Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Dr. Anja Schüler

Bubikopf und kurze Röcke

In der Weimarer Republik veränderten sich die Frauenrollen und die Frauenbewegung kam in die Jahre

National und international

Die deutsche Frauenbewegung hatte mit Beginn des Ersten Weltkriegs ihre internationalen Beziehungen fast ausnahmslos abgebrochen; sie wurden lediglich von einigen Sozialistinnen und einer Gruppe von Pazifistinnen um Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg aufrechterhalten. Diese internationalen Verknüpfungen zu reaktivieren, fiel den Mitgliedern der bürgerlichen Frauenbewegung nicht leicht. So lehnte der Bund Deutscher Frauenvereine nach dem Ersten Weltkrieg jegliche internationale Zusammenarbeit ab und verbot seinen Repräsentantinnen sogar die Teilnahme an internationalen Frauenkongressen. Dies war umso verwunderlicher, als der Internationale Frauenbund (IFB) als eine der ersten internationalen Organisationen nach dem Krieg für eine gleichberechtigte Behandlung Deutschlands eintrat.

Erst 1925 nahmen wieder deutsche Delegierte an einer Generalversammlung des IFB teil, nicht zuletzt, weil die BDF-Vorsitzende Gertrud Bäumer, die seit 1920 auch Reichstagsabgeordnete war, zu diesem Zeitpunkt internationale Zusammenarbeit zum nationalen Interesse deutscher Frauen erklärte. So wurden internationale Zusammentreffen beispielsweise auch dazu genutzt, die Mitglieder des IFB mit der deutschen Auffassung zur "Kriegsschuldfrage" im Versailler Vertrag vertraut zu machen. Darüber hinaus entsandte der BDF nach dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1926 drei seiner führenden Mitglieder zu Treffen des IFB, nämlich Gertrud Bäumer, Marie-Elisabeth Lüders und Agnes von Zahn-Harnack.

Die "neue Frau"

Die Neue Frau trug den Rock und das Haar kurz und fand - allerdings erst in Ausnahmefällen - durch neue Berufe eine zunehmende finanzielle Unabhängigkeit.BildnachweisDie Neue Frau trug den Rock und das Haar kurz und fand - allerdings erst in Ausnahmefällen - durch neue Berufe eine zunehmende finanzielle Unabhängigkeit.Bildnachweis (© AddF)
Ungeachtet dieser neuen politischen und gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen bestimmte das Frauenbild der Weimarer Republik weniger die "neue Bürgerin" als die "neue Frau" mit Bubikopf und kurzem Kleid. Der noch im Kaiserreich verordnete Lebensradius von "Kinder, Küche und Kirche" wurde nun – zumindest in der populären Darstellung – durch Konsum, Kino und Kultur ersetzt. Als Prototypen dieses neuen Frauenbildes galten die jungen, ledigen weiblichen Angestellten in den Metropolen, die zum beliebten, wenn auch oft klischeehaft dargestellten Sujet der Illustrierten, Unterhaltungsromane und Kinofilme wurden und als potenzielle Konsumentinnen von der neuen Konsumgüterindustrie heftig umworben wurden.

Die Zahl weiblicher Angestellter stieg – nicht nur in Deutschland – deutlich an, von einer halben Million 1907 auf fast anderthalb Millionen 1925. Fast ein Drittel aller verheirateten Frauen ging einer Erwerbstätigkeit nach, darunter allerdings überproportional viele Arbeiterfrauen und einige wenige hochqualifizierte Akademikerinnen. Die nicht berufstätige Ehefrau und Mutter blieb auch in der Weimarer Republik weiterhin das verbreitete gesellschaftliche Ideal, was sich unter anderem an der immer wieder aufflammenden Debatte über weibliche Doppelverdiener ablesen lässt. Dennoch unterschied sich die Lebenswelt dieser Generation beträchtlich von der ihrer proletarischen oder bürgerlichen Mütter und Großmütter, nicht zuletzt, weil sie sich ohne Korsett und komplizierte Haartracht viel freier bewegen und geben konnten. Zusammen mit dem Stimmrecht, wachsender finanzieller Unabhängigkeit und neuen Konsum- und Kulturangeboten war es diese "neue Freiheit", die in der Weimarer Republik den weiblichen "Durchbruch zur Moderne" markierte.

Die Frauenbewegung war derweil in jeder Hinsicht in die Jahre gekommen. Ihre Protagonistinnen waren alt geworden, viele von ihnen starben vor 1930; sie beklagten die angeblich sinkende Moral der "neuen Frauen" und deren Desinteresse an feministischen Fragen und wurden von Nachwuchssorgen geplagt. Der modernen Büroangestellten erschienen die Vertreterinnen der Frauenbewegung schlicht als altmodisch, während eine andere Variante der "neuen Frau", die sich der völkischen Jugend anschloss, die Frauenbewegung als "senil" und "liberalistisch" angriff. Sie kritisierten insbesondere die Überreglementierung und den Führungsstil der Frauenvereine, der sie mit der "kameradschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Manne" in eigenen Verbänden begegnen wollten.

Die Frauenbewegung ihrerseits reagierte auf den Modernisierungsschub der Weimarer Republik uneinheitlich. Sie betonte einerseits die jetzt erreichte volle politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung, hielt aber andererseits an der Wesensverschiedenheit der Geschlechter und einer spezifischen weiblichen Kulturmission fest. Familiäre Pflichten blieben für sie vorrangig und auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wusste sie keine Antwort. Erst in den letzten beiden Jahren der Weimarer Republik, nach dem Austritt der mitgliederstarken "nationalen Opposition" der Haus- und Landfrauenverbände, initiierte der BDF Aufklärungskampagnen gegen den wachsenden Antisemitismus und die NSDAP. Diese Kampagnen waren buchstäblich in letzter Minute auf den Weg gebracht worden und konnten nur noch wenig ausrichten.

In der Weimarer Republik hatte eine substanzielle Minderheit von Frauen vom Aufbrechen hergebrachter Geschlechterrollen, von mehr gesellschaftlicher Freiheit und Individualität profitiert. Für viele junge Frauen war die organisierte Frauenbewegung ein etwas altmodisches Phänomen der Vorkriegszeit, zumal die staatsbürgerliche Gleichstellung (formal) erreicht schien. Zu Beginn der 1930er Jahre allerdings zeigte sich, dass der weibliche Aufbruch in die Moderne äußerst kurzlebig und fragil gewesen war.

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