Dossier Frauenbewegung
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Wie weiter – offene Fragen und neue Positionen


8.9.2008
Und heute? Frauen leben nach wie vor nicht in einem feministischen Paradies. Viel bleibt noch zu tun. Was macht die Frauenbewegung heute? Wo ist sie und was wird diskutiert?

Mathe und Technik sind "Männersache" - von wegen. Am Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag haben Schülerinnen die Möglichkeit auch vermeintlich "typische Männerberufe" kennenzulernen. Hier experimentieren Mädchen in einem Chemielabor.Mathe und Technik sind "Männersache" - von wegen. Am Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag haben Schülerinnen die Möglichkeit auch vermeintlich "typische Männerberufe" kennenzulernen. Hier experimentieren Mädchen in einem Chemielabor. (© www.girls-day.de)

Viel ist erreicht, trotzdem leben Frauen in Deutschland nicht im feministischen Paradies, noch nicht einmal in einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Obwohl mehr Frauen in den politischen Parteien sogar hohe Ämter besetzen, haben sich die Lebensbedingungen für viele Frauen verschärft.

Bis in die 1990er Jahre hatten sich aus den verschiedenen Initiativen der Frauenbewegung heraus Beratungsstrukturen und ein hoher Grad an Professionalisierung entwickelt. Das hatte jedoch den Nachteil, dass die konkrete Arbeit immer weniger Kraft ließ, zusätzlich noch Vernetzung voranzutreiben und politischen Druck zu erzeugen. Dabei ging und geht es den Frauenprojekten nicht nur darum, "Klientinnen zu versorgen", sondern die Verhältnisse zu ändern. Dieses Problem wird inzwischen auch als "Versozialarbeiterisierung der Bewegung" beschrieben.

In Zeiten, in denen zahlreiche Frauenprojekte um ihr finanzielles Überleben kämpfen, stellt sich die Frage der Repolitisierung mit neuer Dringlichkeit, sowie die der Einbindung nachfolgender Generationen. Ausreichende Sensibilisierung und gesellschaftlichen Druck zu erzeugen, um die ehrenamtliche wie professionelle Infrastruktur der Frauenbewegung zu bewahren, bleibt eine zentrale Herausforderung. Dabei ist es nicht so leicht wie in der Vergangenheit, eine klassifizierbare Bewegung zu orten. Vielmehr sind es vielfältige Themen und Problemfelder, für die sich heutige Feministinnen engagieren.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit



Mit Blick auf den EU-Gleichstellungsbericht 2007 spricht der Deutsche Frauenrat von einer "grundlegenden Diskriminierung": Verdienen Frauen in Europa durchschnittlich 15 Prozent weniger als Männer, sind es in Deutschland gut 20 Prozent. Laut ver.di sind 29,6 Prozent aller Arbeitnehmerinnen im Niedriglohnsektor tätig im Vergleich zu 12,6 Prozent der männlichen Arbeitnehmer. Die Folgen sind eine eklatante Altersarmut von Frauen, die wohl in den nächsten Jahren noch zunehmen wird. Darüber hinaus wird wieder das Thema Arbeitsbedingungen in den Blick genommen, auch dies ein Bereich, in dem Frauen sehr stark von Diskriminierungen betroffen sind. Erwähnt seien z. B. die CleanClothCampaign, die gegen unwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilbranche mobilisiert, oder die gewerkschaftlichen Solidaritätsaktionen mit Verkäuferinnen, die bei verschiedenen großen Ketten diskriminierenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind.

Die Philosophin Frigga Haug wagt den Entwurf einer anderen geschlechtergerechten Gesellschaft und fordert den 16-Stunden-Tag für alle. Das würde für Frauen wie Männer bedeuten, vier Stunden für die Lohnarbeit aufzubringen, vier Stunden für Reproduktion und Familienarbeit, vier Stunden für Bildung und Kulturarbeit sowie vier Stunden für politische Partizipation.

Girls Day



Noch immer wählen über 50 Prozent aller Mädchen so genannte "typische Frauenberufe" wie Arzthelferin, Friseurin, Hotelfachfrau oder Bürofachfrau – Berufe mit geringem Lohn und niedriger sozialer Anerkennung. Um Mädchen auch für andere Berufe, insbesondere in Industrie und Handwerk, zu interessieren, laden Firmen seit 2001 am vierten Aprildonnerstag Schülerinnen ab der 5. Klasse zum "Girls Day" ein. Das Konzept zeigt Erfolge, inzwischen stammen 20 Prozent aller Bewerbungen in handwerklichen Betrieben von Teilnehmerinnen des Girls Days.

Der Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag 2008 brachte einen neuen Teilnahmerekord. Seit Beginn des Aktionstags haben insgesamt etwa 800.000 Mädchen am Girls'Day teilgenommen.Der Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag 2008 brachte einen neuen Teilnahmerekord. Seit Beginn des Aktionstags haben insgesamt etwa 800.000 Mädchen am Girls'Day teilgenommen. (© www.girls-day.de )
Insgesamt bleibt das Interesse an vermeintlich männlichen Berufsfeldern bei Mädchen jedoch eher gering, nicht zuletzt, weil sie schon früh und anders als ihre Altersgenossen über die Vereinbarkeit von Job und Familie nachdenken. In den Vorstellungen der Jungen ist "einen Beruf haben" quasi Voraussetzung dafür, später eine Familie zu gründen. Mädchen dagegen ziehen schon früh den Schluss, dass Berufstätigkeit und Familienleben miteinander in Konflikt stehen und sie diejenigen sein werden, die ihn zu lösen haben. Dieser Eindruck wird durch die moralisch aufgeladene Debatte um die vermeintlich unersetzliche Rund-um-die-Uhr-Präsenz von Müttern in den ersten Lebensjahren noch verschärft.

Mehr als die Hälfte aller Eltern unterscheidet in Mädchen- und Jungenfächer. So werden – vereinfacht gesprochen – mathematische Misserfolge für Jungen gerne mit einem Formtief, bei Mädchen als quasi "natürliches Desinteresse" oder mangelnde Eignung interpretiert. Die hohe Wirksamkeit von Erwartungen seitens Eltern, Lehrenden, Gleichaltrigen und entsprechende Medienbotschaften ist hinreichend belegt. Starten Jungen und Mädchen ihre Schullaufbahn noch mit gleichen Leistungen und Potenzialen, haben sie bis zum Ende der Adoleszenz verinnerlicht, dass Sprache ein Mädchenressort, Mathe und Technik hingegen "Männersache" seien.

Im Wintersemester 2007/2008 schrieben sich im Bereich der Ingenieurwissenschaften erstmals 27 Prozent weibliche Studienanfänger ein. Dabei lag in der DDR der Anteil von Studentinnen in naturwissenschaftlichen Fächern stets bei einem Viertel, in der BRD bei nicht einmal 5 Prozent. Zwei Jahre nach dem Mauerfall waren es auch im Osten nur noch 5 Prozent. In Umfragen antworteten ostdeutsche Studentinnen, sie gingen davon aus, im wiedervereinten Deutschland mit einem technisch-naturwissenschaftlichen Abschluss keinen Job zu bekommen.


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