Dossier Frauenbewegung
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Clara Zetkin

13.1.2009
Beruflich hatte die Remigrantin anfangs große Schwierigkeiten; dies änderte sich erst, als ihr Anfang 1892 die Leitung der Zeitschrift "Die Gleichheit" in Stuttgart angeboten wurde. Unter Zetkins mehr als 25-jähriger Verantwortung entwickelte sich diese Zeitschrift zum maßgeblichen publizistischen Organ der Arbeiterinnenbewegung mit immensen Auflagenzahlen. Clara Zetkin selbst wurde durch dieses einflussreiche Sprachrohr zur Leitfigur und zum Zentrum der wachsenden proletarischen Frauenbewegung. Und zwar nicht nur national, sondern auch international: 1907 wurde sie auf der von ihr in Stuttgart organisierten I. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz zur Leiterin des neugegründeten Internationalen Frauensekretariats bestimmt. Und auf der Folgekonferenz 1910 in Kopenhagen initiierte sie mit dem Internationalen Frauentag einen Kampftag für Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Sozialismus, der 1911 unter dem Motto "Heraus mit dem Frauenwahlrecht!" erstmals begangen wurde und ein noch heute aktuelles Erbe Zetkins darstellt.

Gegnerin des Ersten Weltkriegs



Auch innerhalb der SPD hatte Clara Zetkin eine führende Rolle inne und war als Mitglied der Kontrollkommission von 1909 bis 1917 Teil des Parteivorstands. Sie gehörte wortführend zum revolutionären linken Flügel der Partei und zählte zu denjenigen, die sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Mehrheitsentscheidung der Partei zur Zustimmung der Kriegskredite und zur Burgfriedenspolitik widersetzten und sich damit offen gegen die Partei stellten. Als Sekretärin des Internationalen Frauensekretariats versammelte sie – gegen das Verbot des Parteivorstandes – im März 1915 Frauen der am Krieg beteiligten Länder zu einer sozialistischen Frauenkonferenz in Bern. Als Clara Zetkin anschließend in Deutschland Flugblätter mit den Forderungen der Frauenkonferenz zur Beendigung des Krieges verteilen ließ, wurde sie verhaftet und des Landesverrats angeklagt, jedoch aufgrund ungeheuren Protests schließlich wieder aus der Haft entlassen.

Der parteiinterne Richtungsstreit der deutschen Sozialdemokratie, der sich an der Kriegsfrage entzündet hatte, endete in einer Spaltung: Die Gruppe der radikalen Linken um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründete zunächst den Spartakusbund, 1917 dann die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) und schließlich die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Zu dieser Gruppe gehörte auch Clara Zetkin, die eine enge Freundin von Luxemburg war. Die Redaktion der "Gleichheit" wurde ihr daraufhin entzogen – ein harter Schlag für Zetkin, die so ihres Lebenswerks beraubt wurde.

Führende Frauenrechtlerin in der kommunistischen Weltbewegung



In der Folge konzentrierte sie ihr politisches Engagement nun ganz auf die kommunistische Weltbewegung. Die Freundin Lenins wurde in der Weimarer Republik nicht nur zur kommunistischen Spitzenfunktionärin und Berufspolitikerin, sondern auch zur führenden kommunistischen Frauenrechtlerin. Die Zahl ihrer Ämter auf nationaler wie internationaler Ebene war groß: U.a. gehörte sie einige Jahre dem obersten Führungsorgan der KPD, der Zentrale, und danach dem Zentralkomitee der Partei an, wo sie den gemäßigten Flügel vertrat, war Mitglied des Exekutivkomitees bzw. des Präsidiums der Kommunistischen Internationale und leitete die Rote Hilfe Deutschland sowie die Internationale Arbeiterhilfe (IAH). Zudem redigierte sie erneut parteinahe Frauenzeitschriften (1919-1921 "Die Kommunistin"; 1921-1925 "Die Kommunistische Fraueninternationale"), saß ab 1925 dem Roten Frauen- und Mädchen-Bund vor und war Leiterin des Frauensekretariats der Kommunistischen Internationalen.

Schließlich gehörte Clara Zetkin auch zu den Frauen, die ab 1919 erstmals als Abgeordnete in deutsche Parlamente einziehen konnten: 1919/20 war sie Mitglied der Verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs und hielt dort die erste Rede, die je von einer Frau in einem deutschen Parlament gehalten wurde, und von 1920 bis1933 gehörte sie dem Deutschen Reichstag an.

All dieser Ämter gerecht zu werden, viel ihr zunehmend schwer, da sie nicht nur zunehmend kränker wurde, sondern auch immer wieder für kürzere oder längere Zeit in der UdSSR lebte. Im August 1932 kehrte die 75-Jährige, gebrechlich und fast völlig erblindet, ein letztes Mal nach Deutschland zurück, um als erste Alterpräsidentin den letzten demokratischen Reichstag zu eröffnen, in dem erstmals die NSDAP die stärkste Partei war. Die Gegnerin des Faschismus warnte dabei vor der Gefahr des Nationalsozialismus und forderte einen Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte.

Nach ihrer berühmt gewordenen letzten Rede, in der sie ihr politisches Vermächtnis zu Protokoll gegeben hatte, kehrte Clara Zetkin wieder nach Moskau zurück. Als Gegnerin Stalins geriet sie hier, obwohl sie weiterhin offizielle Ehrungen erhielt, in politische Isolierung. Im Alter von fast 76 Jahren starb sie am 20. Juni 1933 in einem Erholungsheim in Archangelskoje in der Nähe von Moskau; ihre Urne wurde an der Kremlmauer beigesetzt.

Literatur



Zetkin, Clara (1889): Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart, Berlin.

Zetkin, Clara (1896): Nur mit der proletarischen Frau wird der Sozialismus siegen! In: Zetkin, Clara (Hrsg.): Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin, S. 95-111.

Zetkin, Clara (1928): Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands (Nachdruck 1971), Frankfurt/M..

Badia, Gilbert (1994): Clara Zetkin. Eine neue Biographie, Berlin.

Hervé, Florence (Hrsg.) (2007): Clara Zetkin oder: Dort kämpfen, wo das Leben ist, Berlin.

Puschnerat, Tânia (2003): Clara Zetkin: Bürgerlichkeit und Marxismus. Eine Biographie, Essen.


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