Dossier Frauenbewegung
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Die Frauenbewegung organisiert sich

Die Aufbauphase im Kaiserreich


8.9.2008
1865 entstand in Leipzig der erste Frauenbildungsverein. Diese Gründung trat eine Lawine los, in den nächsten Jahrzehnten wuchs die Frauenbewegung stark an. Die Themen der Zeit reichten von Bildungsforderungen bis zum Kampf um das Frauenwahlrecht.

Bürgerliche Mädchen sollten in den wenigen staatlichen Schulen nicht auf eine Berufstätigkeit vorbereitet werden, sondern auf eine spätere Ehe.Bürgerliche Mädchen sollten in den wenigen staatlichen Schulen nicht auf eine Berufstätigkeit vorbereitet werden, sondern auf eine spätere Ehe.Bildnachweis (© AddF )

Nach der Revolution



In den Jahren nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848 regierten in Deutschland wieder konservative Kräfte. Auch Louise Otto-Peters, eine der großen Protagonistinnen der 1848er-Revolution, zog sich ins Private zurück, ohne allerdings die Hoffnung zu verlieren, dass nach dem politischen Winter auch wieder einmal ein Frühling kommen würde. Zuerst schien dieser Frühling allerdings noch auf sich warten zu lassen, und die regierenden Kräfte nutzten die Zeit, um einer erneuten Versammlungstätigkeit von Frauen Steine in den Weg zu legen. So wurden in allen deutschen Ländern Vereinsgesetze erlassen, die eine politische Betätigung von Frauen verboten.

Trotzdem waren die 1850er und 1860er Jahre geprägt von einer zunehmenden Lockerung der autoritären Strukturen. Dank Wirtschaftsaufschwung und einer tief greifenden Veränderung der Arbeitswelt setzte sich immer mehr die Idee durch, dass vorsichtige Reformen eine Zusammenarbeit der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte befördern könnte. Die Idee einer Reichseinigung spukte nach wie vor in den Köpfen vieler Liberaler und diese begannen, einen vorsichtigen Frieden mit Preußen zu schließen. Dabei kam ihnen der Thron- und Regierungswechsel in Preußen zu Beginn der 1860er Jahre sehr gelegen. So konnte unter Kronprinz Wilhelm, dem späteren ersten Deutschen Kaiser, eine neue Ära beginnen, die viel Hoffnungen weckte und durch eine Amnestie für TeilnehmerInnen der 1848er-Revolution zusätzlich für Entspannung und Liberalisierung sorgte.

Diesen frischen Wind nutzten viele gesellschaftliche Gruppen, um sich neu aufzustellen. Dank der neuen Versammlungsform – dem (politischen) Verein – kam es zu ersten Zusammenschlüssen und zur Formulierung von gesellschaftlichen Gruppeninteressen, die bisher eher am Rande gestanden hatten. Diese offenere Situation nutzten nun auch die Frauen, um auf sich und ihre Situation aufmerksam zu machen.

Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung: die Gründung des ADF



Zwischen dem 16. und 18. Oktober 1865 fand in Leipzig eine große Frauenkonferenz statt, die als "Leipziger Frauenschlacht" in den Zeitungen des Landes verunglimpft wurde – aber enorm erfolgreich war. Eingeladen hatte der Leipziger Frauenbildungsverein, der ein halbes Jahr zuvor unter der Leitung von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt gegründet worden war. Auf dieser Frauenkonferenz, die von 120 Frauen besucht wurde, wurde der Allgemeine deutsche Frauenverein (ADF) aus der Taufe gehoben, der zur Keimzelle einer sich rasch ausbreitenden Frauenvereinslandschaft in Deutschland werden sollte.

Ein zentrales Problem zu dieser Zeit war die überaus rasch ansteigende Frauenarmut, die auch zunehmend bürgerliche Kreise traf. Dieser Frauenarmut wollte der ADF durch eigenständige Erwerbsmöglichkeiten für Frauen entgegentreten. Und so formulierte der ADF auch in seiner Satzung: "Wir erklären (...) die Arbeit, welche die Grundlage der ganzen neuen Gesellschaft sein soll, als eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts". Damit war zum ersten Mal in Deutschland ein Frauenverein entstanden, der sich für die Rechte von Frauen einsetzte.

Neben der Vereinsgründung beschlossen die Anwesenden, sich einmal im Jahr zu treffen und zur gegenseitigen Kommunikation eine Zeitschrift zu gründen, die sie "Neue Bahnen" nannten. Die Gründung des ADF in Leipzig war so anregend, dass bald schon Zweigvereine des ADF in anderen Städten entstanden: Die Frauenfrage, die hier eine Frauenbildungsfrage war, nahm Fahrt auf.

Zum Beispiel: Frauenbildung



Ab den 1870er Jahren entstanden sehr vielfältige, sich um das ganze Spektrum der Frauenfrage positionierende Frauenvereine, von denen einige einen eindeutigen frauenemanzipatorischen Ansatz hatten. An dieser Stelle soll exemplarisch das Beispiel Bildung herausgegriffen werden.

Der ADF hatte nicht zu Unrecht die mangelnde Bildungssituation als einen Stolperstein für ein selbstständiges Frauenleben in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgemacht. Während Jungen in der öffentlichen Schule auf eine spätere Berufstätigkeit vorbereitet wurden, sollten Mädchen des Arbeiterstandes eine schlecht bezahlte und kräftezehrende außerhäusige Erwerbstätigkeit aufnehmen und Mädchen des Bürgertums sich auf eine Ehe vorbereiten. Erstere absolvierten die Volksschule, letztere waren auf die vielen privaten und wenigen öffentlichen Mädchenschulen angewiesen, deren Abschluss jedoch keine berufliche Perspektive bot.

Die Lehrerin Helene Lange trat ab den 1880er Jahren an, dies zu ändern. Sie verfasste zusammen mit fünf anderen Frauen aus dem liberalen Bürgertum eine Petition, die sie an den preußischen Unterrichtsminister und das preußische Abgeordnetenhaus richteten. Die Frauen bedienten sich dabei des politischen Mittels der Petition, eine Möglichkeit, die alle Flügel der Frauenbewegung in dieser Zeit sehr stark nutzten.

In dieser Petition wurde erstens eine grundlegend verbesserte Mädchenbildung, zweitens ein größerer Einfluss von Lehrerinnen auf die Erziehung der Schülerinnen und drittens die wissenschaftliche Lehrerinnenausbildung gefordert. Gleichzeitig wurden die unübersehbaren Missstände in der Mädchenschulbildung deutlich benannt und zusammengefasst, die vor allem daher rührten, dass die bürgerlichen Mädchen nach wie vor auf die Ansprüche eines späteren Ehemannes hin erzogen werden sollten.

Die Petition, als "Gelbe Broschüre" bezeichnet, löste eine heftige Debatte aus, ohne allerdings zu Beginn allzu viel zu erreichen. 1888 starb der liberale Friedrich III., dessen Frau – sie wurde Kaiserin Friedrich genannt – großes Interesse an der Umgestaltung des Mädchenschulwesens gezeigt hatte. Da danach von der offiziellen Politik unter Kaiser Wilhelm II. in diesem Punkt nichts mehr zu erwarten war, nahmen die Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung die Schulentwicklung selber in die Hand. Sie gründeten Realkurse für Frauen, die innerhalb von zwei Jahren zu einer allgemeinen Bildungsgrundlage für praktische Berufe und zur Schweizer Universität – diese war die einzige deutschsprachige Universität, die damals Frauen aufnahm – führen sollten.


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