Dossier Frauenbewegung
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8.9.2008 | Von:
Dr. Annika Wilmers

Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine große Veränderung für die Gesellschaft. Durch eine Unterstützung des Krieges würde die Anerkennung als Staatsbürgerin näher rücken – so waren die Hoffnungen. Aber es gab auch eine pazifistische Minderheit, die versuchte andere Wege zu gehen.
Während des Krieges arbeiteten Frauen in Bereichen, die als typische Männerarbeitsplätze galten.Während des Krieges arbeiteten Frauen in Bereichen, die als typische Männerarbeitsplätze galten.Bildnachweis (© Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel.)

Kriegsbeginn und Burgfrieden

Der Weg in den Ersten Weltkrieg erfolgte in Etappen: Am 28. Juni 1914 wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin während eines Besuchs in Sarajevo Opfer eines Attentats, einen Monat später erklärte Österreich-Ungarn mit deutscher Rückendeckung Serbien den Krieg, ab dem 30. Juli folgten Mobilmachungen, täglich neue Kriegserklärungen und der deutsche Einmarsch in Luxemburg und Belgien. Als der Erste Weltkrieg begann, zweifelte kaum jemand in Deutschland an der Rechtschaffenheit seines Heimatlandes. Die öffentliche Meinung in Deutschland glaubte zu diesem Zeitpunkt an einen aufgezwungenen Verteidigungskrieg, etwaige kritische Stimmen wurden von der Zensur unterdrückt. Nicht nur die liberalen und konservativen Parteien, auch die Sozialdemokraten stimmten am 4. August 1914 den Kriegskrediten und verschiedenen Kriegsgesetzen zu. Parteien und Gesellschaft standen fortan unter dem Gebot des Burgfriedens, der alle innenpolitischen Auseinandersetzungen aus dem Parlament und von der Straße verbannte.


Diesem Kurs folgte auch der überwiegende Teil der Frauenbewegung. Die große Mehrheit der Feministinnen sah im Krieg, abgesehen davon, dass sie Deutschland im Recht wähnten, eine einmalige Chance für die Frauenbewegung, sich zu beweisen. Endlich schien die Gelegenheit gekommen, an der Heimatfront zu zeigen, wozu Frauen im Verteidigungsfall fähig sind. Der Großteil der Frauenbewegung wollte helfen und vertrat gleichzeitig die Ansicht, dass sich die Frauen mit dieser Kriegsunterstützung ihr Staatsbürgertum verdienen könnten: Ihrer Leistung würde die politische Gleichberechtigung folgen; der Krieg galt als Bewährungsprobe. Forderungen nach Frauenrechten wurden deshalb nach Kriegsbeginn zurückgestellt.

Auf Initiative der Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), Gertrud Bäumer, gründete sich der Nationale Frauendienst (NFD). Hier arbeiteten fast alle Frauenvereine zusammen, auch solche, die nicht dem BDF angehörten, beispielsweise der Katholische Frauenbund. Erstmals in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung kam es zu einer breiten Zusammenarbeit von bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenrechtlerinnen.

Die Arbeit des Nationalen Frauendienstes

Überall im Deutschen Reich entstanden Regionalgruppen des NFD, die vor Ort mit der Kommunalverwaltung und dem Roten Kreuz zusammenarbeiteten. Ein zügiges Handeln war vor allem deshalb möglich, weil sich Frauen engagierten, die schon lange vor dem Krieg durch die Frauenbewegung geschult worden waren und sich zuvor schon in Theorie und Praxis mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt hatten. Das Aufgabengebiet des NFD war breit gestreut und berührte alle Bereiche der Wohlfahrtspflege sowie der Fürsorge. Insbesondere galt es, diejenigen Frauen und Familien zu unterstützen, die plötzlich kein Einkommen mehr besaßen, da der Mann an der Front, gefallen oder invalid war.

Die Mitarbeiterinnen des NFD engagierten sich in der Wohnungs-, Kranken- und Kinderfürsorge, halfen Schwangeren und Wöchnerinnen, bauten Volksküchen auf und gaben Anleitungen zum sparsamen Hauswirtschaften, kümmerten sich um Kleidung, errichteten Arbeitsstätten und organisierten Heimarbeit. In einigen Bereichen wurden dabei politische Erfolge erzielt, die die Frauenbewegung vor 1914 nicht hatte durchsetzen können, beispielsweise erhielten nun auch uneheliche Kinder eine staatliche Unterstützung.

Zusätzlich zu den Aktivitäten des NFD richtete das Kriegsamt in der zweiten Kriegshälfte ein eigenes Referat ein, das dazu beitragen sollte, mehr Frauen für die Kriegswirtschaft zu mobilisieren – eine Aufgabe, die für die Kriegsführung immer wichtiger und gleichzeitig immer schwieriger wurde, je länger der Krieg dauerte. In diesem Referat waren Marie-Elisabeth Lüders und Agnes von Zahn-Harnack, beide prominente Mitglieder des BDF, leitend tätig.

Kriegsgegnerinnen

Der Krieg erzeugte innerhalb der Frauenbewegung eine dauerhafte Aufspaltung in denjenigen Teil, der den Krieg unterstützte, und eine kleine pazifistische Minderheit, deren Vertreterinnen zumeist dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung oder der proletarischen Frauenbewegung angehörten. Innerhalb der SPD trat Clara Zetkin, die Führungsfigur der proletarischen Frauenbewegung und Sekretärin der Sozialistischen Fraueninternationale, weiterhin für ihre internationalen Anschauungen ein. Diese vertrat sie auch in der von ihr redigierten Zeitschrift "Die Gleichheit", allerdings musste sie seit Kriegsbeginn massive Eingriffe durch die Zensur hinnehmen. Zetkin war maßgeblich an der Organisation einer internationalen sozialistischen Frauenkonferenz beteiligt, die Ende März 1915 in Bern abgehalten wurde. Von den 25 Teilnehmerinnen aus acht Ländern, reisten sieben Frauen aus Deutschland an. Die Konferenz verurteilte den Krieg scharf, wodurch Zetkin nicht nur in Konflikt mit dem Staat geriet – sie wurde verhaftet und danach streng überwacht –, sondern auch mit der eigenen Partei, die am nationalen Kriegskurs festhielt. Als sich Anfang 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) von der Mehrheitsposition der SPD abspaltete, trat Zetkin – ebenso wie viele andere Kriegsgegnerinnen – der USPD bei.
Auch die bürgerliche Frauenbewegung besaß aus der Vorkriegszeit intensive Kontakte zu ausländischen Frauenvereinen und war in den beiden internationalen Frauenorganisationen "Internationaler Frauenweltbund" und "Weltbund für Frauenstimmrecht" vertreten. Beide Verbände beschlossen, während der Kriegszeit keine internationalen Treffen abzuhalten.

Kriegsgegnerinnen organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag.Kriegsgegnerinnen organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag.Bildnachweis (© AddF)

Einige Frauen, darunter die deutschen Pazifistinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, gaben sich mit dieser Position aber nicht zufrieden und organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress, der im April 1915 in Den Haag tagte und über 1.000 Teilnehmerinnen aus 12 Ländern versammelte – darunter 28 deutsche Frauen. Der Kongress protestierte gegen den Krieg und forderte als Grundlage für eine friedliche Weltordnung Demokratie und Gleichberechtigung. Die Kongressbeschlüsse wurden den europäischen Staatsmännern und dem amerikanischen Präsidenten Wilson persönlich überreicht.

Die internationalen Pazifistinnen gründeten eine eigene Organisation, das Internationale Frauenkomitee für dauernden Frieden (1919 umbenannt in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit). In Deutschland entstand eine Ländersektion mit mehreren Städtegruppen. Ebenso wie die sozialistischen Kriegsgegnerinnen waren aber auch die bürgerlichen Pazifistinnen in ihren Aktivitäten während der weiteren Kriegszeit durch die Zensur und die Militärbehörden massiv eingeschränkt.

Frauenrechte, Revolution und Kriegsende

Ende 1917, im Zuge allgemeiner gesellschaftlicher und politischer Diskussionen um mehr Demokratisierung in Deutschland, forderte auch der BDF wieder politische Rechte ein, insbesondere das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. Durchsetzen ließ sich dieses Anliegen während der Kriegszeit indes nicht. Erst die Revolution im November 1918 schuf eine grundlegend neue Situation für Frauen und brachte ihnen ihre Anerkennung als Staatsbürgerinnen, die künftig ihre Regierungen und Volksvertretung mitbestimmen konnten.

Viele Zeitgenossen – ebenso wie spätere Generationen – deuteten den Krieg als Schrittmacher der Frauenemanzipation. Dieser Gedanke schien nicht nur wegen der nach dem Krieg völlig veränderten rechtlichen Situation der Frau, sondern auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt naheliegend. Denn während der Kriegszeit hatten sich etliche Berufe für Frauen geöffnet und Frauen in vielen Bereichen die eingezogenen Männer ersetzt. Inzwischen lässt sich allerdings nachweisen, dass es für die Frauen keine kriegsbedingten fundamentalen Errungenschaften auf dem Arbeitsmarkt gegeben hat. Die Quote erwerbstätiger Frauen war auch vor 1914 schon kontinuierlich angestiegen. Während des Krieges kam es vor allem zu einer Verschiebung von Arbeitsfeldern. In den kriegsindustriellen Branchen arbeiteten überwiegend Frauen, die bei Kriegsbeginn in "typischen" Frauenberufen tätig gewesen waren, beispielsweise im Dienstmädchensektor oder in der Textilbranche.

Eine aus Sicht der Kriegswirtschaft ausreichende Mobilisierung weiblicher Arbeitskräfte gelang jedoch nicht: Für die meisten Frauen war die Arbeit in der Rüstungsindustrie unter anderem aufgrund der geringen Entlohnung, die zudem mit der staatlichen Kriegsunterstützung verrechnet wurde, und der schlechten Arbeitsbedingungen wenig attraktiv. Die öffentliche Meinung zur Frauenarbeit war indes zu einem Großteil davon geprägt, dass anders als früher seit Kriegsbeginn weibliche Erwerbstätigkeit überall sichtbar wurde, zum Beispiel in den Verkehrsbetrieben, wo Frauen als Schaffnerinnen eingesetzt wurden. Gerade hier arbeiteten Frauen aber häufig als direkte Vertretung für ihre eingezogenen Ehemänner, Väter oder Brüder und gaben den Arbeitsplatz nach Kriegsende wieder ab.

Auch die Errungenschaft politischer Rechte wird inzwischen weniger als Verdienst für die breite Kriegsunterstützung der Frauen interpretiert, sondern als eine Folge der Revolution und der geänderten Machtverhältnisse in Deutschland gesehen. Die SPD hatte sich bereits 1891 zum Frauenstimmrecht bekannt und konnte diese Forderung nun umsetzen. In dieser Frage lohnt sich ein Blick über die Ländergrenzen: Jenseits der Kriegsfront hatten die Frauenbewegungen ihre Staaten ebenso vehement unterstützt wie der NFD das Deutsche Reich.

In Ländern, in denen es aber nicht zu Revolutionen kam, wurde das Frauenwahlrecht nach dem Krieg nur zögerlich, wie in England, oder gar nicht eingeführt, wie zum Beispiel in Belgien und Frankreich. Letzteres Beispiel zeigt, dass der Krieg die Frauenbewegungen in ihren Bemühungen um Gleichberechtigung sogar zurückwerfen konnte, denn der nach dem Krieg in den europäischen Gesellschaften stark verankerte Wunsch nach einer Rückkehr zu einem gesellschaftlichen Status quo ante begünstigte häufig die konservativen Kräfte.

Deutsche Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung reagierten unterschiedlich auf die Revolution. Feministinnen des radikalen Flügels begrüßten die Demokratisierung, verurteilten aber alle Gewalterscheinungen. Vertreterinnen des BDF fiel der Umgang mit den veränderten politischen Verhältnissen dagegen zunächst schwerer. Sie bekannten sich aber ebenfalls zur Republik und stürzten sich mit viel Elan in die neuen politischen Aufgaben und Herausforderungen der Nachkriegszeit.
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