Dossier Frauenbewegung

8.1.2009 | Von:
Dr. Kerstin Wolff

Helene Lange

Eine Lehrerin in der bürgerlichen Frauenbewegung

Helene Lange (1848 - 1930) ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts. Sie setzte sich für gleiche Bildungs- und Berufschancen für Frauen ein.

Helene Lange um 1890.Helene Lange um 1890.Bildnachweis (© AddF (Bild 21))
Bereits zu Lebzeiten war Helene Lange eine der wichtigsten und wegweisendsten Persönlichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung – und daran hat sich in der Wahrnehmung bis heute auch nichts verändert. Ihr Name, der heute einigen Schulen ihre Bezeichnung gegeben hat, steht für eine unerschrockene Kämpferin für Mädchenbildung einerseits und andererseits für eine liberale Publizistin, die mit ihrer Zeitschrift "Die Frau" die theoretischen Diskussionen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung massiv beeinflusst hat.

Helene Henriette Elisabeth Lange wurde am 9. April 1848 in Oldenburg als Tochter des Kaufmanns Carl Theodor Lange (1819-1864) und seiner Gattin Johanne Sophie Amalie geb. tom Dieck geboren. Die Mutter starb bereits im Jahr 1855, der Vater 1864, was die sechzehnjährige Helene Lange zur Vollwaise machte. Da sie noch nicht volljährig war, wurde ihr der Wunsch, das Lehrerinnenexamen ablegen zu dürfen, abgeschlagen. Sie musste erst 23 Jahre alt werden, bis sie 1871 mit einem kleinen ererbten Vermögen nach Berlin ziehen konnte, um sich hier ihrem Ziel zu widmen. Sechs Monate Vorbereitungszeit hatte sie sich selber zugestanden und 1872 legte sie als Externe an der Königlichen Augusta-Schule (heute Sophie-Scholl-Gesamtschule) in Schöneberg die Lehrerinnenprüfung erfolgreich ab.


Von der organisierten Frauenbewegung nahm sie in diesen Anfangsjahren noch keine Notiz, vielmehr fand sie Kontakt zu den liberalen Kreisen in Berlin die ihr diese wiederum näherbrachten. Trotz der Bekanntschaft mit Persönlichkeiten der Berliner bürgerlichen Frauenbewegung wie Hedwig Heyl, Henriette und Franziska Tiburtius oder Henriette Schrader-Breymann erfolgte der Sprung Helene Langes in die Frauenbewegung über ihren Beruf als Lehrerin.

Durch ihre Tätigkeit als Lehrerin an höheren Töchterschulen wurde sie mit den Missständen in der Lehrerinnenausbildung aber auch mit den ungenügenden Lehrinhalten für Mädchen konfrontiert. Vor allem bürgerliche Mädchen sollten nach wie vor auf ein müßiges Leben an der Seite eines Ehemannes vorbereitet werden, ein Lebensmodell was aber in eine nicht mehr zu übersehende Krise geraten war. Immer mehr Frauen und Mädchen des Bürgertums waren in der Situation, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen, ein Problem, auf das sie die höheren Töchterschulen nur sehr ungenügend vorbereiteten. Es war Helene Lange, die diese Veränderung erkannte. Sie begann nun, nach einem Weg zu suchen, Mädchen eine gleichwertige Ausbildung wie Jungen zukommen zu lassen. Gleichzeitig versuchte sie, diese Ausbildung in qualifizierte Frauenhände zu legen. Mädchen sollten nach den Vorstellungen von Lange dazu befähigt werden, eine eigenständige Persönlichkeit zu entfalten.

Die Idee, das Schulwesen der höheren Töchterschulen grundsätzlich zu reformieren, schien unter der Regierung des liberalen Kaisers Friedrich III. 1888 gelingen zu können. Allerdings wurde recht schnell klar, dass diese Regentschaft aufgrund des Gesundheitszustandes des Kaisers nicht lange andauern würde. Doch vor allem seine Gattin Viktoria (Kaiserin Friedrich) hatte schon immer in engem Kontakt zur liberalen Frauenbewegung gestanden und so entschlossen sich einige Frauen einen Vorstoß in dieser Sache zu wagen.

Die Gelbe Broschüre

Am 9. Januar 1888 reichten sechs Frauen (Helene Lange, Minna Cauer, Anna Luise Dorothea Jessen, Henriette Schrader-Breymann, Marie Loeper-Housselle und Frau Eberty) eine Petition an das Preußische Unterrichtsministerium und das Preußische Abgeordnetenhaus ein. Die Begleitschrift zu dieser Petition, die so genannte Gelbe Broschüre hatte Helene Lange verfasst. In ihr hatte sie zwei konkrete Forderungen aufgestellt: "1. dass dem weiblichen Element eine größere Beteiligung an dem wissenschaftlichen Unterricht auf Mittel- und Oberstufe der öffentlichen höheren Mädchenschulen gegeben und namentlich Religion und Deutsch in Frauenhand gelegt werden. 2. dass von Staatswegen Anstalten zur Ausbildung wissenschaftlicher Lehrerinnen für die Oberklassen der höheren Mädchenschulen mögen errichtet werden."

Diese Gelbe Broschüre machte Helene Lange mit einem Schlag auch über liberale und pädagogische Kreise hinaus bekannt. Ihre Broschüre wurde zum entscheidenden Anstoß zur Reform des Mädchenschulwesens. Die Petition selbst hatte keinen politischen Erfolg. Sie wurde im Abgeordnetenhaus nicht behandelt und von Seiten der Regierung nach einem Jahr abgelehnt.

Trotzdem gab Helene Lange ihre Idee nicht auf. Nach dem klar geworden war, dass "Vater Staat" an der Erziehung seiner "Töchter" kein Interesse hatte und der liberale Kaiser bereits 1888 verstorben war, griff Helene Lange zur Selbsthilfe. Zusammen mit Minna Cauer und Franziska Tiburtius gelang es ihr, 1889 "Realkurse" für Mädchen aufzubauen. Die Realkurse sollten Mädchen nach dem Besuch der höheren Töchterschule befähigen, innerhalb von zwei Jahren eine "allgemeine Bildungsgrundlage für praktische – gewerbliche und kaufmännische – Berufe und, soweit das möglich war, für die [Schweizer] Universität" zu erlangen. Das Ganze war ein Experiment und spiegelt auch Helene Langes politisches Verständnis wider. Sie hoffte darauf, dass durch die Leistungen der jungen Frauen die Rechtmäßigkeit der Forderungen offensichtlich werden würden.

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