Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch
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"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse


2.12.2009
Der Beitrag behandelt die Muster medialer Darstellung von deutschen Politikerinnen in den vergangenen 60 Jahren. Auch heute überwiegen in der Presse häufig noch traditionelle Rollenzuschreibungen.
Das Bild, das Medien von Politikerinnen zeichnen, ist für ihre politischen Karrieren oft nicht hilfreich, manchmal sogar eher hinderlich.Das Bild, das Medien von Politikerinnen zeichnen, ist für ihre politischen Karrieren oft nicht hilfreich, manchmal sogar eher hinderlich. (© AP)

Einmal hat eine Freundin ihn verlassen. Zum Abschied sagte sie: "Starke Männer halten so etwas schon aus, ohne Tränen." Cornelius Butt-Jacobi hat ihr geantwortet: "Weißt Du nicht, dass auch starke Männer heulen, wenn sie unglücklich sind?" Ein 53-Jähriger, zwei gescheiterte Ehen, drei Söhne. Der Älteste wirft ihm vor, Politik sei ihm immer wichtiger gewesen als die Familie, der Jüngste lebt lieber bei seiner Mutter als beim Vater. Cornelius Butt-Jacobi muss oft unglücklich gewesen sein. Wir wissen nicht, wie oft er geheult hat. Wir ahnen, dass er ein starker Mann ist. Die FDP weiß es. Er wurde zum Generalsekretär gewählt. Bis zum März bleibt er noch Senator für Jugend und Familie in Berlin, seiner Geburtsstadt. Dann geht der ehemalige Journalist nach Bonn. Seine Wohnung in Berlin wird er behalten. Hier findet er leicht Zugang zu Menschen. Frauen? "Auch als alleinstehender Politiker bin ich nicht jenseits von Gut und Böse." Seine Weisheit: "Augen auf und durch."



Wer kann sich vorstellen, einen so formulierten Artikel über einen Mann, der ein politisches Amt antritt, zu finden? Vermutlich niemand. Es kann sich also nur um eine Politikerin handeln, die hier durch ein männliches Auge porträtiert wird. Der Artikel ist überdies vor 20 Jahren gedruckt worden[1] und wir würden ihn heute - dies als vorsichtige These - so nicht mehr ohne Weiteres finden.

Immerhin gibt es in Deutschland bereits in der zweiten Legislaturperiode eine Bundeskanzlerin. Angela Merkel ist seit 2005 die mächtigste Frau im Land. Doch noch immer ist diese Tatsache außergewöhnlich, um nicht zu sagen spektakulär, denn das Bild, das Medien von Politikerinnen zeichnen, ist für ihre politischen Karrieren oft nicht hilfreich, manchmal sogar eher hinderlich. Es ist nach wie vor geprägt von konventionellen Geschlechterklischees und traditionellen Rollenzuschreibungen. Die mediale Inszenierung von Politikerinnen dreht sich stets um die Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit bzw. um Bilder, die jeweils historisch und kulturell gemacht werden und somit Normen setzen, wenn auch heute pluralisierter als früher.[2] Diese These möchte ich näher beleuchten: Mich interessiert dabei die Darstellung von Politikerinnen in der Presse.[3] Dabei geht es nicht um einen Vergleich zwischen männlichen und weiblichen Politikern, sondern um die Muster der Darstellung in den vergangenen sechs Jahrzehnten: Hat es eine Entwicklung hin zu mehr Sachlichkeit und weniger geschlechterbezogener Berichterstattung gegeben?

Doch fangen wir ein wenig grundsätzlicher an: Bilder in unseren Köpfen sind nicht einfach da. Sie werden in einer Art Wettbewerb der "professionellen Beeinflusser" geschaffen. Das, was wir glauben sollen, und die Art, wie wir etwas sehen und interpretieren, ist vielfach fremdbestimmt. Um die Oberhoheit über politische Orientierungen und letztlich über Wahlentscheidungen wird in einer pluralistischen Demokratie hart gekämpft - mit fairen und weniger fairen Mitteln. Medien spielen dabei die zentrale Rolle. Die Beschäftigung mit der Darstellung von Politikerinnen in den Medien fußt daher auf der Annahme, dass es in der Macht der Medien liegt, gesellschaftliche Realität nicht nur abzubilden und zu interpretieren, sondern darüber hinaus auch Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit zu konstruieren - abhängig von der politischen Grundausrichtung des jeweiligen Mediums und seiner Nutzerinnen und Nutzer.

Diese Konstruktionen bedienen sich traditioneller Wissens- und Wertbestände über hierarchische Geschlechterbeziehungen. Medien knüpfen an Gewohnheiten an und schaffen neue. Ihre Macht wird umso bedeutungsvoller, je einflussreicher die Inszenierung von Politik für deren Legitimation wird - besonders in Wahlkämpfen. Diese werden zunehmend dominiert von Wählerbefragungen, Sonntagserhebungen, Fernsehduellen und Polittalkshows, die vorher und nachher journalistisch breit kommentiert werden. Durch den Wandel der Präsentationsformen von Politik - vor allem durch die Privatisierung des Fernsehens und Ausbreitung des Internets sowie den Kampf um Marktanteile - wurde die Konzentration auf einzelne Personen gefördert. "Der" Spitzenkandidat als Kunstfigur entstand. Er oder sie steht stets für ein ganzes Parteiprogramm oder gar für die gesamte Partei. Diese Personalisierung von Politik und die Popularisierung von Wahlkämpfen fordern von politisch Tätigen neue Fähigkeiten zur medialen Selbstinszenierung. Die Spitzenperson muss Selbstoptimierung und Selbstdarstellung virtuos beherrschen - Fähigkeiten, die nach verbreiteter Auffassung eher Männern zugeschrieben werden.[4] Politik als in der Öffentlichkeit zu präsentierendes Geschäft setzt offenbar Fähigkeiten voraus, die Frauen eventuell auf andere Weise erlernen müssen als Männer.

Was ist einer Frau, die eine politische Karriere anstrebt, "erlaubt"? Wie sahen symbolische Grenzen und konkrete Grenzüberschreitungen in den 1950er und 1960er Jahren aus, als Politik für manche noch als "schmutziges" oder "männliches Geschäft" galt? Auch die jeweiligen Parteimilieus müssen berücksichtigt werden. Denn es gibt parteispezifische Spielräume der Selbstinszenierung, die den Akteurinnen - besonders in Wahlkampfzeiten - zugestanden werden. In Bezug auf das Verhältnis von Weiblichkeit und Männlichkeit gelten für Frauen und Männer verschiedene ungeschriebene Regeln und spezielle Codes.

Meine These lautet: Die in der Medien- und Wahlkampflogik zentrale Strategie der Personalisierung und Banalisierung basiert durchgängig auf quasi-natürlichen Geschlechter-Stereotypen.[5] Aber es gibt auch einen interessanten Wandel in sechs Jahrzehnten bundesrepublikanischer Berichterstattung über Politikerinnen. Diese lässt sich in fünf Phasen einteilen:[6] In der ersten Phase der Nachkriegszeit oszilliert die Berichterstattung zwischen Nichtbeachtung und Geringschätzung sowie dem Lob der "guten Mutter" in der Politik. Die zweite Phase der 1970er Jahre ist geprägt von anhaltender Trivialisierung und Stilisierung als "fleißige Ausnahme-" oder "kühle Powerfrau". In der dritten Phase der 1980er Jahre findet die "neue" Generation von Politikerinnen mehr Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung changiert zwischen Anerkennung und Spott. Ab den 1990er Jahren scheint sie gekennzeichnet durch eine symbolische Akzeptanz von Politikerinnen und ab der Jahrtausendwende durch eine Art Schonung von Frauen, die Macht haben.

Besonders in der Berichterstattung über Angela Merkel seit 2001 zeigen sich Irritationen und Ambivalenzen, die um das Phänomen "Macht" kreisen. Vor 2005 äußert sich die strukturelle Unfähigkeit der Presse, mit Frauen in politischen Führungspositionen umzugehen, in Form von Spott und Häme. Man könnte heute von einer "temporären Zähmung der Medien" durch Frauen mit Macht sprechen. Allerdings wird an vielen Berichten auch deutlich: Nur wenn Politikerinnen ihre Weiblichkeit abgesprochen wird, scheint ihre Macht der Presse erträglich zu sein. Daher möchte ich vorwegnehmen: Es nützt Politikerinnen nichts, wenn sie versuchen, Weiblichkeit bzw. ihr Frau-Sein in der Politik nicht zu thematisieren. Der Versuch, diese Themen von sich zu weisen, wird scheitern. Politikerinnen sollten mit Geschlechterstereotypen bewusst umgehen und sie punktuell strategisch einsetzen, sonst verschenken sie wichtige Potenziale. In der Konfrontation bzw. Provokation mit dem "Alleinstellungsmerkmal Frau" liegen auch Chancen.


Fußnoten

1.
Es war ein Bericht über Cornelia Schmalz-Jacobsen, FDP-Generalsekretärin 1988–1991: Nachts, wenn die Generalsekretärin weint, in: Bunte, Oktober 1988.
2.
Inszenierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit sind variabel. Medien transportieren traditionelle Weiblichkeitsklischees, aber auch Abweichungen. Beharrlichkeit bzw. Veränderungen von Zuschreibungen skizzieren gesellschaftliche Stereotype und Grenzziehungen zwischen akzeptierten Räumen für das jeweilige Geschlecht (des To-do oder Not-to-do) und sie werfen ein Licht auf die jeweils herrschenden Geschlechterverhältnisse bzw. den Stand von Geschlechtergerechtigkeit.
3.
In Deutschland gibt es erst seit kurzem wissenschaftliche Studien, welche die quantitative Unterrepräsentanz und die qualitative Diskriminierung von Politikerinnen in der Presse belegen. Neben geschlechtertypischen Stilisierungen und Trivialisierungen wird ein Zusammenhang von Frauen und Unterhaltung sowie "weichen" und "privaten" Themen nachgewiesen. Ferner besteht weiterhin eine schwache Repräsentanz von Politikerinnen im Fernsehen und in Tageszeitungen, wo ihr Anteil jeweils 19 Prozent ausmacht. Vgl. Christiane Schmerl, "Tais-toi et soi belle". 20 Jahre Geschlechterinszenierung in fünf westdeutschen Printmedien, in: Publizistik, 2002 (4), S. 388–411; Christina Holtz-Bacha/Nina König-Reiling (Hrsg.), Warum nicht gleich?, Wiesbaden 2007; Margreth Lünenborg (Hrsg.), Politik auf dem Boulevard?, Bielefeld 2009; Petra Pfannes, Powerfrau, Quotenfrau, Ausnahmefrau . . .?, Marburg 2004; Sylka Scholz (Hrsg.), Kann die das? Angela Merkels Kampf um die Macht, Berlin 2007.
4.
Herausragende Beispiele sind der "Medien-Kanzler" Gerhard Schröder, der französische Präsident Nicolas Sarkozy oder – besonders schrill – der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
5.
Ich stütze mich auf exemplarische Beobachtungen und eigene Archivrecherchen im Rahmen zweier Forschungsprojekte, bei denen die überregionale Berichterstattung renommierter Tages- und Wochenzeitungen über weibliche Bundestagsabgeordnete seit 1949 erfasst und ausgewertet wurde.
6.
Die Einteilung in Jahrzehnte folgt forschungspragmatischen Überlegungen, entspricht aber nicht eins zu eins einem abrupten Perspektivenwechsel der Pressebilder. Zeitliche Phasen lassen sich nicht scharf voneinander trennen, da nicht alle Prinzipien der ausgehenden Phase in der nächsten ihre Gültigkeit verlieren.

 

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