahaven

Periphere Kräfte

Zur Relevanz von Marginalität in Netzwerken

Das Forschungs- und Designstudio Metahaven wendet sich der Soziometrik und dem vorherrschenden Paradigma zu, auf dem PageRank beruht. Es geht der Frage nach, "wie eine andere Sicht auf die gesellschaftliche Bedeutung von 'schwachen Bindungen' zu einer größeren Wertschätzung ihrer Relevanz in Netzwerken führen kann".

Im Web haben die Entscheidungen, die wir treffen – und die Links, die wir anklicken – weitreichende Folgen dafür, was andere finden, sehen und anklicken können.Im Web haben die Entscheidungen, die wir treffen – und die Links, die wir anklicken – weitreichende Folgen dafür, was andere finden, sehen und anklicken können. (© AP)
Gegenstand dieses Beitrags ist das Ranking. Das Ranking ist der schwer greifbare, komplizierte, im Inneren der Suchmaschine verborgene Mechanismus, der unsere Interaktion mit den Informationen im Web strukturiert. Trotz der Komplexität des Ranking sieht die Suche bei den meisten Suchmaschinen täuschend einfach aus: man schreibt ein Wort in das leere Textfeld, in dem der Cursor blinkt, klickt auf "Suche" und erhält eine Liste mit Resultaten. Je nachdem, was man eingegeben hat, ist diese Liste kurz oder lang. Doch keine Suchmaschine zeigt die Resultate, ohne sie in Form einer Hierarchie zu strukturieren. Dies sieht zunächst wie ein gewöhnlicher, alltäglicher Vorgang aus, vergleichbar mit der Art, wie wir im Alltag zwischen relevanter und irrelevanter, zwischen Vordergrund- und Hintergrundinformation unterscheiden. Schließlich richten sich auch unsere eigenen Hierarchien der Sichtbarkeit nach bestimmten Bedürfnissen, Glaubensgrundsätzen und Begrenzungen. Oft belohnt die Hierarchie des Ranking das, was bereits beliebt ist. Wie ein Echo scheint die Suche schon zu wissen, was wir "wollen", bevor wir überhaupt fragen. Die Schwelle des Ranking neigt auch dazu, weniger verbreitete Richtungen oder Meinungen über große, öffentliche Themen zu unterdrücken.


Jeder Versuch, die Suchmaschine neu zu denken, beginnt mit einer Infragestellung der Prinzipien der Relevanz und Beliebtheit, die dem Ranking innewohnen. In diesem Essay beschäftigen wir uns damit, wie Ranking-Mechanismen sich als gesellschaftliche Phänomene äußern, und wie eine andere Sicht auf die gesellschaftliche Bedeutung von "schwachen Bindungen" zu einer größeren Wertschätzung ihrer Relevanz in Netzwerken führen kann.

Im Web haben die Entscheidungen, die wir treffen – und die Links, die wir anklicken – weitreichende Folgen dafür, was andere finden, sehen und anklicken können. Wir sind keine neutralen Beobachter eines natürlichen Prozesses, auf den wir keinen Einfluss nehmen. Was wir ansehen und womit wir verlinken, ist das, was wir belohnen und anderen empfehlen. Was wir übergehen, das verbergen wir letztlich, wenn andere es auch tun. Dieser Prozess ist politische Macht, die durch Soziabilität ausgeübt wird, und in dem Netzwerke, Protokolle und Ranking-Mechanismen die Anwendung von direkter Gewalt ersetzen, und Algorithmen zu Großhändlern der Sichtbarkeit und des Obsoleten werden. Die am Anfang stehenden Resultate gelten "natürlich" als relevanter als jene am Ende.

Doch die Eigenschaften, die durch den Algorithmus oder die Werte der "Relevanzentscheidung" definiert werden, sind öffentlich nicht einsehbar und werden dem Zugriff durch die Nutzer entzogen. Die meisten Suchmaschinen sind auf ein unmöglich großes Zielpublikum ausgelegt, nämlich "jeden Nutzer". Genau wie globale Fastfood-Ketten ihrer Klientel wenig Einsicht in die Geheimnisse der Hamburger-Herstellung gewähren, so gibt es anscheinend keinen Bedarf für den Massen-Weltmarkt, die Parameter der Websuche genauer unter die Lupe zu nehmen, solange die Ergebnisliste unglaublich lang und am allerletzten Stand ist und mit Lichtgeschwindigkeit erscheint. Das ist die Situation, denn laut Google ist es das, was wir scheinbar wollen. Der Umgang der Öffentlichkeit mit dem Web beruht weitgehend auf der freien Auswahl: Klicken, taggen, verlinken, und blättern sind öffentliche Handlungen,(1) die häufig reziproke Belohnungen beinhalten, wie sie auf Networking-Plattformen wie Facebook und MySpace systematisiert und automatisiert wurden, wo ein Ranking als "Freund" eine beidseitige soziale Verbindung affirmiert. In einer größeren Dimension stellen diese Formen der Belohnung, der Subskription und der Zustimmung eine echte Form der "Netzwerkmacht" dar. "Nach dem Begriff der 'Netzwerkmacht' neigen wir dazu, unsere Entscheidungen so zu treffen, wie sie andere vor uns getroffen haben",(2) erklärt dazu David Grewal. In Netzwerken ist Macht durch Soziabilität immanent.

Netzwerke können als natürliche Arena für die Ausübung eines globalen freien Willens gelten, die eine aggregierte, kollektive Form einer riesigen Entscheidung darüber darstellen, "was wir alle wollen." Wir gehen aber davon aus, dass die relevantesten Strukturkomponenten von Netzwerken ihre Lücken sind. Diese "Strukturlöcher" bestehen nicht allein in den Begrenzungen der Soziabilität innerhalb von Bündeln von gegenseitig affirmierten Allianzen und Links, sie sind auch Wissens- und Machtlücken.(3) Wir vertreten die Auffassung, dass schwache Bindungen, die Strukturlöcher überbrücken, eine kritische Alternative zu Ranking-Modellen sein können, die auf aggregierten Formen der Soziabilität beruhen, nicht zuletzt weil sie unbeliebt, autonom und peripher sind. Wir werden unser Argument in Form einer detaillierten Erkundung der Theorie der Strukturlöcher ausführen, so wie sie von Ronald Burt entwickelt wurde. Als Beispiel werden wir Vorstellungen der gesellschaftlichen Macht untersuchen, die sich in der Wahlkampagne von US-Präsident Barack Obama fanden, aber auch in seinen Initiativen zur Neugestaltung der Beziehungen zwischen der US-Regierung und der Bevölkerung. Diese werden schließlich strukturell mit den teilweise unabhängigen Terrorzellen verglichen, aus denen das Al-Kaida-Netzwerk seit der Zerschlagung seines zentralen Kommandos besteht.

Von der Relevanz zur Autorität und zurück

Ranking-Mechanismen stellen eine Form der Macht dar, die im Gegensatz zum herkömmlichen Zwang nach altem Muster viel verborgener und auf der Ebene von Strukturen wirksam wird. Die affirmative Kraft der Soziabilität, die im gegenseitigen Prozess des Verlinkens und Taggens zum Ausdruck kommt, könnte ein Machtinstrument geworden sein, das Alternativen unterdrückt, ohne dass Zwang vonnöten wäre.

Derzeit sorgen die von Ranking-Algorithmen geschaffenen Relevanz-Hierarchien dafür, dass Einfluss-Hierarchien sich fortsetzen: Die anfängliche Relevanz der Ergebnisse an der Spitze der Liste wird durch das Surf-Verhalten der Öffentlichkeit affirmiert. Je relevanter das Resultat, umso wahrscheinlicher, dass es gefunden, angeklickt und letztlich auch angesehen und verlinkt wird. Ein Ranking-Prozess dieser Art ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der Relevanz. Das bekannteste Beispiel dieser Art von Algorithmus bzw. dieser Art der Entscheidungsfindung ist PageRank, der Algorithmus der Google-Suchmaschine. Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sagen dazu:
    Ein Nutzer könnte einen Zeitungsartikel einfach aus dem Grund bevorzugen, dass er direkt von der Homepage der New York Times verlinkt ist. Natürlich wird dieser Artikel einen hohen PageRank bekommen, einfach weil er auf einer sehr wichtigen Seite erscheint. Darin scheint eine Art kollaboratives Vertrauen zu stecken, denn wenn eine Seite von einer vertrauenswürdigen und kompetenten Quelle erwähnt wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass sie auch vertrauenswürdig und kompetent ist.(4)
Wenn Brin und Page behaupten, dass "Qualität oder Wichtigkeit mit dieser zirkulären Definition zusammen passen",(5) dann beziehen sie sich auf eine Art "Peer Review",(6) einen Begriff, der den Prozess der Begutachtung von wissenschaftlichen Arbeiten durch Wissenschaftlerkollegen bezeichnet. Die gleiche Annahme wird gemacht, wenn die Effizienz von Algorithmen anhand von akademischen Datensammlungen getestet wird, wo Zitate als Links zählen. Brin und Page:
    Wenn eine Webseite von der Yahoo-Homepage verlinkt wird, dann mag dies nur ein einziger Link sein, aber es ist ein sehr wichtiger. Diese Seite sollte daher höher gerankt werden als viele andere Seiten mit mehr Links von unbekannten Quellen [...] Eine Seite erhält einen hohen Rank, wenn die Summe der Ranks der auf sie verlinkenden Seiten hoch ist. Dies trifft sowohl auf Seiten zu, auf die viel verlinkt wird, wie auch auf Seiten, auf die nur wenige Male, dafür von hoch gerankten Seiten verlinkt wird.(7)
Die Google-Gründer überspringen hier den Widerspruch zweier Logiken: jene des akademischen Peer Review und jene der sozialen Akteure. Im PageRank-Modell werden "wichtigere und zentralere Webseiten bevorzugt".(8) Da hoch gerankte Links einen größeren Einfluss auf die Verteilung von Autorität haben, ist die Nähe zu einer vertrauenswürdigen Seite lohnender. Dennoch richtet sich die Web-Kultur eines Amateurs nicht nach der akademischen Ausgewogenheit. Anders als im akademischen Prozess des Peer Review und der Verweise sind Web-Nutzer soziale Akteure, die ihre Annahmen nicht diskutieren oder verifizieren müssen. Akteure sind oft bestrebt, sich mit anderen, die "wie sie" sind, zusammenzutun, und so das, was sie für wahr oder wertvoll halten, zu bestätigen. In anderen Worten: Es gibt einen Anreiz, sich mit anderen zu verlinken, die bestimmte (ideologische) Grundsätze oder einfach nur das Protokoll teilen. Das Aufkommen von Blogs, Amateurjournalismus, Tagging und anderen Formen Nutzer-generierten Contents erzeugt weiteren Druck auf die Definition von kompetenten Quellen. Blogs und soziales Networking sind so angelegt, dass ihr Nutzen mit dem affirmativen gegenseitigen Verlinken zunimmt, sodass ein hoher PageRank erzielt wird, ohne dass es eine sachliche Kompetenz wie etwa bei der New York Times gäbe. In anderen Worten: Was als Qualitätsstandard mit Peer Review begann, wird zu einem Standard der Soziabilität, der unter dem Druck anderer entsteht. Die Links dienen den Nutzern dazu, sich mit ihren eigenen Vorlieben zu verbinden und für jene zu stimmen, mit denen sie einer Meinung sind: Die Verbindung – die Soziabilität – wird zum Ersatz für Autorität. Daraus folgt, dass dichte soziale Umgebungen, die durch Übereinstimmung zusammengehalten werden, unpopuläre Information, die in den schwachen Bindungen an ihren Peripherien enthalten sind, oft übergehen.(9)


Publikation zum Thema

Deep Search

Deep Search

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Buch deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite. Weiter...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de