Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Dr. Kerstin Wolff

Die Frauenbewegung organisiert sich

Die Aufbauphase im Kaiserreich

Um die Forderungen der Lehrerinnen besser vertreten zu können, gründeten Helene Lange, Auguste Schmidt und Marie Loeper-Houselle 1890 eine der erfolgreichsten Frauenberufsorganisationen des Reiches, den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein (ADLV). Das zähe Ringen dieses Vereins hatte schließlich Erfolg. Von der langsamen, aber sicheren Zulassung von Frauen an die Universitäten (ab 1899/1900 in den deutschen Ländern unterschiedlich) bis zur Preußischen Mädchenschulreform von 1908, die das Mädchenschulsystem zum ersten Mal in das staatliche Handeln integrierte, reichten die Erfolge.

Zum Beispiel: das Frauenwahlrecht

1908 war für die Frauenbewegung in Deutschland ein sehr entscheidendes Jahr. Neben der preußischen Mädchenschulreform (siehe den Punkt Bildung) wurde in diesem Jahr auch ein reichseinheitliches Vereinsgesetz verabschiedet, das die politische Sonderstellung von Frauen aufhob. Ab diesem Zeitpunkt durften Frauen endlich Mitglieder in politischen Parteien werden, auch wenn sie damit noch nicht das aktive und passive Wahlrecht erworben hatten. Trotzdem brach für die Frauenrechtlerinnen eine neue Epoche an, waren sie doch auf dem Weg zur Gleichberechtigung einen großen Schritt weitergekommen.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen Frauen das Wahlrecht zu fordern. 1918 wurde schließlich in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Die erste Wahl mit weiblicher Beteiligung fand 1919 statt.Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen Frauen das Wahlrecht zu fordern. 1918 wurde schließlich in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Die erste Wahl mit weiblicher Beteiligung fand 1919 statt.Bildnachweis (© AddF )
Deutliche Forderungen nach dem Frauenwahlrecht erklangen im Deutschen Kaiserreich spätestens ab den 1890er Jahren, als die ersten Frauen aus der Frauenbewegung heraus begannen, sich schriftlich mit dem Frauenwahlrecht auseinander zu setzen. Die politischen Parteien hielten sich auffallend lange zurück; lediglich die SPD forderte schon in ihrem Parteiprogramm von 1891 das Wahlrecht für die Frau.

Die Forderungen nach dem Wahlrecht waren im Deutschen Kaiserreich auch deswegen problematisch, weil die verschiedenen Frauenstimmrechtsvereine, die in wachsender Zahl zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, sehr unterschiedliche Forderungen erhoben. So wurde immer wieder die Frage gestellt, welches Wahlrecht denn sinnvoll wäre? Das preußische Dreiklassenwahlrecht auch für die Frau? Oder doch lieber gleich das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, wovon dann auch Männer profitieren würden?

1902 gründeten Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann in Hamburg den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht, der Mitglied im 1904 gegründeten Weltbund für Frauenstimmrecht wurde. Die Vereine näherten sich erst im Ersten Weltkrieg einander an und schlossen sich zum Deutschen Reichsverband für Frauenstimmrecht zusammen. Erreicht wurde das Frauenstimmrecht 1918.

Die Frauenbewegung differenziert sich

Wie in jeder anderen Sozialen Bewegung auch, gab es in der sehr rasch wachsenden Frauenbewegung bald verschiedene Flügel und Gruppierungen, die durchaus sich widersprechende Ansätze hatten. Gefördert wurde diese Entwicklung von einem rasanten Wachstum der Frauenbewegung um 1890 und die in diese Zeit fallenden politischen Veränderungen, wie die Entlassung Bismarcks und der Fall der Sozialistengesetze. Vor allem der Verein Frauenwohl in Berlin unter der Leitung von Minna Cauer entwickelte sich zu einem Zentrum des weiblichen Protestes. Neben der schon fast traditionell zu nennenden Petitionstätigkeit regte der Verein viele Vereinsneugründungen an und entwickelte neue Wege in die Öffentlichkeit. Neben diesem Verein gab es noch zahlreiche andere Gruppierungen wie zum Beispiel den Verein Jugendschutz, der sich als Teil der Sittlichkeitsbewegung verstand, den kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte, als ein Beispiel für die schnell wachsenden Frauenberufsorganisationen, die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, die zum Ausgangspunkt einer Professionalisierung der Sozialarbeit wurden, oder die diversen Rechtsschutzstellen, die sich für eine bessere juristische Beratung für Frauen einsetzten.

Logo des BDF.Logo des BDF. Bildnachweis (© AddF )
Bald schon gab es Bestrebungen, diese vielen Einzelgruppierungen unter einem Dachverband zusammenzufassen. Die Idee kam aus den USA, wo ein Frauenweltbund gegründet worden war. In diesen Weltbund konnten nur nationale Dachorganisationen aufgenommen werden und so gründete sich 1894 der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF). Er nahm in Bezug auf seine Mitglieder eine erstaunliche Entwicklung. Schon nach Ablauf des ersten Jahres gehörten dem Bund 65 Vereine an, 1901 137 mit insgesamt 70.000 Mitgliedern und 1913 waren es insgesamt 2.200 Vereine und geschätzte 500.000 Mitglieder. Geführt wurde der Bund – von einer kurzen Anfangsphase abgesehen – von Marie Stritt, die es zu Beginn recht gut verstand, die unterschiedlichen Kräfte im BDF zu bündeln. Es zeigte sich aber bereits bei der Gründung 1894, dass es im deutschen Kaiserreich nicht eine, sondern viele Frauenbewegungen gab.

So trat die proletarische Frauenbewegung unter Clara Zetkin dem BDF nicht bei, was auch darauf zurückzuführen war, dass dieser die Proletarierinnen aus Angst vor Auflösung nicht zur Zusammenarbeit aufgefordert hatten. So vergrößerte sich der Graben zwischen der Proletarischen Frauenbewegung und der Bürgerlichen Frauenbewegung immer mehr. Die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit fußten auf einer fundamental anderen Lebensrealität und einer entgegengesetzten Auffassung von Emanzipation.

Setzten die gemäßigten bürgerlichen Frauen auf eine Emanzipation durch die langsame Steigerung des weiblichen Kultureinflusses, versprach sich die proletarische Frauenbewegung eine vollständige Emanzipation erst durch den Sieg des Sozialismus. Die außerhäusige Erwerbsarbeit (also die Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion) wurde so für die proletarische Frauenbewegung der einzige und notwendige Weg für die Befreiung der Frau. Erst nach 1900 gelang es, die proletarischen Frauen zu einer Massenbewegung zu mobilisieren und die selbstständige Bedeutung dieser Organisation zu verdeutlichen. Mittel dafür waren die sozialdemokratischen Frauenkonferenzen, die jeweils vor den Parteitagen abgehalten wurden. Wichtig war aber immer, dass die proletarischen Frauen nicht auf eine spezielle Frauenagitation setzten, sondern auf eine sozialistische Agitation unter Frauen.

Besonders deutlich wurde dies 1908, als ein reichseinheitliches Vereinsgesetz erlassen wurde und der Weg in politische Parteien für Frauen endlich frei war. Die Proletarierinnen traten sofort in die SPD ein, mussten dort allerdings erkennen – ebenso wie ihre bürgerlichen Schwestern, die in liberale und konservative Parteien eingetreten waren –, dass sie von einer Gleichberechtigung innerhalb der Parteien noch meilenweit entfernt waren.

Auch innerhalb der so genannten bürgerlichen Frauenbewegung gab es Fraktionierungen, sodass von einem bürgerlich-gemäßigten Flügel, einem bürgerlich-radikalen und einem sich seit 1900 entwickelnden konfessionellen Flügel gesprochen werden kann. Der BDF war angetreten, diese Entwicklungen unter einen Hut zu bekommen, ein Versuch, der aufgrund der Vielschichtigkeit der Bewegung nicht gelingen konnte.

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