Dossier Frauenbewegung

13.1.2009 | Von:
Dr. Elke Schüller

Anita Augspurg

Aufsehenerregender Politik- und Lebensstil

Anita Augspurg wurde als leidenschaftliche und anerkannte Rednerin, vor allem aber durch ihre umfangreiche journalistische Tätigkeit in in- und ausländischen Fachzeitschriften sowie der Tagespresse, in denen sie für die sozialen und politischen Rechte der Frau stritt, und durch die Herausgabe eigener publizistischer Organe zu einem wichtigen Motor für die Öffentlichkeitsarbeit der radikalen Frauenbewegung. Sie begründete dabei aber ihr Ziel, die Gleichberechtigung in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens herzustellen, nicht nur theoretisch, sondern ließ es – orientiert an den Methoden der englischen Suffragetten – mit einer "Propaganda der Tat" öffentlichkeitswirksam und praktisch werden. Sie verfasste spektakuläre Aufrufe, z.B. zum Eheboykott im Kampf gegen das Eherecht, und inszenierte Aktionen zivilen Ungehorsams, die einmal sogar zu einer von ihr beabsichtigten Verhaftung durch die Sittenpolizei führten.

Auch ihr Privatleben mit der Millionenerbin Lida Gustava Heymann war extravagant und aufsehenerregend. Die beiden unkonventionellen Frauen zogen 1907 nach Bayern, lebten erst in München, dann auf dem Land in gemeinsamen Domizilen und betrieben teilweise einen nur mit weiblichem Personal bewirtschafteten Gutshof. Zudem praktizierten sie Sportarten, die als unweiblich galten, machten beide 1928 den Führerschein und bereisten ganz Deutschland im selbstgesteuerten Auto.

Pazifistisches Engagement

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges richtete Augspurg ihre Energien gemeinsam mit Heymann vor allem auf die Friedensarbeit. Mit seiner scharfen Kritik am Krieg stand das Paar aber in der kriegseuphorisierten Nation selbst in Frauenrechts- und Intellektuellenkreisen nahezu allein da. 1915 gehörte es zu den Initiatorinnen der Internationalen Frauenfriedenskonferenz in Den Haag (Niederlande) und beteiligte sich an der Gründung der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Bis 1933 gehörte Anita Augspurg dem Vorstand des deutschen Zweigs der Liga an und gab von 1919-1933 gemeinsam mit Heymann die pazifistische Zeitschrift "Die Frau im Staat" heraus. Wegen ihrer pazifistischen Aktivitäten und ihres Aufrufs zum Eheboykott schloss der BDF Anita Augspurg aus, sie hatte während des Weltkrieges öffentliches Redeverbot und musste Hausdurchsuchungen hinnehmen.

1918 gehörte sie als Vertreterin der Frauenbewegung dem provisorischen Bayerischen Rätekongress an und kandidierte 1919 erfolglos auf Listen der sozialistischen USPD für den Bayerischen Landtag. Nach Zerschlagung der Räterepublik setzte Augspurg keine großen Erwartungen mehr in die Weimarer Republik und konzentrierte sich auf ihre Arbeit für den Pazifismus.

Aufgrund ihrer demokratischen Haltung und ihres antimilitaristischen Engagements erkannte Anita Augspurg sehr früh die faschistische Gefahr. 1933, nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, kehrten Augspurg und Heymann, die seit 1923 auf der Liquidationsliste der Nazis standen, in kluger Voraussicht des Kommenden von einer Auslandsreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Sie lebten bis zu ihrem Tod im Züricher Exil und arbeiteten dort weiter für die IFFF. Da ihr Vermögen in Deutschland konfisziert wurde, lebte das Paar unter schwierigsten Bedingungen von publizistischen Tätigkeiten und von der Unterstützung durch Freundinnen aus der internationalen Frauenbewegung. Auch ihr umfangreiches Frauenarchiv und ihr gesamter Nachlass wurden von den Nationalsozialisten zerstört. Am 20. Dezember 1943 starb Anita Augspurg 86-jährig in Zürich – nur fünf Monate nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin.

Literatur

Augspurg, Anita (1894): Die ethische Seite der Frauenfrage. Minden / Leipzig.

Augspurg, Anita (1898): Über die Entstehung und Praxis der Volksvertretung in England. In: Annalen des deutschen Reiches für Gesetzgebung, Verwaltung und Statistik, S. 499-543.

Heymann, Lida Gustava; Augspurg, Anita (1972): Erlebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850 - 1940, hg v. Margrit Twellmann. Meisenheim am Glaan, Anton Hain (Neuauflage: Königstein: Ulrike Helmer 1992).

Henke, Christiane (2000): Anita Augspurg. Reinbek, Rowohlt.

Kinnebrock, Susanne (2005): Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Eine kommunikationshistorische Biographie. Herbolzheim, Centaurus.

Link

Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt vom 22. September 2007: "Wo ist das Recht der Frau?" Vor 150 Jahren wurde die Frauenrechtlerin Anita Augspurg geboren. Von Irene Meichsner. Sendemanuskript und Audio-Download.

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