Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.

Homosexualität und Fußball - ein Widerspruch?


17.5.2010
Fußball ist hart, schmerzhaft, männlich. Für viele Fans, Spieler und Trainer passen Schwule und Fußball nicht zusammen. Also verbergen schwule Fußballer noch immer ihre sexuelle Orientierung. Doch langsam beginnt auch im Fußball ein Umdenken.

Eine Fußballmannschaft aus Prag, Tschechische Republik, trägt am Montag, 2. August 2010  bei einem Fußballspiel bei den Gay Games 2010 in Köln, Nordrhein-Westfalen, rosarote Trikots. Bei den weltweit größten Sportveranstaltung in der schwul-lesbischen Bewegung wetteifern bis zum 7. August 2010 rund 10.000 Sportler in 35 verschiedenen Sportarten.Fußballspiel bei den Gay Games 2010 in Köln. (© AP)

Fußball gilt als klassischer Männersportart und wird von manchen Aktiven auch gerne als Kampfsportart bezeichnet. Fußball ist ein körperbetontes Spiel, das ohne direkte Kontakte mit Gegnern und auch eigenen Teammitgliedern nicht zu spielen ist, in dem Härte, Wendigkeit, Schnelligkeit und bisweilen auch schmerzhafter Körpereinsatz gefragt sind. Schwule hingegen gelten als unmännlich. Sie weisen – so das Vorteil – vor allem angeblich typisch weibliche Eigenschaften auf: sie sind weich, emotional, wenig durchsetzungsfähig, leicht verletzlich, zickig oder zimperlich. Damit verstoßen Schwule gegen die Normen des Männlichen, das als fraglos heterosexuell angenommen wird. Schwules Begehren verletzt diese Annahme: Da das Heterosexuelle unhinterfragte Norm ist, etwas Vertrautes und für weite Teile der Bevölkerung Selbstverständliches, besteht noch kaum ein selbstverständlicher Umgang mit Homosexuellen. Gerade im Fußball. [...]

Schwule und Lesben im Fußball



Deshalb bemühen sich (Profi)Fußballer, so heterosexuell wie möglich aufzutreten - ob sie es sind oder nicht, denn die Erfahrung vieler offen lebender homosexueller Sportlerinnen und Sportler ist mehr oder weniger offene Diskriminierung. Für Profis kann ein Bekenntnis zum Schwulsein bedeuten, von ihren Verbänden, Vereinen oder Teams abgelehnt, aus dem Kader entfernt zu werden oder Sponsoren zu verlieren, was wiederum den Verlust der Existenzgrundlage bedeuten würde. Die Demonstration der eigenen Heterosexualität eines (schwulen) Fußballers kann verschiedene Elemente enthalten: betont hartes Einsteigen in Zweikämpfen; demonstratives Auftreten in weiblicher Begleitung; Mitlachen bei Schwulenwitzen in der Kabine. Solange Männer nicht in den Verdacht geraten, schwul zu sein, haben sie nichts zu befürchten. [...]

Für Schwule im Fußball bedeutet dies, dass sie ihre sexuelle Orientierung (immer noch) verbergen müssen. Sie lernen schon im Jugendalter, dass Schwule minderwertig sind; Beschimpfungen wie "Weichei", "Warmduscher", "Memme" oder Bezeichnungen wie "schwuler Pass" (für einen Fehlpass) sind sinnfälliger Ausdruck der fortdauernden Homophobie. So trainieren junge Fußballer nicht nur den versierten Umgang mit dem Ball, sondern auch das Vermeiden all dessen, was als "schwul" wahrgenommen werden könnte. Als Erwachsene sind schwule Fußballer häufig geradezu Meister eines viel Energie verbrauchenden Spagats zwischen zwei Aspekten ihrer Persönlichkeit, die nicht miteinander vereinbar scheinen. Die für das Verstecken des eigenen Schwulseins aufgewendete Energie steht für den Sport nicht mehr zur Verfügung; darunter kann ihre Leistungsfähigkeit leiden. Schwule Fußballer, die diese doppelte Belastung, sportliche Höchstleistungen erbringen und zugleich ihr Schwulsein verheimlichen zu müssen, nicht durchhalten, verzichten auf eine vielversprechende Profikarriere.[1] Dem Sport gehen damit Talente verloren.

Der Homophobie im Fußball sind auch Lesben ausgesetzt. Sie bekommen sie nur in anderer Weise zu spüren. Es ist weithin bekannt, dass im Frauenfußball im Breiten- wie im Leistungssport viele Lesben mitspielen. In den oberen Ligen können sie sich allerdings ebenso wenig zu ihrer Homosexualität bekennen wie ihre schwulen Kollegen und unterliegen Stillhalteabkommen. In den Teams und Vereinen ist bekannt, wer lesbisch ist, doch von diesen Spielerinnen wird verlangt, dies nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Damit sind Lesben zwar einem geringeren Druck ausgesetzt als Schwule, doch die heteronormative Ordnung wird auch hier aufrechterhalten. Das mag zum einen daran liegen, dass Lesbischsein weniger ernst genommen wird als Schwulsein, zum anderen daran, dass der Frauenfußball ohne Lesben nicht denselben Erfolg hätte, wird er doch mehr als andere Sportarten überdurchschnittlich von Lesben betrieben, die zu einem bedeutenden Teil seine Leistungsträgerinnen sind. Es liegt aber auch daran, dass Frauenfußball zur großen Fußballfamilie gehört und deshalb auch hier wie im Männerfußball über Homosexualität und Homophobie bislang wenig gesprochen wird.

Dass Lesben im Frauenfußball offenbar geduldet wurden und werden, hat weniger mit seiner verglichen mit dem Männerfußball noch immer geringeren Popularität zu tun als damit, dass er lange Zeit ohnehin nicht als "echter" Fußball ernst-, sondern als missglückte Imitation des Männerfußballs wahrgenommen wurde. Wenn Fußballerinnen ein von tradierten Männlichkeitswerten geprägtes Spiel betreiben, werden sie zudem immer noch von vielen nicht als "echte" Frauen betrachtet, dazu sind sie ihnen zu kerlig, robust, roh und damit unattraktiv - Attribute, die gemeinhin Lesben zugeschrieben werden. Ob lesbisch oder schwul, Homosexualität scheint dem Fußball zu schaden und sein Ansehen zu diskreditieren. Die Äußerungen des früheren Managers von Schalke 04, Rudi Assauer, im März 2010 belegen dies: Er empfahl Schwulen, sich einen anderen Arbeitsplatz als den Fußball zu suchen, weil es in dieser Sportart anders als vielleicht in anderen Sportarten nicht "funktioniere", offen homosexuell zu sein.[2]

Doch zugleich ist Homosexualität im Fußball ein interessantes und reizvolles Thema. In der Fußballberichterstattung wird immer häufiger danach gefragt, wann das erste Outing eines schwulen Fußballers stattfinde. Das wäre eine Schlagzeile, die größtmögliche Aufmerksamkeit garantieren würde. Dies konterkariert eine häufig geäußerte Meinung derer, die keine Notwendigkeit sehen, gegen Homophobie im Sport vorzugehen, denn die Art des sexuellen Begehrens sei Privatsache, und deshalb solle auch nicht darüber gesprochen werden. Dabei wird jedoch übersehen, dass Heterosexualität in der Sportberichterstattung eben keine Privatsache, sondern - wenn auch nicht mit diesem Begriff bezeichnet - ein selbstverständlicher Bestandteil ist. So werden Spielerfrauen auf Stadiontribünen in der Fernsehberichterstattung eingeblendet, es wird darüber berichtet, welcher Athlet mit welcher Athletin liiert ist, welche Sportlerin ihren Trainer geheiratet oder wie ihr Freund auf einen Olympiaerfolg reagiert hat und dergleichen mehr. Fans und Zuschauende erfahren so: Athletinnen und Athleten haben ein Privatleben, sind abgesehen von ihrer sportlichen Betätigungen Menschen wie du und ich - und insoweit über Privates berichtet wird, immer heterosexuell. Alles ganz normal. Unangenehm ist demgegenüber das Andere, die Homosexualität, das lieber ignoriert wird, selbst wenn es offenkundig oder bekannt ist.[3]

Bereits Begebenheiten, die zunächst nichts mit Homosexualität zu tun haben, werden in diesem Kontext dargestellt, so auch die im Spätwinter 2010 eskalierende Auseinandersetzung um den Vorwurf der sexuellen Belästigung, den der Bundesligaschiedsrichter Michael Kempter gegen den inzwischen zurückgetretenen Schiedsrichterfunktionär des Deutschen Fußballbundes (DFB), Manfred Amerell, vorgebracht hat. Auch Rudi Assauer führt diese Angelegenheit an, um seine Haltung zu bekräftigen: Der Fall zeige ja, was im Fußball passiere, wenn sich jemand oute.[4] Ein Gutteil der Berichterstattung beruht auf der Annahme, dass doch zumindest einer der beiden Beteiligten schwul sein müsse. Das vermutete Schwulsein macht das Thema besonders interessant. Doch hat sexuelle Belästigung in erster Linie etwas mit Machtverhältnissen, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch zu tun. Die Berichterstattung vermischt zwei völlig verschiedene Ebenen und trägt somit dazu bei, Homosexualität als etwas im Fußball Unbequemes und Unerwünschtes zu betrachten. Und sie zeigt, dass Homosexualität anders als Heterosexualität unwillkürlich mit ausgelebter Sexualität oder dem unaufhaltsamen Drang, dies immer und überall zu tun, assoziiert wird.

Hier schlägt sich das Stereotyp des Schwulen als grundsätzlich promisk, seinen sexuellen Trieben ausgeliefert und ausschließlich an Sex interessiert nieder: als wäre der Zivilisationsprozess an homosexuellen Menschen vorbeigegangen, als hätten sie nicht ebenso wie Heterosexuelle gelernt, ihre Affekte zu kontrollieren. Übersehen wird zudem, dass die Zurschaustellung von Erotik, Begehren und Werbung um den oder die Andere/n in manchen Sportarten wie etwa im Turniertanz reine Darstellung und Inszenierung ist. Denn Sport an sich ist eine asexuelle Angelegenheit. Für Heterosexualität wird dies fraglos als selbstverständlich an- und hingenommen, gegenüber der Homosexualität jedoch angestrengt und absichtlich immer wieder bekräftigt, indem sie totgeschwiegen, diskriminiert oder lächerlich gemacht wird. Sie bleibt das gefährliche Andere.

Umdenken



Doch immerhin scheint im Fußball allmählich ein Umdenken einzusetzen. Der DFB-Präsident Theo Zwanziger setzt sich seit gut zwei Jahren offensiv dafür ein, das Tabu Homosexualität im Fußball abzubauen. Ein bei einem Länderspiel des Männernationalteams gegen Finnland am 14. Oktober 2009 in Hamburg stadionweit verteilter Flyer gegen Diskriminierung und für die Akzeptanz von Homosexualität im Fußball belegt das Engagement des Verbandes. Auch Bundesligavereine wie Werder Bremen haben erkannt, dass die sexuelle Orientierung ebenso wenig ein Grund zur Diskriminierung sein darf wie die soziale Herkunft oder andere Merkmale. In der "Satzung und Jugendordnung des SV ,Werder' von 1899 e.V." findet sich unter §2, Zweck des Vereins, der Absatz: "5. Der Verein fördert die Funktion des Sports als verbindendes Element zwischen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und sozialen Schichten. Er bietet Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unabhängig von Geschlecht, Abstammung, Hautfarbe, Herkunft, Glauben, sozialer Stellung oder sexueller Identität eine sportliche Heimat."[5]

Auch über Deutschland hinaus werden Zeichen gegen Homophobie im Fußball gesetzt, die belegen, dass eines der letzten großen Tabus im Sport abgeschafft werden soll und keinerlei Diskriminierungen mehr geduldet werden sollen. Der englische Fußballverband (Football Association) hat schon im Jahr 2002 eine Broschüre gegen Homophobie im Fußball in Kooperation mit Vereinen der Premier League aufgelegt[6] und unterstützt die Justin Campaign,[7] die mit Aufklärung und Schulungsangeboten der Homophobie im Fußball entgegenwirken will. Auf europäischer Ebene hat sich der europäische Fußballverband UEFA des Themas angenommen, auf seiner dritten Konferenz gegen Diskriminierung im Fußball im März 2009 Homophobie in Workshops aufgegriffen und deutlich gemacht, dass allen Diskriminierungen gleichermaßen begegnet werden müsse.

Dies sind wichtige Signale auf dem Weg des Wandels im Fußball hin zu einer Sportart, die dem Integrationsgedanken des Sports gerecht werden und fair play für alle, unabhängig von ihrem kulturellen oder sozialen Hintergrund - und von ihrer sexuellen Orientierung -, garantieren will.

Der hier veröffentlichte Artikel ist eine gekürzte Fassung der Original-Version in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 15-16/2010)


  1. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban aus Erfurt, der seine Geschichte öffentlich machte: vgl. Ronny Blaschke, Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban, Göttingen 2008.
  2. Vgl. www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518, 683002,00.html (11.3.2010).
  3. Vgl. den Live-Kommentar zum Spiel um die Goldmedaille im Männereishockey bei den Olympischen Spielen in Vancouver am 28.2.2010 im ZDF: Der Kommentator erwähnte bei der Einblendung des amerikanischen Teammanagers auf der Tribüne den tragischen Verlust seines Sohnes durch einen Autounfall. Dass Brendan Burke schwul war, erwähnte er nicht. Das hätte eine Chance sein können, in der Berichterstattung für die Selbstverständlichkeit von Homosexualität im Sport einzutreten.
  4. Vgl. www.spiegel.de (Anm. 2)
  5. www.werder.de/download/satzung.pdf (2.3.2010).
  6. Vgl. Football Association (ed.), Tackling Homophobia, London 2002.
  7. www.thejustincampaign.com (28.2.2010). Der Name der Kampagne erinnert an den englischen Profifußballer Justin Fashanu, der sich Anfang der 1990er Jahre als schwul geoutet hatte und im Jahr 1998 Selbstmord beging.



 

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FRANKREICH, Paris, 27/01/2013. Demonstration fuer die Schwulenehe. Unter dem Motto 'Zombie Love Power' mit Kunstblut verschmierte Frauen. Zwischen 135000 und 400000 Menschen zogen vom Denfert-Rochereau-Platz zum Bastille-Platz fuer das Eherecht und das Recht auf kuenstliche Befruchtung (PMA) fuer homosexuelle Paare.
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