Frauenfußballerinnen
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4.9.2007 | Von:
Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza

DFB verbietet seinen Vereinen Damenfußball

Trotz der grundgesetzlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau dominiert das patriarchalische Denken die Fußballwelt. Dem 1949 neugegründeten Deutschen Fußball-Bund gilt der Sport als "unweiblich" und nicht "fraugemäß". 1955 verbietet der DFB den Frauenfußball.

DFB-Präsident Peco Bauwens bei der Übergabe der Meisterschale 1953 an Kaiserlauten. 1955 verbietet der DFB seinen Vereinen den Frauenfußball. (Foto: AP)DFB-Präsident Peco Bauwens bei der Übergabe der Meisterschale 1953 an Kaiserlauten. 1955 verbietet der DFB seinen Vereinen den Frauenfußball. (Foto: AP) (© AP)
Am 30. Juli 1955 folgt der DFB auf seinem Bundestag in Berlin dem Beispiel des Fußballverbandes Niederrhein und verbietet den Damenfußball bundesweit in seinen Reihen. Die Fußball-Herren argumentieren: "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand." (Quelle: dfb.de) Einstimmig beschließt der DFB "aus ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen" und unter Androhung von Strafe bei Zuwiderhandlung "unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, unseren "Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten." (DFB Jahrbuch 1955)

Dr. Hubert Claessen, langjähriges DFB-Vorstandsmitglied, ist im Juli 1955 als Delegierter in Berlin dabei und beschreibt den männerbündlerisch-konservativen "Korps-Geist" der Delegierten und ihr "ästhetisches Empfinden": "Das war schon eine schwere Sünde, dass die Mädchen da mit einem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen den Ball traten oder sich gegenseitig foulten. Nach Vorstellungen der alten Herren war das unmöglich. Man wollte einfach keine Damenfußballabteilungen und keine Damenwettbewerbe, weil man sagte, das ist kein Sport, der sich für Frauen eignet, weil der Körper der Frau für den Kampfsport – denn Fußball wurde immer noch als Kampfsport angesehen – weder physisch noch seelisch geeignet ist".(Dr. Hubert Claessen, Interview 1999).

Das Treten ist männlich, das Nicht-Treten weiblich"

"

Die biologistischen und medizinischen Argumente der DFB-Riege werden von nicht wenigen Medizinern schon damals bestritten. Aber es gibt von Seiten der Medizin und Psychologie auch deftige Argumentationshilfen, die die männliche Sicht der Dinge scheinbar wissenschaftlich untermauern. Der bekannte Psychologe Fred J.J. Buytendijk bringt 1953 eine Studie über das Fussballspiel heraus, die an Geschlechterdiskrimierung kaum zu überbieten ist: "Der Fuß bedeutet aber /.../ treten – eine bestimmte Form der Aggression und eine bestimme Verhaltensweise zum eigenen Körper, Grund und Anlaß für eine demonstrative Männlichkeit und die dazu erforderliche unerbittliche Härte, die manche Rohheit nennen. /../ Im Fußballspiel zeigt sich in spielender Form das Grundschema der männlichen Neigungen und der Wert der männlichen Welt. /.../ Das Fussballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. /.../ Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich." (F.J.J. Buytendijk, 1953. S. 25/26)

Grün Weiß Dortmund

Die Frauen aber kicken außerhalb des DFB unverdrossen weiter. Ursula Graeve, geb. Hüser, darf lange Zeit kein Fußball spielen – ihre Mutter ist strikt dagegen. Erst als sie mit 21 Jahren die damalige Volljährigkeit erreicht, bekennt sie sich öffentlich zu ihrer Fußball-Leidenschaft und gehört zu den Gründungsmitgliedern des im Frühjahr 1956 ins Leben gerufenen Teams von Grün-Weiß Dortmund. Im Vereinslokal Weber an der Stahlwerkstraße findet das Team ein Domizil. Trainiert wird regelmäßig auf der angrenzenden Fußballwiese, die sich im Privatbesitz des Gaststätteninhabers befindet. Nach einem "Werbespiel" gegen eine Damenelf aus den Haag, das auf dem Viktoriaplatz "Am Zehnthof" vor 1200 Zuschauern 2:2 endet, kommt es zu einem Anmeldeboom bei den Grün-Weißen. Mütter und Väter begleiten ihre Töchter zum Vereinslokal Weber, um sich über Damenfußball zu informieren und ihre Schützlinge anzumelden. Zeitweise kann Grün-Weiß Dortmund sogar zwei Frauenteams stellen.

Rund 18 Monate kicken die Dortmunder Grün-Weißen. Zahleiche Städtespiele gegen Essen, Mönchengladbach, den Haag, Utrecht oder Harlem werden auf dem Viktoriaplatz "Am Zehnthof" ausgetragen. Die Damen werden aber auch mehrmals zu Gastspielen nach Holland eingeladen, manche von ihnen auch in die Nationalelf berufen. Als die Herren von Borussia Dortmund 1956 Deutscher Meister werden, feiern die Grün-Weiß Damen kräftig mit. Beim öffentlichen Empfang der Meistermannschaft durch Oberbürgermeister Keunig in der Dortmunder Innenstadt betreten die Fußball-Damen in voller Fußballkluft das Siegerpodest und überreichen den Meisterkickern einen Blumenstrauß. Daraufhin werden sie zur internen Meisterschaftsfeier der Borussen eingeladen.

Rhenania Essen

Im Jahre 1956 gründet sich mit dem DFC Rhenania in Essen ein weiterer Damenfußball-Verein. Im August wird die Satzung formuliert, im Oktober der Vorstand gewählt. 1. Vorsitzender wird der Vorarbeiter Wilhelm Lange, 2. Vorsitzender der Elektrobrenner Fritz Schortemeier, 3. Vorsitzender die Arbeiterin Klara Borkenfels.

Fritz Schortemeier trainiert auch die Damenelf und – folgt man den Rhenania-Kickerinnen Gisela Koch und Erika Flügge – erweist sich zugleich als ebenso talentierter wie fürsorglicher Manager. Er zahlt und besorgt die Trikotage, organisiert Busse zu Auswärtsspielen in Holland oder deutschen Städten wie Hannover, Lüdenscheid, Dortmund und Bochum, lässt Plakate drucken und hängt sie eigenhändig auf. Und er organisiert gegen teils heftigen Widerstand Sportplätze – zum Trainieren und für Städtespiele. Er begleitet auch die Spielerinnen persönlich nach Hause, wenn sie von einer auswärtigen Städtetour sonntags gegen Mitternacht spät oder verspätet zurückkommen: "Und wenn wir Touren gemacht haben und wir um 12 Uhr nach Hause kamen, meine Brüder schliefen dann schon, da musste meist der Herr Schortemeier mit rauf, eine Entschuldigung bringen. Wenn ich unterwegs war konnte meine Mutter nicht schlafen, weil sie gedacht hat: Wo bleibt sie nur, was ist bloß los." (Gisela Koch, Interview 2006)

Auch die 17-jährige Helga Nell kickt bei Rhenania, damals noch unter ihrem Mädchennamen Tönnies. Sie arbeitet in der Brauerei Stauder und trainiert zweimal wöchentlich. Die junge Frau ist so fußballbegeistert, dass sie in Ermangelung des Fahrgeldes für die Straßenbahn oft den kilometerlangen Weg zum Trainingsplatz zu Fuß zurücklegt. Bis 1960 ist sie bei Rhenania aktiv. Dann heiratet sie und hört als Aktive auf, ehe sie 1969 für die SpVgg. Rot-Weiß Resser Mark erneut die Fußballstiefel schnürt und später mit ihrer Elf im westdeutschen Pokalfinale steht.

In den 50er Jahren reist Helga Tönnies mit Rhenania über die Dörfer und wird später in das Länderteam berufen. Zeitweise gibt es beim Auflaufen der Rhenanen heftigen Spott und Beschimpfungen, denn zum Spielfeld gehen die Frauen meist durch ein Spalier von Zuschauern. "Da musste man sich schon mal die Backe putzen, da wurd´ man schon mal angespuckt und von oben bis unten angeguckt und gefragt: Was macht ihr Weiber aufm Sportplatz", erinnert sich die leidenschaftliche Fußballerin. (Helga Nell, Interview, 2005). Doch nicht die "Quertreiber" unter den Zuschauern überwiegen, sondern Zustimmung und Begeisterung.

Der Westdeutsche Damen-Fußball-Verband wird gegründet

Das DFB-Verbot stößt vielerorts auf Protest. 1956 gründet der Kaufmann Willi Ruppert in Essen den "Westdeutschen Damen-Fußball-Verband e.V.", der wenig später eine "Abteilung Süddeutschland" mit Geschäftsstelle in München ins Leben ruft. Öffentliche Damenfußball-Wettkämpfe werden auf kommunalen Plätzen ausgetragen, wobei Städte und Gemeinden rund 10% der Einnahmen erhalten.

Am 23.9.1956 findet im Essener Mathias-Stinnes-Stadion vor 18.000 Zuschauern das "erste Länderspiel der deutschen Damen-Fussballmannschaft" (Neue Ruhr Zeitung, 24.9.1956) gegen Holland statt. Die Kickerinnen spielen nach FIFA-Regeln bei verkürzter Spielzeit, laufen im schwarz-weißen Dress auf, tragen den Bundesadler auf der Brust und singen die Nationalhymne. Die Printmedien urteilen erstaunlich positiv. "Gute Kombinationen" werden vermeldet, und "daß die Sportart, die in Deutschland bisher nur Männern vorbehalten war, auch für Frauen durchaus möglich ist." (NRZ, 24.9.1956) Die deutschen Frauen gewinnen mit 2:1.

Frauenfußball-Länderspiel Deutschland-Holland in Essen, 21.9.1956. Entstand 2:1

"Die Gleichberechtigung schreitet auch in Fußballstiefeln voran. Essen war Schauplatz des ersten Länderkampfes der deutschen Frauen in Schwarz-Weiß gegen Holland. 18.000 Zuschauer waren Zeugen dieses historischen Tages. Der Name Beckmann wird zweifellos in die Damenfußballgeschichte eingehen, denn die Mittelstürmerin schoß das 1. deutsche Länderspieltor. Wie Herberger Schützlinge zu ihren besten Zeiten, so ziehen die jungen Damen elegant und zu allem entschlossen ihre Kreise. Die Mühe lohnt sich. Ein haarnadelscharfer Schuß der Halblinken, und es steht 2:0. Auch in der 2. Halbzeit zeigen die deutschen Frauen ein geradezu bestrickendes Spiel. Die Holländerinnen erzielen nur einen Gegentreffer. Mit diesem 2:1 Sieg kommt Deutschlands Fußball endlich wieder zu einem schönen Sieg." (Quelle: Neue Deutsche Wochenschau vom 28.9.1956)

Länderspiel in München – DFB wütet im "Kampf gegen Damenfußball"

Auch beim 2. "Fußball-Länderspiel der Damen zwischen Westdeutschland und Westholland" (Kicker, 25.3.1955) im Münchener Dante-Stadion ist das Interesse mit 17.000 Zuschauern groß. Das Spiel endet 4:2 für die deutsche Auswahl. Die Münchener Verkehrsbetriebe müssen ebenso wie die Polizei Sondereinsätze leisten. Der Münchener Merkur spricht von einer "wahren Völkerwanderung" und berichtet von einem Spiel "mit Eifer /.../ ohne unästhetische Gewaltsamkeiten, ohne Rohheiten, ohne unfaire Kniffe und Püffe. Eigentlich war´s also das, was man früher einmal "Sport" nannte. Dabei war andauernd etwas los. Angriff, Kampf und Gegenangriff. /.../ Es knallten haushohe Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle, es wurde gestoppt und gedribbelt, zugespielt und kombiniert". Kurzum: "Das Spiel wurde ein voller Erfolg, für die Fußballerinnen und für die Zuschauer, die ebenso sachkundig wie freundlich gesonnen waren", (Münchener Merkur, 18.3.1957). Selbstverständlich machen sich auch jede Menge sensationslüsterne (männliche) Zuschauer "mit Feldstechern" auf den Weg, die "eher zur Inspektion der westdeutschen und holländischen Hügellandschaften erschienen waren als das fußballerische Kombinationsspiel der Damen zu prüfen." (Münchener Abendzeitung, 18.3.1957) – "Damenfußball" ist eben der "neueste Schrei" (Kicker). Aber quer durch die Presse ist der Tenor einhellig und richtet sich gegen das DFB-Verbot: "Laßt sie doch Fußball spielen!" (Münchener Abendzeitung, 18.3.1957)

Selbst das renommierte Fußballmagazin Kicker stimmt in die Fanfare der Fußball-Gleichberechtigung ein. Zwar bescheinigt man der "Kickerei" nur das Niveau eines "mittelmäßgien Schülerspiels", anerkennt aber "erstaunliche Leistungen einzelner Spielerinnen" und "Tore, die das Publikum in Begeisterung versetzten". Erinnernd an die Entscheidung des DFB, "aus grundsätzlichen Erwägungen und ästhetischen Gründen" Damenfußball zu verbieten, urteilt der Kommentator: "Unästhetisch, nein, so wirkte das ganz und gar nicht, was die Mädels im Alter zwischen 17 und 22 Jahren vorführten /.../ Das Münchener Spiel bewies, daß Damen-Fußball durchaus sportlich ist". Kein Wunder, dass sich nach der Demonstration des Damenfußballs in München "die Anrufe junger Mädchen" bei der Kicker-Redaktion häuften: Sie wollten wissen, wo man sich für Damenfußball anmelden kann. (Kicker, 25.3.1955)

Wochenschau-Kommentar zum Damenfußball-Länderspiel Deutschland gegen Holland 4:2, in München am 16.3.1957

"...dafür hat sich aber das zarte Geschlecht den Fußballplatz erobert. In München trafen sich die Amazonen aus Deutschland und Holland. Die zahlreich erschienene Männerwelt lachte skeptisch oder schaute kariert aus der Wäsche. Dann aber sahen sie ein flottes Spiel. Die deutschen Amazonen im weißen Jersey gehen ran. Die solange zu Hause gebliebene Fußballbraut zeigt teilweise sogar bestrickenden Stil. – Tja, jetzt reißen sie Mund und Nase auf, die Herren. Schon hängt das Leder in den Maschen der holländischen Meisjes. Geradezu aus der Luft gehäkelt dieser Ball. Die Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung scheint tatsächlich gelungen zu sein, obwohl die Herren der Schöpfung noch immer lachen. Unser Fußball-Suffragetten tragen keine Blau- sondern Ringelstrümpfe, siegen gegen die Meisjes mit 3:2 (Anmerkung: falsches Ergebnis) und Mutti freut sich." (Quelle: Im Spiegel der Woche / Blick in die Welt, März 1957)


Wochenschau-Kommentar zum Damenfußball-Länderspiel Deutschland gegen Holland 4:2, in München am 16.3.1957

"Sie sehen richtig. 44 Damenbeine in Aktion. 1:0 für Holland. Gegenzug der deutschen Fußballamazonen. 14.000 Zuschauer feuern die Deutschen im Münchener Dante-Stadion an. Und es steht 1:1. Wer allerdings nur aus Gaudi und Sensationslust gekommen war, kam nicht auf seine Kosten. Die Damen spielten fair und zeigten entschiedene gute Kombinationen. Nach dem 2:2 Gleichstand ging Deutschland mit 3:2 in Führung. Das vierte Tor ist eine Meisterleistung: Lattenschuss...Rückzieher und ..Tor! Die deutschen Damen gewannen mit 4:2." (Quelle: Die Stimme der Welt – Fox tönende Wochenschau, März 1957)

Der DFB empört sich

Der DFB indes ist erzürnt ob des Spiels, der positiven Presse und der hohen Zuschauerzahl. In einem Schreiben an den Münchener Oberbürgermeister vom 23.April 1957 empört sich DFB-Funktionär Dr. Georg Xandry: "Der Deutsche Fußballbund hat vor zwei Jahren /.../ das Fußballspiel für Frauen als jeglichem sportlichen Empfinden widersprechend abgelehnt und seinen Vereinen die Auflage erteilt, ihre Sportanlagen für Veranstaltungen solcher Art nicht herzugeben. Wenn auch inzwischen einige wenige Frauenfußballspiele stattgefunden haben, so hätten wir doch von Städten wie jetzt München und Frankfurt erwartet, daß sie unsere Einstellung, die den Sportämtern bekannt war, nicht vollends außer acht gelassen hätten. /.../ Unser Bundesvorstand bedauert deshalb die seitens der Stadt München zum Ausdruck gebrachte Einstellung – dies um so mehr, als daraus auch zu ersehen ist, daß den für den Abschluß des Spiels Verantwortlichen die Unterscheidung zwischen wahrem Sport und Schaustellung abgeht. Mit der in Frage stehenden Veranstaltung sind Sie uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball gleichsam in den Rücken gefallen, was dem bisher guten Verhältnis zwischen der Stadt München und uns nicht dienlich sein kann." (Niederschrift über die 3. Sitzung des Ausschusses für Leibesübungen der Landeshauptstadt München vom 6. Juni 1957) In der Niederschrift hält Ausschuss-Vorsitzender Studienrat Meßthaler außerdem fest, dass aufgrund von Damenfußballspielen bereits andernorts "der DFB in Harnisch (kam) und sich benahm in einer Art, die ihm nicht anstand". (ebenda)

Deutscher Städtetag souverän

Auch der Deutsche Städtetag muss sich mit dem Thema Damenfußball befassen. Am 10. und 11.7.1957 diskutiert der Sportausschuss des Deutschen Städtetages in Berlin das Pro und Kontra des weiblichen Kicks. Im Vorbericht vom 24.6.1957 heißt es: "Es ist an die Geschäftsstelle die Frage herangetragen worden, ob nicht der Deutsche Städtetag ebenso wie für Catcher-Veranstaltungen auch für Damenfussballspiele empfehlen sollte, keine städtischen Sport- und Spielplätze zur Verfügung zu stellen." Hintergrund sind Aktivitäten und Drohgebärden des DFB. In der Niederschrift der 12. Sitzung des Sportauschusses wird vermerkt, "dass der Deutsche Fußballbund der Stadt Frankfurt/Main gedroht habe, keine größeren Spiele mehr nach Frankfurt zu legen, wenn nicht ein derzeit angesetztes Damenfußballspiel abgesagt würde." Allerdings denkt man seitens des Sportausschusses recht fortschrittlich und sieht keine Veranlassung, den Städten ein Damenfußball-Verbot zu empfehlen. "Städtetag nicht gegen Damenfußball" verkündet die "Schwäbische Donauzeitung" am 15.7.1957, und die Berliner Zeitung "Der Abend" berichtet: "Auch das Thema Damen-Fußball stand auf dem Programm. Der selbstgefällige DFB hatte offenbar versucht, über dieses kommunalpolitische Gremium die städtischen Plätze für Fußballspiele für Frauen sperren zu lassen. Dazu erklärte Senator Wolters, der Städtetag sei nicht berechtigt, in dieser Frage eine Entscheidung zu fällen. Wenn die Frauen Fußball spielen wollen, so können sie das auch, denn wir haben schließlich die Gleichberechtigung." (Der Abend, 11.7.1957)

DFC München und DFC Bochum

Nach dem Spiel im Dante-Stadion gehen beim Fußballfachblatt "Kicker" zahlreiche Anfragen junger Frauen ein. Die Damen möchten wissen, bei welchem Verein sie sich für "Damenfußball" eintragen lassen können. Nur: Es gibt noch keinen. Doch fußballbegeisterte junge Damen wie die damals 16jährige Hanna Kuplent, geb. Kripp, wissen sich zu helfen. Per Zeitungsanzeige suchen sie nach Gleichgesinnten, und noch im Frühjahr 1957 wird der Damenfußball-Club München gegründet, der bald über rund 20 aktive Spielerinnen verfügt. Trainiert und gekickt wird wöchentlich unter Anleitung eines Trainers auf einer Wiese in Berg am Laim bei Ramersdorf. Meist spielt man untereinander. Es kommt aber auch zu etlichen Spielen gegen österreichische Teams oder gegen die Konkurrenz der TSG Pasing. Als 1960 der DFC München in Rosenheim zu einem Städtespiel gegen Salzburg antritt, sind 20.000 Zuschauer im Stadion. Die Pressekritik danach ist allerdings verheerend, erinnert sich Hanna Kuplent. So verheerend und niederschmetternd, dass die jungen Kickerinnen den Mut verlieren und sich der DFC München auflöst.

Auch in Bochum kommt es 1957 zu einer Vereinsgründung. Imgard Statzner, geb. Lammers, gründet 1957 den Damenfußball-Club Bochum. Die damals 24-jährige kickt bereits seit 1953. Zunächst trainiert sie regelmäßig mit anderen Kickerinnen auf einem Sportplatz in Essen-Karnap. Später spielt sie bei Gruga Essen und ist auch bei den ersten beiden Länderspielen dabei. Per Zeitungsanzeige macht sie sich für Damenfußball in Bochum stark. Doch die Resonanz ist eher verhalten. Oft muss man sich für Spiele gegen andere Damenclubs mit Spielerinnen benachbarter Teams aushelfen. Dennoch tritt der DFC Bochum zu zahlreichen Städtespielen an. Zu einigen Kickerinnen von Herbido Utrecht entwickeln sich sogar enge freundschaftliche Beziehungen. Nach einem Spiel gegen Herbido Utrecht in Bochum-Krümmede 1958 werden die Spielerinnen von ein paar Polizisten in die Kabinen eskortiert, weil Zuschauer die Fußball-Damen mit beleidigenden Sprüchen einschüchtern. Im gleichen Jahr löst sich der DFC Bochum wieder auf.
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Autor: Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza für bpb.de
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