This ain't California
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"Wir wollen eine gefühlte Wahrheit, eine Gefühlswelt zeigen"

Ein Gespräch mit Marten Persiel, dem Regisseur des Films "This Ain't California", und dem Produzenten Ronald Vietz.

28.8.2012
In einem Gespräch für die bpb erläutern Regisseur Marten Persiel und Produzent Ronald Vietz ihre Vorgehensweise beim Dreh von "This Ain't California" und erklären, warum sie verschiedene Arten der Inszenierung eingesetzt haben, ohne dies später im fertigen Film zu kennzeichnen. Außerdem geht es in dem Interview um ihren dokumentarischen Ansatz und um die Frage nach dem Wert der "emotionalen Wahrheit".

Regisseur Marten Persiel (Mitte) und Produzent Roland Vietz (rechts)Regisseur Marten Persiel (Mitte) und Produzent Roland Vietz (rechts) (© Berlinale 2012)

Der Film "This Ain't California" erzählt die Geschichte des Skateboardfahrens in der DDR und stellt dabei den Skater "Panik" aka Denis Paraceck in den Mittelpunkt. Die DDR ist längst Geschichte und die Skater vom Alexanderplatz sind heute in alle Winde zerstreut. Wie ist es Ihnen gelungen, trotzdem einen so bildgewaltigen Film zu machen?

Marten Persiel: Es gab in der DDR viele Hobbyfilmer, gerade auch in der Breakdance- und Skateboard-Szene. Wir hatten am Ende unheimlich viel Material zur Verfügung, in dem Lebensfreude steckte. Das war dann am Ende auch das, worauf ich hinaus wollte: Lebensfreude zu zeigen, und nicht nur geschichtliche Daten zu vermitteln. Im Film gibt es keine Jahreszahlen oder Mengenangaben darüber, wie viele Skater es genau gab. Wir wollen eine gefühlte Wahrheit, eine Gefühlswelt zeigen.

Ronald Vietz: Wir haben auch gemerkt, dass ein und derselbe Event von verschiedenen Leuten ganz unterschiedlich erinnert wird. Bei den Deutsch-deutschen Skater-Meisterschaften, da hatten wir am Ende drei Jahreszahlen und fünf verschiedene Storys. Wir haben das dann im Film so geschnitten, wie es uns am wahrscheinlichsten erschien und am Ende sind die Leute aus dem Kino gekommen und haben gesagt: "Ja, so war es!"

Marten Persiel: Wir haben schon festgestellt, dass wir als Dokumentarfilmer Entscheidungen treffen müssen, wie es war. Die präzise Wahrheit findet man manchmal nicht. Es gibt einfach zu viele verschiedene Geschichten und dann musst du selbst entscheiden. Ich glaube, das ist eine Sache, die nicht nur bei unserem Projekt so ist, sondern bei jedem Dokumentarfilm so ist. Derjenige der es aufschreibt sagt, wie es war.

Interviewerin

Luc-Carolin Ziemann

Luc-Carolin Ziemann hat in Hamburg und Leipzig Kultur-, Medien- und Politikwissenschaften studiert. Sie ist als Kuratorin, Autorin und Dozentin tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Dokumentar- und Kurzfilm sowie zeitgenössische Kunst.


Sie sagen, Sie wollen mit dem Film das Genre Dokumentarfilm neu definieren. Wie sieht ihre neue Definition aus?

Marten Persiel: Wir benutzen gerne den Begriff "dokumentarische Erzählung". Es ist ganz klar ein Dokumentarfilm in dem Sinne, dass er eine Geschichte, die tatsächlich so passiert ist, erzählt. Formal ist das ein Dokumentarfilm, aber erzählerisch hatten wir einen anderen Ansatz, da haben wir gesagt, es soll sich wie ein Buch anfühlen. Deswegen sind auch die Kapitelmarken da, deswegen ist die Animation da, denn es gibt bestimmte Sachen, da gibt es einfach keine Bilder dazu. Da ist zum Beispiel der Moment, in dem die Hauptfigur Denis aufhört mit seiner Schwimmerkarriere. Das wurde uns mehrfach erzählt, aber dazu gibt es natürlich keine Bilder. Deshalb habe ich gesagt, dann machen wir das als Animation. Dann zeigen wir, wie ein Junge aufhört zu schwimmen und statt geradeaus zu schwimmen plötzlich zur Seite weg schwimmt. Das ist eine Metapher und dafür ist die Animation da, das hat aber mit Dokumentarfilm in diesem Sinne nichts zu tun. Wir haben immer gesagt, wir machen einen Dokumentarfilm, wo die Erzählung wichtiger ist, als sich irgendeiner Form unterzuordnen.

Ronald Vietz: Wir wollen beim Dokumentarfilm das "Film" größer schreiben als das "Dokumentar". Um das wiederzugeben, wie es damals war, sind natürlich auch die Fakten wichtig, aber vor allem die Tatsache, dass man es vom Gefühl her trifft. Wir haben uns darauf konzentriert, die gefühlte Wahrheit zu zeigen und dadurch eine hohe erzählerische Dichte erzeugt.

Mit dieser Konzentration auf die "gefühlte Wahrheit" setzen Sie sich dem Vorwurf aus, es mit den Fakten nicht allzu genau zu nehmen, vor allem deshalb, weil Sie mit inszenierten Szenen und mit Schauspielern und Schauspielerinnen arbeiten, das im Film aber nicht kenntlich machen.

Ronald Vietz: Jede einzelne Geschichte, die erzählt wird, ist wahr und die gab es so. Wir haben sie anders bebildern müssen, wir haben uns beholfen, wir haben mal eine Sache nachgedreht. Das ist alles richtig. Aber die Geschichten, die wir erzählt haben, das war immer unser Anspruch, die sind alle wahr. Aber wenn ich einen Dokumentarfilm mache, werde ich immer meinen Betrachtungswinkel mit einbringen, jederzeit.

Marten Persiel: Wir hatten zum Beispiel die Entscheidung zu treffen: Gab es viel Repression gegen die Skater oder gab es wenig? Wir haben beides erzählt bekommen. Wir haben uns dafür entschlossen, es hereinzunehmen, weil es wichtig ist, aber man hätte es auch rauslassen können. Das wäre auch richtig gewesen.

Ronald Vietz: Wir wollten gerade die Ernsthaftigkeit und die Wahrhaftigkeit eines Dokumentarfilms erreichen.

Aber ist es denn wahrhaftig, einen Dokumentarfilm ins Kino zu bringen, von dem große Teile inszeniert sind, ohne dass diese Tatsache dem Publikum bewusst gemacht wird?

Ronald Vietz: Aber das ist ein ganz klassisches Reenactment[1]. Das Besondere bei uns ist vielleicht, dass die Reenactments bei uns schwer auszumachen sind. Es würde aber das Gefühl töten, wenn ich jedes Bild, das nachgedreht ist, mit einem Wasserzeichen Reenactment versehen würde.

Marten Persiel: In der Hinsicht haben wir überhaupt nichts Neues erfunden, das wird in diversen Dokumentarfilmen ständig verwendet. Das interessiert auch die Zuschauer gar nicht. Filmwissenschaftler denken über diese Fragen nach, aber die Leute, die den Film sehen, nicht.



Fußnoten

1.
Reenactment: Das Nachspielen von Szenen, die sich real abgespielt haben, aber nicht mit der Kamera dokumentiert werden konnten.