Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.
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Zwischen Verfolgung und Emanzipation

Essay


17.5.2010
Die Schwulen- und Lesbenbewegung ist ein Lehrstück sexueller Emanzipation. Trotzdem müssen Homosexuelle nach wie vor mit Risiken leben. Die Worte "schwul" und "lesbisch" sind heute beides: Worte der Emanzipation und der Verachtung. Ein Essay von Volkmar Sigusch.

Ein homosexueller Demonstrant befestigt seine Kleidung. Hintergrund: Zum Abschluss eines Homosexuellen-Wochenendtreffen wird in der Innenstadt von Frankfurt am 28. Juli 1979 demonstriert.Das erste internationale Homosexuellen-Treffen in Frankfurt im Juli 1979. (© AP)

Einleitung



Wer über Homosexualität nachdenkt, hat es auch heute noch vor allem mit Vorurteilen zu tun. Die einen sind neuerdings positiv, die anderen seit Jahrhunderten negativ. Positive Vorurteile hören sich so an: Schwule sind gebildeter und sensibler, verdienen besser, ziehen sich erlesener an, sind weltweit vernetzt. Lesben sind selbstbewusster, emotional stärker, sexuell versierter, für Leitungspositionen geeigneter. Negative Vorurteile klingen so: Schwule sind weibisch ("Tunten"), schrill, feige, unsportlich, machen schmutzigen Sex, sind als Verantwortungs- und Geheimnisträger ungeeignet. Lesben wissen gar nicht, wie richtiger Sex gemacht wird, sind bissig, uncharmant, pseudomännlich, wollen überall das Sagen haben ("Kampflesben"). Im Grunde sind alle Homosexuellen Gesellschaftsparasiten, weil sie keine Kinder in die Welt setzen, welche die "Normalen" unter Strapazen großziehen müssen.

Die Wirklichkeit ist natürlich vielfältiger. Tatsächlich gibt es unter Homosexuellen alle Entwicklungen und Charaktere: Genies und Kleinstgeister, Anständige und Lumpen, Menschenfreunde und Menschenschinder. Damit ist gesagt, dass es im Grunde unverantwortlich ist, Menschen allein nach ihrer überdies immer mehr oder weniger flüssigen sexuellen Orientierung in einen Topf zu werfen: das Begehren eines Thomas Mann mit dem des SA-Führers Ernst Röhm, die Männerliebe eines James Dean oder Anthony Perkins mit der des Ökonomen John Maynard Keynes, des FBI-Chefs J. Edgar Hoover oder des Kolonialisten Cecil Rhodes oder auch die Frauenliebe einer Martina Navrátilová mit der einer Simone de Beauvoir oder einer Susan Sontag. Immer wird die differente Personalität des Begehrens zugunsten eines verramschenden Vorurteils beseitigt.

Ähnlich problematisch ist es, gleichgeschlechtliches Verhalten und Verlangen aus differenten Kulturen oder weit auseinander liegenden Epochen gleichzusetzen. Frauen werden von Frauen und Männer von Männern seit Jahrtausenden begehrt. Wie dieses Begehren jedoch erlebt und eingeordnet wird, bestimmt die jeweilige Kultur oder Epoche. Folglich ist zum Beispiel die Differenz zwischen dem antiken mannmännlichen Eros, der zur platonischen Staatskunst aufstieg, und unserer gegenwärtigen Homosexualität enorm. Vom Begehren des Sokrates führt kein gerader Weg zu dem von Pjotr Tschaikowski, Ludwig Wittgenstein, Heinrich von Brentano, Michael Kühnen oder Hape Kerkeling.

Geschichte der Verfolgung



Konzentrieren wir uns auf unsere Kultur, erkennen wir, dass die Geschichte der Homosexuellen bei uns eine der Verachtung und Verfolgung - und erst seit kurzem auch eine der Emanzipation ist. Im Jahr 538 verbot ein Edikt des Kaisers Justinian, genannt "Novella 77", neben Gotteslästerung auch mannmännlichen "Verkehr", weil beide Hungersnöte, Erdbeben und Pest hervorriefen. Später, seit dem Mittelalter, wurde mannmännlicher "Verkehr" bei uns mit dem Tod bestraft. Bis 1794 regelte Artikel 116 des Preußischen Landrechts die Todesstrafe. In England wurde sie offiziell 1861 abgeschafft.

Damit war sie aber nicht aus der Welt. Die Nationalsozialisten verschärften nicht nur den Strafrechtsparagrafen gegen mannmännlichen Verkehr, sie brachten im 20. Jahrhundert auch homosexuelle Männer, gezeichnet durch den "Rosa Winkel", zu Tausenden in Konzentrationslagern um.[1] Alle homosexuellen Männer und Frauen lebten in der NS-Zeit in Angst und Schrecken - wie heute immer noch in vielen außereuropäischen Ländern, von denen etliche, zum Beispiel der Iran, Jemen, Mauretanien und Sudan, die Todesstrafe verhängen, mit mehr als zehn Jahren Haft drohen wie zum Beispiel Kenia, Uganda, Burundi, Indien und Pakistan oder in diesen Tagen drastische Verschärfungen bis hin zur Todesstrafe planen wie Uganda, oft unter dem gezielten Einfluss US-amerikanischer evangelikaler Christen. Im Dezember 2008 stimmten nur 66 von 192 Ländern in der UN-Generalversammlung für eine Erklärung gegen die Diskriminierung Homosexueller. Der Vatikan soll dafür gesorgt haben, dass nicht mehr Länder zustimmten.


  1. Vgl. Günter Grau, Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933 bis 1945, Münster u.a. (i.E.); zur Zeit danach vgl. z.B. Dieter Schiefelbein, Wiederbeginn der juristischen Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik Deutschland. Die Homosexuellen-Prozesse in Frankfurt am Main 1950/51, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 5 (1992) 1, S. 59-73.



 

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Inhaltliche Daten
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Demonstration f?r die...  
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