Dossier Frauenbewegung

Fast vergessen - die Frauenfriedensbewegung in der BRD


11.11.2008
Im Westen galt in den 1950er Jahren die Beschäftigung mit dem Frieden als kommunistische Agitation. Trotzdem gründete sich der Demokratische Frauenbund Deutschland im Westen mit dem Ziel, für den Frieden zu arbeiten und eine Wiederbewaffnung der BRD zu verhindern.

Kollage zur Westdeutschen Frauenfriedensbewegung, aus: Was ist - Was will - Was tut - die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung? (1967)Kollage zur Westdeutschen Frauenfriedensbewegung, aus: Was ist - Was will - Was tut - die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung? (1967)

Während sich die meisten Frauenverbände in der BRD in ihren Forderungen auf die gesetzliche Gleichstellung von Frauen konzentrieren, entwickelt sich in den 1950er Jahren eine Frauenfriedensbewegung, die sich während des Kalten Krieges gegen die Einbindung der Bundesrepublik in ein Militärbündnis, gegen Wiederaufrüstung, Wehrpflicht und Atombewaffnung engagierte.

Antifaschistische Frauenausschüsse und Demokratischer Frauenbund Deutschland



1947 traten rund 2.000 Delegierte von antifaschistischen Frauenausschüssen zum "Deutschen Frauenkongress für den Frieden" in Berlin zusammen: Der Demokratische Frauenbund wurde als zonenübergreifende Organisation gegründet. Ziel war es, gegen Faschismus und Militarismus, für die Einheit und den Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands und für die Gleichberechtigung der Frau einzutreten. Nach der Währungsreform in den drei Westzonen und der Gründung beider deutschen Staaten, wurde der Demokratische Frauenbund Deutschland als eigenständige Organisation in der BRD gegründet.

Er gab die Zeitschrift "Frau von heute" heraus, beteiligte sich u.a. aktiv an den Unterschriftensammlungen für den Stockholmer Appell zur Ächtung der Atombombe. 1950 organisierte der DFD einen – wegen Verbot als "Kaffeeklatsch" getarnten – Friedenskongress der westdeutschen Frauen in München, auf dem 1000 Frauen die Ächtung der Atomwaffen wie die Begrenzung sämtlicher Waffen forderten. Da der DFD in Westdeutschland als "Marionette der DDR" abgestempelt wurde und Friedensaktivitäten damals generell unter Kommunismusverdacht fielen, verfolgte der westdeutsche Staat die geschilderten Aktivitäten. Mehrere DFD-Mitglieder, die der KPD nahe standen, wurden auf der Grundlage des Adenauer-Erlasses von 1950 aus dem öffentlichen Dienst entlassen und verurteilt. Der DFD, der nach eigenen Angaben 28.000 Mitglieder hatte, wurde 1957 als verfassungswidrige und staatsgefährdende Organisation verboten.

Die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung



Damit hatte sich das gefürchtete Thema Frieden allerdings nicht erledigt. In den 1950er Jahren entstand eine andere Frauenvereinigung mit Schwerpunkt Frieden, die sich als Basisbewegung, ohne feste Organisationsform, verstand. Aus einem Frauenfriedenskongress am 14. Oktober 1951, zu dem 1.000 Frauen gekommen waren, ging die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung WFFB im Februar 1952 hervor. "Seid wachsam! Seid kritisch! Zeigt Zivilcourage!" hieß die Losung.

Die Mitbegründerin und Mitredakteurin deren Zeitschrift "Frau und Frieden" Elly Steinmann berichtete über die Zusammensetzung der Bewegung: "In der WFFB arbeitete die Christin neben der Kommunistin, die Berufstätige mit der Hausfrau, die Wissenschaftlerin mit der Arbeiterin." Ziel war es, die Wiederaufrüstung und die Einbindung der Bundesrepublik in ein Militärbündnis zu verhindern, und eine friedliche Lösung des Deutschlandproblems (Ost-West-Verständigung) zu erreichen. Im Mai 1952 demonstrierten 1.600 Frauen in Bonn gegen den Generalvertrag, der einen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft vorsah, und forderten den Abschluss eines Friedensvertrags. Die WFFB protestierte 1954 gegen die allgemeine Wehrpflicht, 1955 gegen die Pariser Verträge, welche die Eingliederung der BRD in die NATO und die Möglichkeit der atomaren Bewaffnung von NATO-Truppen auch auf bundesdeutschem Gebiet vorsahen.

1957 wandte sich die Bewegung gegen die drohende Atomgefahr, 1960 gegen die Entwürfe der ersten Notstandsgesetze und die darin enthaltene Dienstverpflichtung für Frauen sowie den Abbau demokratischer Rechte. 1964 riefen die aktiven Frauen gegen die multilaterale Atomstreitmacht auf (700 WFFB-Frauen demonstrierten mit Frauen aller NATO-Länder in Den Haag) und ab Mitte der 1960er Jahre schlossen sie sich den Protesten gegen die US-amerikanische Aggression in Vietnam und deren Unterstützung durch die Bundesregierung an. Wegen ihres antimilitaristischen Engagements wurde die WFFB verfolgt – in Rheinland-Pfalz gewann sie ihren Prozess, gegen ihr Verbot als "kommunistische Tarnorganisation".

Im Rahmen der internationalen Solidarität gab es eine Zusammenarbeit mit der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit IFFF und der 1945 gegründeten Internationalen Demokratischen Frauenföderation IDFF.

Wer waren die Frauen der WFFB?



Mitbegründerin und Aktivistin war die Katholikin und Pazifistin Klara-Marie Fassbinder (1890-1974), "Friedensklärchen" genannt, Professorin für Geschichte an der Bonner Pädagogischen Hochschule, eines der ersten Berufsverbotsopfer in den 1950er Jahren. Fassbinder setzte sich auch für die Völkerverständigung ein und leitete eine erste Frauengruppe, die nach Auschwitz, Majdanek, Lidice und Oradour reiste. Auch die Journalistin Ingeborg Küster (1909-2004), 20 Jahre lang Redakteurin der Zeitschrift der WFFB "Frau und Frieden" war von der ersten Stunde an dabei, ebenso wie Elly Steinmann (1921), ebenfalls Journalistin und Redakteurin der WFFB-Zeitschrift. 1970 kam die Gewerkschafterin, Antifaschistin und Friedensaktivistin Alma Kettig (1915-1997) hinzu, die zwischen 1953 und 1965 für die SPD ein Bundestagsmandat inne hatte.

Kieler Frauen beteiligen sich an einer Demonstration zu der die verschiedensten Organisationen aufgerufen hattenKieler Frauen beteiligen sich an einer Demonstration zu der die verschiedensten Organisationen aufgerufen hatten, aus: Was ist, was will, was tut die westdeutsche Frauenfriedensbewegung, Gelsenkirchen 1967, S. 20.
1974 musste die Zeitschrift "Frau und Frieden" eingestellt werden, die WFFB zerfiel. Hauptgrund dafür war, dass es ihr nicht gelungen war, junge Frauen aus der Nachkriegsgeneration anzusprechen. Die Friedensfrage schien in der Phase der Entspannung in Europa kein Thema mehr zu sein.


Die weitere Entwicklung



Nach der WFFB-Auflösung in der Mitte der 1970er Jahre, initiierten Alma Kettig, Ingeborg Küster und Elly Steinmann zusammen mit Frauen der neuen Frauenbewegung und mit Gewerkschafterinnen, die Demokratische Fraueninitiative DFI. Ziel war es, die "Gleichberechtigung in einer humanen Gesellschaft" zu erreichen. Die DFI gab den Kalender "wir frauen" sowie die Zeitschrift gleichen Namens heraus. Sie betonte den gesellschaftlichen Zusammenhang der Frauendiskriminierung in der BRD, engagierte sich nicht nur für die Streichung des §218 aus dem Strafgesetz und für die Durchsetzung des Rechts auf Arbeit und auf gleiche Entlohnung für Frauen, sondern auch friedenspolitisch, wie in der Initiative "Frauen in die Bundeswehr – wir sagen Nein".

Diese ging 1979 mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem es u.a. hieß: "Man will die Frauen mit der Behauptung gewinnen, militärischer Frauendienst sei ein Schritt zur Gleichberechtigung... Die Vorstellung, durch Wehrdienst erhielten Frauen Zugang zu einem wichtigen, bislang den Männern vorbehaltenen Machtbereich und mehr Einfluss, ist eine Täuschung. Niemand wird zum Militär eingezogen, damit er dort politische Entscheidungen treffen kann, sondern damit er gehorcht und sich anpasst. Auch im Faschismus gab es Frauen in Uniform – waren sie darum gleichberechtigt?" Dieser Aufruf wurde von 100.000 Frauen unterschrieben.

Mit dem Ende der Entspannungspolitik, der Diskussion um die Neutronenbombe (1978) – die "saubere" Waffe, welche die Menschen tötet und die Gebäude ausspart – und mit dem NATO-Beschluss zur Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles 1979 griffen wieder Frauen in die sicherheitspolitische Debatte ein und es entstand erneut eine vielfältige Frauenfriedensbewegung aus verschiedenen Gruppen.

1980 veröffentlichten skandinavische Frauen ihren Friedensappell. Auch in der BRD kam es daraufhin zu Unterschriftenaktionen und innerhalb weniger Monate kamen 80.000 Unterschriften für sofortige Abrüstungsverhandlungen, für einen dauerhaften Weltfrieden und für die Verwendung der Rüstungsgelder für soziale Belange zusammen. Insgesamt 500.000 Unterschriften konnten dem UN-Generalsekretär auf der Kopenhagener UN-Weltfrauenkonferenz übergeben werden.

In den darauffolgenden Jahren gab es Frauenfriedensmärsche (Kopenhagen-Paris 1981, Berlin-Wien 1982, Dortmund Brüssel 1983), Frauenfriedensketten (1983, Frauen umzingelten in Bonn die Hardthöhe), Frauenfriedenszelte (vom Ruhrgebiet bis zur UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi), Frauen-Aktionen gegen deutsch-französische Waffenbrüderschaft und gegen die Perversion des Gedankens der deutsch-französischen Freundschaft im Sinne einer Militärachse Bonn-Paris (1988), eine KSZE der Frauen in Berlin 1990 unter dem Motto "Frauen Macht Europa", für Abrüstung und vertrauensbildende Maßnahmen. Durch den europäischen bzw. internationalen Charakter dieser Aktivitäten gewann die Frauenfriedensbewegung an Stärke.

Frieden nach der Vereinigung



1991, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, wandte sich die Frauenaktion Scheherazade mit einem Aufruf gegen den Golfkrieg an die Weltöffentlichkeit und die UNO: "Für eine Welturabstimmung jetzt! Sofortiger Waffenstillstand! Kein dritter Weltkrieg! Wir fordern, dass die Mehrheit dieser Welt zu Wort kommt!" 50.000 Frauen unterstützten diesen Aufruf.

Bei all diesen Friedensaktivitäten gab es unterschiedliche Ansatzpunkte, wurde viel und heftig über die Ursachen der Frauendiskriminierung und die Ursachen von Kriegen diskutiert und gestritten, – ob Kapitalismus oder / und Patriarchat – ebenfalls über die sozialen Folgen der Aufrüstung für die Frauen sowie über eine angeblich besondere Friedfertigkeit von Frauen.

Die meisten Forderungen der Frauenfriedensbewegung sind nicht verwirklicht worden – doch hat sich Frauenfriedenspolitik zum Teil institutionalisiert, vor allem ist ein neues Bewusstsein entstanden.


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