Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Melanie Stitz

Ungleiche Schwestern – Frauenbewegung seit 1989

Der Streit ums Kopftuch

Fereshta Ludin, Vordergrund rechts, und ihr Anwalt Hansjoerg Melchinger, Vordergrund links, verfolgen die Urteilsverkündung des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe am Mittwoch, 24. September 2003. Nach dem Urteil aus Karlsruhe kann das Land Baden-Württemberg einer muslimischen Lehrerin das Tragen eines Kopftuches nur verbieten, wenn es dafuer ein neues Gesetz verabschiedet.Der Streit ums Kopftuch beschäftigte 2003 auch das Bundesverfassungsgericht. (© AP)
In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends entzündete sich an der Frage, ob muslimische Lehrerinnen ein Kopftuch tragen dürfen, die Kopftuchdebatte. In ihr verhandelten unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte Selbstbestimmungsrechte von Frauen, Religionsfreiheit, das Selbstverständnis der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, Kriterien gelungener Integration und die Furcht vor dem Islam. Mitunter nahm die Debatte kulturchauvinistische Züge an, z. B. dann, wenn die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft als durchweg emanzipiert und fortschrittlich, Musliminnen und Muslime dagegen als per se rückständig imaginiert wurden.

Die Gründe, aus denen Frauen ein Kopftuch tragen, und die Kontexte, in denen sie handeln, sind vielfältig. Die Frage reduzierte sich jedoch bald auf ein Dafür oder Dagegen und spaltete auch die Frauenbewegung. Corinna Trogisch bilanzierte den Diskurs 2005: "Komplexe gesellschaftliche Phänomene und Problematiken (...) wurden auf eine einzige, dieser Komplexität unangemessene Frage reduziert. Ein ultimatives Bekenntnis in dieser Frage wurde sowohl gefordert als auch geleistet." Auf diese Weise sei kritisch-feministisches Potenzial ungenutzt geblieben bzw. für andere Zielsetzungen instrumentalisiert worden.[3]

"Wenn wir ohne Prüfung der individuellen Motive generell Frauen mit Kopftuch vom öffentlichen Schulleben ausschließen, treffen wir gerade die Frauen, die mit ihrem Streben nach Berufstätigkeit einen emanzipatorischen Weg beschreiten wollen", hieß es im "Aufruf wider eine Lex Kopftuch und für religiöse Vielfalt", den die damalige Integrationsbeauftragte Marieluise Beck initiierte. In der "Backlash"-Erklärung Helke Sanders wurde die Kopftuchfrage mit Menschenhandel, Beschneidung, Zwangsprostitution und -heirat verwoben. Wer gegen das Gleichheitsgebot verstoße, solle das Aufenthaltsrecht verlieren, hieß es. Wohin genuin Deutsche auszuweisen seien, die das Gleichheitsgebot missachten, blieb offen.

Gender Mainstreaming oder Frauenförderung?

Seit Ende der 1990er Jahre ist Gender Mainstreaming (GM) Leitlinie der EU-Politik und konkretisiert die in der Verfassung verankerte aktive Gleichstellungspolitik. GM zielt darauf ab, Benachteiligung nicht nur abzuschaffen, sondern auch die Prozesse und Strukturen zu identifizieren, die Benachteiligung herstellen. Mittels des GM konnte umfangreiches Datenmaterial zur Situation des Geschlechterverhältnisses gewonnen und der Blick in vielen Bereichen geschärft werden. Frauenpolitisch Engagierte kritisieren jedoch mangelnde Konsequenz und das Fehlen von Sanktionen, wenn GM gar nicht oder missbräuchlich verwendet wird. Als problematisch erweist sich GM auch dort, wo unter seinem Label Männern und Frauen essentiell unterschiedliche Interessen unterstellt werden. Fraglich ist z. B., ob Halbtagsstellen tatsächlich besonders frauenfreundlich sind. Dass sich vor allem Frauen für halbe Stellen interessieren, die nur selten existenzsichernd sind, liegt sicher auch daran, dass sie sich nach wie vor dafür verantwortlich fühlen – und dafür verantwortlich gemacht werden –, Lohn-, Haus- und Familienarbeit zu vereinbaren. Mitunter wird GM dazu benutzt, die gezielte Frauenförderung auszusetzen. Zudem, so die Kritik, würden relevante Politikfelder vom GM ausgespart, wie z. B. die Hartz-IV-Gesetzgebung.

Der Opfer gedenken – aber wie?

Der norwegische Künstler Ingar Dragset , links, und sein dänischer Kollege Michael Elmgreen stehen im Tiergarten, Berlin vor dem von ihnen entworfenen Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen.Der Künstler Ingar Dragset (inks) und Michael Elmgreen vor dem von ihnen entworfenen Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen. Im August 2008 wurde ein Anschhlag auf das Denkmal verübt. (© AP)
Diskussionspunkt der jüngeren Vergangenheit war unter anderem der Entwurf zum Mahnmal für im Nationalsozialismus verfolgte Homosexuelle in Berlin. In einem Betonkubus ist ein Video mit zwei sich küssenden Männern zu sehen. Nach intensiven Auseinandersetzungen wurde vereinbart, alle zwei Jahre wechselnd unterschiedliche Darstellungen homosexueller Paare zu zeigen. Eine Jury wird über das nächste Video entscheiden. Dass beim nächsten Mal ein lesbisches Paar zu sehen sein wird, ist also keineswegs ausgemacht.

Trotz aller Erfolge auf den Gebieten der politischen und kulturellen Repräsentationen sind homophobe Ressentiments in der Gesellschaft noch immer tief verwurzelt. Gegen diese anzugehen ist und bleibt eine wichtige Zielsetzung auch der modernen FrauenLesbenbewegung.

Der antifeministische Gegenschlag und seine neuen-alten Mythen

Seit der Jahrtausendwende konzentrieren sich antifeministische Angriffe vor allem auf das Konzept des Gender Mainstreaming und pädagogische Ansätze, welche die vielseitige Entfaltung jenseits geschlechtsstereotypischer Zuschreibungen fördern wollen.

Mit den Geburtsjahrgängen um 1970 startete die Generation "Selbstoptimierung" mit großem Selbstvertrauen in Studium und Job. Erfolg wie Misserfolg, Machtgefälle und Kommunikationsprobleme vor dem Hintergrund von Geschlechterverhältnissen zu erklären, kam aus der Mode. Ließ sich dann doch eine kollektive Erfahrung, die über die Einzelnen hinauswies, erahnen, dann griffen Erklärungen aus der Soziobiologie, die z. B. bürgerliche Familienmodelle in die Steinzeit projizierten und von dort aus die Gegenwart als unveränderlich interpretierten.

Nach wie vor fließt viel Energie der Frauenbewegung in die Aufgabe, Backlash-Mythen in Frage zu stellen, die gesellschaftliche Diskussion an den aktuellen Forschungsstand anzubinden und Lebensrealitäten wie Kompetenzen von Frauen in den Medien adäquat darzustellen.

Fußnoten

3.
Corinna Trogisch: Bekenntnishaft. Von neuen Zudringlichkeiten und feministischem Selbstverständnis in der Kopftuchdebatte. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis 66/67, Köln 2005, S. 205.
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